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Neujahr

1.

Die Autobahn, auf der nachts, in der ersten Stunde des neuen Jahres, sechs Menschen ihr Leben verloren haben, ist noch immer gesperrt, sehe ich aus dem Zugfenster heraus.

Ich bin froh, der Stadt wieder entkommen zu sein, in der ich die letzten Tage verbracht habe. Bald spaziere ich einen Hügel hinauf, Sonne, Wiesen, Bergblick, das ganze Programm. Ein Schwenk bringt den Rückstau auf der Autobahn wieder ins Blickfeld. Auch andere Menschen zieht es an dem Nachmittag auf die schöne Höhe, man kommt ins Gespräch. Eine Freundin, so erzählt ein Paar, sei von der Gegenfahrbahn aus Zeugin des Unfalls geworden. Sie hat das Krachen gehört, wie sich die Fahrzeuge ineinander verkeilten, das Schreien der Menschen. Zitternd fuhr sie am nächsten Parkplatz ab, unfähig, ihre Fahrt fortzusetzen.

Kinder treten aus dem Wald und zu den Erwachsenen heran, Holz auf den Armen, um etwas zu basteln, zu bauen, ein Lächeln im Gesicht, ganz Unschuld. Sie sind eine Wette auf die Zukunft.

2.

Hier auf dem Land dreht man an Neujahr ganz leibhaftig seine Runde und wünscht den Nachbarn zu Kaffee, Bier, Likör oder unter verzweifelter Abwehr eben all dieser Angebote, jedenfalls allzeit viele Hände schüttelnd „A guats Nuis“.

Die Großmutter hat dazu eigens ihren besten Pullover angezogen und die feinen Gläser herausgestellt, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt, und nebenbei wechseln Nachbarn, die sich die Klinke in die Hand drücken, den Preis für eine Ladung Holz oder die Kunde über ein Stück verkauftes Land. Archaische Riten und das Versprechen eines Morgen, das auf dem Gestern steht.

 

Allgäu_Winter_Wertach

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Warum nur kreist der Bussard über mir …

Warum nur kreist der Bussard über mir auf meinem Weg in meine Vergangenheit?

Vom Bahnhof bin ich hinaufgewandert auf den Hügel, eine Stunde Fußmarsch vom Ort meiner Geburt dorthin, wo meine Ahnen seit ein paar Generationen wohnen. Habe bei der Großmutter ein Käsebrot gegessen und eine Flasche geleert und bin dann weitergegangen. Habe drüben auf der nächsten Endmoräne schon mein Ziel gesehen, jenen Weiler, in dem ich wichtige Jahre meiner Kindheit verbracht habe und vielleicht bald dorthin zurückkehren werde.

Ich verlasse den Schotter der Feldwege und nähere mich über Sommergras dem schmalen Wäldchen auf halber Strecke zwischen beiden Hügeln. Wie oft war ich als Kind diesen Weg gegangen, auch in einem Alter schon, in dem man heute keine Kinder mehr hinauslassen würde ohne Aufsicht, und wie viele Jahre, ja Jahrzehnte waren seit dem letzten Mal vergangen, denke ich mir ehrfürchtig. Und dann kreist der Vogel über mir. Schrei um Schrei stößt er aus, während er über mir zirkelt. Was will er von mir? Es ist Juli und eigentlich schon zu spät für die Brutpflege, zu spät im Jahr für einen Angriff auf menschliche Störenfriede.

Ich trete in den Wald, suche mir einen Weg durch das Gestrüpp, den nadelbedeckten Boden hinab, staune darüber, hier zu sein. Als ich den Wald verlasse, ist der Vogel wieder über mir. Er begleitet mich auf meinem Weg zurück in meine Biographie wie ein Geisterwesen aus Carlos Castanedas Büchern. Ich lasse die Hände frei schwingen, die Finger leicht nach innen gekrümmt. Vor mir fallen Vergangenheit und Zukunft ineins.