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Reich

Einer in Feuerwehruniform rennt die schmale Straße herab, er kommt zu spät von seinem Hof. Unten im Dorf sammeln sich bereits Trachten und Ehrenuniformen und Paradesäbel für die katholische Prozession. Später rollt der Donner der Fronleichnamsböller über den Bregenzer Wald. Da sind wir bereits 1000 Meter höher in einer anderen Welt.

Die Kühe tragen Hörner, das ist das Erste, was aufällt. Sie dürfen noch ihre in ihnen angelegte Form verkörpern. Wie verkrüppelt und unvollkommen eine enthornte Kuh aussieht, wird einem erst wieder bewusst, wenn man diese Tiere auf einer Alpe oder einem Demeter-Hof in ihrer eigentlichen Erscheinung sieht. Das Zweite ist die Zäunung. Nicht auf ein Feld gebannt hat der Bauer die Tiere, sondern seinen Weiler zum Mittelpunkt des Weidelandes gemacht. Zwischen den Höfen stehen, schlendern die Rinder, grast ein Kalb. Dieser Schönheit können auch die Kuhfladen vor der Haustüre nichts anhaben.

Schwül lastet die Luft an diesem letzten Maientag auf uns. Im Wald ist es noch kühl, der Steig rutschig, und trotzdem drückend feucht. Schweiß kostet jeder Höhenmeter. Als wir aus dem Wald treten, zwischen letzten Schneeresten, werden Luft, Auge, Herz leichter, lichter. Der Blick weitet sich in alle Richtungen: Bodensee, Alpenvorland, Allgäuer Alpen, Vorarlberg, Säntis. Tief in den Bergen nur Wolken, Fels und Schnee. Wir haben gut daran getan, uns am Rand zu halten. Über den Kamm ziehen wir in Schwüngen nach Westen, zur Rechten des Grates fallen die Höhen steil ab, nach Süden schwingt sich die grasbewachsene Flanke ins Tal. Die Wiesen ein Blütenmeer: Rote Lichtnelke und Bergbaldrian, blauer und gelber Enzian, Ehrenpreis in Blasslila und das Hellblau des Vergissmeinnicht, Weißer Hahnenfuß und gelbe Alpen-Kuhschelle. Wie entsetzlich trist die Wiesen zuhause, von vielfacher Mahd verödet – grüne Wüste.

Fast ist es Neid, was die Flasche Bio-Radler weckt, die einer aus dem Rucksack zieht. „Ich hatte mir auch überlegt, ein Bier mitzunehmen“, kommentiert unser Wahlschweizer. „Und du wolltest dich nicht outen?“ „Ich dachte, ich nehme lieber Gras mit.“

Besser als jedes Radler schmeckt unten auf der Alpe das Glas Rohmilch: urwüchsig, satt und fett. Das Risiko von Krankheitskeimen kümmert mich in diesem Augenblick nicht, denn so gut schmeckt Milch nirgends mehr. Arm, wer diesen Geschmack nicht kennt, sinne ich über dem leeren Glas. Und wie viele Jahre lang hatte ich als Kind, als Jugendlicher bei den Nachbarn die Milch geholt und die Kanne auf dem Heimweg bereits angesetzt und war nie krank geworden?

Über der Nagelfluhkette zwei Täler weiter Gewitterwolken und dann Blitz und Donner. „Mama, los! Mama, auf, es regnet!“, schreit ein nicht mehr kleiner Junge fast panisch vom Spielplatz her und wir können nicht anders als zu lachen. Das Gewitter ist weit und Regen ist wahrlich nicht das, was er zu fürchten hätte.

Später dann hinunter in die bewaldete Schlucht, über eine überdachte Balkenbrücke und an ihrer Flanke hinab an den Bergfluss. Ein Gumpen zwischen den rundgeschliffenen Steinen, er ist groß genug, dass wir alle zusammen ins Wasser steigen, sogar einige Züge schwimmen können. Das Wasser ist erstaunlich warm. Ein paar Tage zuvor tauchte ich in den Bergbach drüben an der Nagelfluhkette und zählte die Sekunden – eins, zwei, drei -, die ich die fürchterliche Kälte ertrug, bis ich mich wieder aus dem Bachbett erhob, brennend vor Kälte und mein Leib ein einziger Lebensschrei, so dicht, so echt, so wahrhaftig.

Bei jeder Bergwanderung in ein Gewässer zu steigen, das habe ich mir vorgenommen für dieses Jahr. Denn ich will reicher sein.

Winterstaude_Bregenzer Wald_Alpen_Wanderung_Berge

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Der Semmelkrieg

„Eine Butterbreze, bitte“, bestellte ich kürzlich. Aber was als solche ausgeschrieben war, beinhaltete genau das nicht. Da war keine Butter drauf. Sondern ein Butterersatz, irgendeine fade Margarine.

Bis dahin hatte ich Butterbrezen für das letzte Refugium gehalten, wo eine Bäckerei noch Butter aufs Gebäck streicht. Belegte Semmeln gibt‘s ja meist nur noch mit einer Fertigremoulade, und zwar nicht nur in sogenannten Backshops und anderen Abfüllstationen. Sondern auch in Cafés, die damit werben, sie ihr Brot und ihre Kuchen noch selber machen. Kommt also statt der Butter eine Remouladenpampe drauf, die ich mir nie im Leben kaufen würde. Und das auch – ein Blick durchs Fenster genügt – in einer Region mit Grünlandwirtschaft, sprich Milchkühen.

Der Grund für die Remoulade kann nur ein ökonomischer sein (lässt sich leichter streichen, wird nicht so schnell ranzig) und kein gesundheitlicher (da möchte ich bittesehr erst einmal die Zutatenliste der Remoulade sehen) und auch kein kulinarischer (nein, wirklich nicht). Übrigens, mit vegan hat es auch nichts zu tun. (Was war da nochmals alles in der Zutatenliste?) Liegt ja auch noch eine Scheibe Käse drauf, und der ist natürlich auch vorgeschnitten aus dem Plastik geholt und nicht vom Bergkäse einer regionalen Käserei gehobelt. Und der Weizen? Ein hochgezüchtetes Produkt, das viel abwirft, aber nach nichts mehr schmeckt.

Bitte, ich möchte einen Semmel, der auch ohne irgendetwas drauf gut und unverwechselbar schmeckt (ja, das gibt es – ich erinnere mich an eine kleine Stuttgarter Bio-Bäckerei, in der die rund zehn Sorten von Weckle alle ihren jeweils ganz eigenen, unvergleichlichen und guten Geschmack hatten) und an gscheiten Käs und drunter echte Butter von Hörnerkühen. Teuer? Nein: Teuer finde ich, für Nahrungsmittel zu bezahlen, die keinen Geschmack mehr haben.

*

Über den Felsen gischtet das Wasser weiß auf. Unterhalb schimmert der Fluss in einem blassen Blaugrün, stromaufwärts aber in einem milchigen Grün, das an bestimmte Schieferarten erinnert. Im Schatten spannt sich noch Eis über die Pfützen, die Wange wärmt die Sonne schon. Am Wegesrand Standbilder von Johann Nepomuk, dem Schutzheiligen der Flößer. Die Suche nach Beistand war erklärlich: „ertrunken in den reißenden Wellen des Lechs“ war ein geläufiger Vermerk. Die letzten Flößer fuhren 1914, zwei Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den Fluss hinab, Holz nach Augsburg zu bringen, manchmal noch weiter: Regensburg, Wien, Budapest. Heute ist der Fluss gebändigt. Der Marsch auf dem Lechdamm macht wenig Freude.

Zumindest ein wenig wilder darf sein Zufluss am Fuß der Berge sein. Kommt man über den wundersam warm wirkenden Buchberg herab, durch den Weiler mit dem an diesem Tage so passenden Namen Ostern hindurch und dann in einem Bogen erst in den Wald und dann zum Fluss hinunter, dann könnte man dort vermuten, das Gewässer sei ungezähmt dem Gebirge entsprungen. Hand und Seele tauchen in die Klarheit des rauschenden Wassers. Und es hätte nicht viel gefehlt, und die Füße wären ihnen gefolgt an diesem 2. April.

*

In Wirklichkeit geht es natürlich nicht um einen Krieg gegen die Brötchen. Sondern, viel umfassender, gegen unseren guten Geschmack.

Halblech_Fluss_Allgäu_Ostallgäu_Frühling

Ganz als wäre es Ostern

„… und zu wandern, weil er das als das Richtigste und seinem unzufriedenen, zweifelvollen, ja gequälten Zustande Angemessenste empfunden hatte.“ (Thomas Mann, Joseph und seine Brüder)

Unterhalb der Steilwand bricht der Fluss durch die Hügel, Gänse rufen aus der Tiefe, jenseits verstreut ein paar Höfe namens Sack, Loch und Graben. An ihnen waren gewiss auch die schwedischen Landsknechte vorübergezogen.

Die kleine Hand an meiner, Trompetenduette, morgens Warten auf das Licht. Schnee, Regen, ein Streifen Blau und schon wieder zerhaut es alles, ein Wetter, ganz als wäre es Ostern.

Ostern_Osterei_Naturfarben

Winterfarben

Im Tal ist der Schnee schwer und nass, die Bäume sind schwer und nass, alles ist schwer und nass und kalt und unter Wolken begraben. Ich mag den Monat meiner Geburt nicht.

Über einen bewaldeten Kamm stapfen wir den Hang empor, immer wieder an starken Bäumen vorbei, die geknickt sind wie Streichhölzer von Männerhand, und wir reden über einen, der einen Achttausender ohne Sauerstoff in 16 Stunden bestiegen hat. Er ist so schnell hinauf und wieder herab, dass er sich wegen Höhenkrankheit keine Gedanken machen musste. Und wir keuchen bereits auf dieser Steigung im Wald.

An der Dolde einer Engelwurz haben sich Eiskristalle festgesetzt. Spuren von Has und Fuchs im Schnee, wir sind die ersten Stiefelträger seit Tagen. Oben am Rand der kleinen Hochebene strecken sich starke Tannen zwischen den Fichten, Misteln sammeln sich im Geäst, drüben die Silhouetten nackter Laubbäume vor dem Wolkenhimmel. Dort wird der Weiler Gerstland sein. „Wo die Laubbäume stehen, sind die Menschen nicht weit.“ Auf der weißen Wiese ist ein Haufen aufgestapelt für das Funkenfeuer am Abend. Eine Mopedspur im Schnee, immer wieder rechts davon ein Fußabdruck, wo der Fahrer seinen schlingernden Kurs abzusichern hatte.

Am ersten Hof ein Fuhrpark aus drei Fendt-Traktoren, in der Wiese vor dem Haus ist ein Schneepflug abgestellt mit vielen bunten Handabdrücken, der Hof eine Fassade aus Holzschindeln und Klinkerbau, man sieht an ihm schon das Westallgäu. Am nächsten Hof der Geruch von Funkenküchle – in Fett ausgebratenen Krapfen für den Abend. Die Frauen also sind fleißig, und die jungen Männer werden sich abends betrinken, und wo der Funken wetterbedingt abgesagt wird, betrinken sich die jungen Männer halt auch ohne das wintervertreibende Feuer aus alter Zeit.

Der Schritt ist schwer im Schnee, manchmal knackt Eis, da ist ein Mensch, ein Hund. Abgesetzt vom Tann wacht eine Tanne mit Zweigen so dicht, ein Mensch könnte sich darin verstecken und nicht gesehen werden. Unter den tiefen Ästen kein Schnee, der Baum ehrwürdiger Schirmherr über einen Flecken Wiese.

Ein Hohlweg, dann am Waldrand entlang, winterleere Hütten, die Fußspuren fallen ab, der Weg windet sich zwischen Holz und Hang dahin. Es ist ganz still und einsam. Dann zwischen mächtigen Nadelbäumen ein Pfad, zugeweht im schweigenden Wald, es ist ganz Winter, ganz Menschenferne, als läge er jenseits der Mauer, die Westeros durchtrennt. Jenseits eine halb verschneite Spur, ein schlankes Kreuz auf einer baumfreien Höhe, dann durch tiefen Schnee hinab. Er löst sich bei jedem Tritt und rollt in hastiger Flucht den Schritten voraus, kreuz und quer springen und hüpfen die Kügelchen vor uns her. So klein ist eine Lawine etwas Heiteres.

*

„Doa bin i numm gradelt, doa waret scheene Kiah dinn.“ In der Stube der Königsalpe tickt eine Uhr, ein Kachelofen wärmt, schwarzweiß blickt von der Wand der einstige Besitzer Bonaventura König herab, eine historische Karte klärt über die Zeiten auf, als das Land noch nicht zu Bayern gehörte. Nur an einem Tisch sitzen noch Leut‘, als wir eintreten. Es ist 16 Uhr, vielleicht sind wir die letzten Gäste auf Wochen hin, ab Ostern ist dann wieder sicher offen. Am Holztisch neben dem Ofen lassen wir uns nieder und es ist gar nicht zu vermeiden in solch einer Stube, dass man das Gespräch der anderen hört. Die Wirtin, der Wirt, ein Besucher, in der Färbung eines gelebten Dialekts geht es um die ewigen Themen des Bauernstandes: um die Rinder und das Bauen, Beziehungen und Suizid, Glück und Unglück. „Da willst du für 20 Kühe bauen und dann wird dir der Platz für 40 vorgeschrieben. Immer bauen und bauen, das kannst du doch auch nicht.“ „Sie ist bei ihm eingezogen, sie hat halt einen Unterschlupf gesucht. Aber das ist ja auch recht.“

Die Ohren glühen ganz warm. Ich ziehe den Wollpullover aus, über das Shirt darunter ziehen sich Salzstreifen. Den Rücken an die warmen Kacheln gelehnt, lausche ich, lausche den Worten am Nebentisch, ihrer Farbe, dem Tosen des Feuers im Ofeninnern, ein beruhigendes Geräusch, ein Klang der Kindheit.

*

Und auf dem Abstieg dann die Farben: unendlich viele Töne Grau, das dunkle Grün der Nadelbäume, ins Schwarz versinkend, das zu Blau wird, je ferner die Wälder stehen, das Weiß des Schnees und über allem ein metallischer Glanz. Was auf dem Aufstieg Eintönigkeit war, ist nun Reichtum. Und da liebe ich den Monat meiner Geburt.

Allgäu_Winter_Westallgäu_Königsalpe_Gschwend

Itinerar an der Jagst

Die historische Altstadt im Nirgendwo ist so schön und einsam, dass sie verdächtig wirkt, der Blick hinab in die Windungen des Flusstals so lauschig und traumumwoben, man möchte weglaufen. Es ist, als wäre man nach einem halben Leben in einem alten und ‚wahren‘ Deutschland der Märchen und romantischen Dichter angekommen. Die Schattenseite dieser Welt will ich nicht wissen. Ob die Dark Zone mit Totenkopf auch dazu gehört? Oder nur ein überlebenswichtiges Ventil in dieser Idylle ist?

Im hübschen Schlosscafé will ich zuerst nichts und bestelle dann doch einen Käseteller, während S. einen Kaffee trinkt. Eine Einkehr, bevor wir uns überhaupt auf den Weg gemacht haben. Als der Teller kommt – üppige Stücke aus der weithin bekannten Bio-Käserei in Geifertshofen und viel Drumherum – erschrecke ich. Wie soll ich das alles essen? Und dann noch wandern? Die Chefin, zuerst ein wenig grob zu ihrer Mitarbeiterin, dann entwaffnend ehrlich gegenüber ihren Gästen, steht in meiner Sichtlinie. Ich mustere sie: ihren starken Rücken, der ein gutes Stück älter ist als meiner, ihren Hintern, den Stand ihrer Beine und merke plötzlich, wie es mir kribbelig wird, während ich mit meinem Käseteller kämpfe.

Schöneck nach der ersten Steigung – ein müder Bärtiger rollt die Mülltonne an die Straße.

Ein letzter Blick auf die entrückte Altstadt aus dem hölzernen Aussichtspunkt heraus, dann geht es in Serpentinen hinab durch Auenmischwald. Immer wieder liegen Baumstämme quer. Manchmal umgehen wir sie auf rutschigen Böden, manchmal klettern wir über sie hinweg. Der Jahresausklang ist kalt und schneefrei. Kein Mensch auf den Wegen außer uns.

Ein weißer Reiher tief unter uns flieht davon. Schaden könnten wir ihm auf diese Entfernung nicht zufügen, womit auch immer. Außer vielleicht mit Zauberei, mag der Vogel denken, und erhebt sich ungelenk in die Lüfte.

Eine Parallele zum Fluss, dann eine Biegung hinweg: ein sehr kurzer Hohlweg, eine Schautafel des geologischen Aufbaus, Ruhm prähistorischer Fossilien. Die Schichtungen des Steins sind scharf in den Hang gezeichnet.

Bevor wir aufs offene Feld treten, schlage ich Wasser ab, aber dann führt uns der Weg doch nicht dort hinaus, wo ferne Menschen schlendern, sondern am Hang entlang auf Pfaden halb um das kleine Dorf herum. Es ist ein weiterer verwunschen-schöner Ort: Hammerhämmern, ein Kinderruf, Stille zwischen Höfen. Mir gefällt die Vorstellung, den Weg im Sommer zu gehen – verborgen im belaubten Wald und doch stets den Flecken im Blick zu haben, unsichtbarer Beobachter einer anderen Welt. Ein archaischer Blick, der von Indianern oder von Feen vielleicht.

Brückenorte. Immer wieder führen flache Brücken über den Fluss und ein paar Häuser werfen sich drumherum. Ein Bauer wirft den Unimog an und zieht seinen Holzschlepper an uns vorbei. Wir biegen ab, an den allgegenwärtigen Apfel- und Birnbäumen vorüber, krüppelig wie aus einer vergangenen Zeit und dabei so wunderschön. Wir schwenken am Waldrand nach links, statt gerade übers Feld zu ziehen, und kommen in eckigen Bahnen um ein Feld herum dann doch dorthin, wo wir geradeaus gelandet wären. Immer wieder macht der Weg an der Jagst Umwege, Schleifen, Bögen, auf und ab. Auf der Lichtung ist die nackte Erde gefroren.

Über kantiges Gestein sucht der Weg die Höhe, freigewaschen von aller Erde, nur schlüpfriges Laub schichtet sich darüber und dann geht es schon wieder hinaus aus dem Wald, auf die Hochebene. Der strenge Wind weht uns Schweinegeruch entgegen, eine Windung des Weges bringt uns in Sicherheit. Heroben sind die Wege schlammig, der Frost ist am Fluss geblieben.

Ein Bauer spielt mit seinem großen Hund, einem Kalb. Als das Tier uns sieht, springt es mächtig auf uns zu. Ich bleibe stehen, hinter mir höre ich ein „oh nein, das brauche ich nicht“, und ich, der so rasch zur Furcht bereit ist vor unbekannten Hunden, weiß augenblicklich, dass es an mir liegt, der Stärkere zu sein. Und so lasse meine Hände entspannt hängen und spreche einen freundlichen Satz zu dem Hund, und Angst spüre ich keine, denn ich habe die Aufgabe, sie nicht zu haben. Der Hund umrundet uns einmal, lässt dann von uns ab. Der Landwirt, der uns nicht grüßt, klatscht dem Tier unter Tadel auf die Flanken.

Wieder hinab zum Fluss. Wie herrlich müssen die Auen im Sommer sein, wenn sich Äste grün über das Wasser beugen. Moos leuchtet am Hang auf, leuchtet auf den Steinen selbst noch am trübsten Spätdezembertag. Bei Hochwasser sind diese Wege geflutet.

Von der einstigen Heinzenmühle steht nur noch das Grundgemäuer. Ein Grillplatz, dort ein überdachter Steg hinüber aufs andere Ufer, die Talwände drüben Schichtgestein. Bald Ruinen am Wegesrand, nur noch Mauerreste, im Fenster noch nutzlos ein rostiges Gitter.

Unter der Autobahn hindurch, oben klappert es, wann immer ein Fahrzeug über die Brücke fährt. Im Fluss Inseln, bekiest und baumbestanden, wandelbares Land, geologisches Amphib.

Ein Bachlauf zweigt ab zur Hammermühle, das schmale Tal lockt. Wir aber bleiben am Flussufer. Schönheit hier wie dort, falsch kann keine Entscheidung sein. Der Uferweg wird noch wilder, wir bücken uns unter Ästen, weichen Schlammpfützen aus, balancieren auf schmalen Grasstegen.Wie viele Menschen gehen diese Wege? Das Wasser neben uns dunkelgrün. Der Wunsch, in der lichten Jahreszeit im Kanu hinabzutreiben oder auch schwimmend.

Gegenüber einer Kiesgrube wieder empor. Ein Schild – „permanender Weg“, ein Schreibfehler oder ein Fachbegriff, den nicht einmal das Internet kennt? – erklärt uns, dass wir den Weg, den wir hinter uns haben, gefahrlos gehen können, an diesem Tage frei von Hochwasser.

Oben in der Wiese zwei Menschen und zwei Hunde. Ein Fragezeichen zittert, dann spannt sich eine Leine am Rottweiler, das Tier steht stille.

Zur Kernmühle hinab, „Privatweg“ und schon der nächste Brückenort, es geht seitlich ins Tal hinein in Märchenschlaf, noch ein schattiger Grund mehr auf dem Weg. „Eichendorff hätte sich hier wohlgefühlt“. „Er war wohl nur hier für seine Gedichte“, hoch zum Schloss.

Dann gebändigte Wege; ein, zwei alte Menschen, die uns entgegenkommen, Crailsheim zu sehen, westlich davon auf einer Höhe ein Turm, eine Kirche vielleicht, die ich auf der Karte nicht finde. Im Osten fällt ein langer, gerader Höhenzug ab, es mag der Hesselberg sein. Und da kommt bereits der nächste schlammige Feldweg, der nächste Waldweg hinab zum Fluss, die nächste weite Wegschleife am Fluss.

Am Wasser ein lauschiger Hof, die nächste Mühle, der Fluss fällt über eine Staustufe ab. Inselchen und Enten, drüben Ziegen, auf der Wiese ein kleiner schützender Kreis von Bäumen, er ist das Gegenteil eines Hexenrings, vollkommener Schutz, eine Verkörperung jeden Kindertraums. Nichts Böses, nichts Unverständliches kann hier im engen Kreis dieser Bäume widerfahren. Nieselregen setzt ein, ganz mild, er formt Kreise auf dem Wasser, die Tropfen vom Himmel stimmen mich heiter, alles ist ein großer Frieden.

Am Auhof steht ein Hänger auf dem Feldweg, ein älterer Bauer und ein nicht so alter laden lange Holzscheite auf den Wagen. Sie schauen uns an, von Weitem schon, Zögern in ihren Gesichtern. Wir grüßen und sind schon vorbei. Wundersame alte Bäume, eine Wasserreserve mit Blick auf die Stadt, ein großes Pferd.

Am Kieswerk noch einmal eine einstige Mühle, die Stadt ist schon sehr nahe. Ein Mann kehrt sehr gemächlich vom Fluss zu seinem Handkarren zurück, Werkzeug in den Händen. Er hatte Uferbäume beschnitten im Nieselregen.

Über Gleise hinweg, die Schienen lange Fluchten, so gerade wie nichts bisher auf diesem Wege, dann in eine uniforme, verwechselbare Siedlung hinein. Ein Geländewagen Hidalgo rebelliert mit seinen Länderplaketten und Safariklebern und einem Sticker „n‘Scheiß muss ich“. Der Traum der großen Freiheit im bürgerlichen Vorort.

Am Friedhof lassen wir die Wegweiser und queren hinüber ins Zentrum der Stadt, suchen den Treffpunkt, von dem S. eine Beschreibung erhalten hat, und finden ihn nicht. Wir irren hin und her und ich frage mich, wieso wir nicht einfach einen Menschen auf der Straße fragen, als wären wir in einem merkwürdigen Spiel, das vorschreibt, andere zu ignorieren. Und dann breche ich diese Regel und frage doch jemanden und gleich sind wir am Ziel.

Kambium am Heuchelberg

Wann immer möglich, versuche ich eine Reise mit einer Wanderung zu verbinden.

Vereinzelt Schauer, meldete der Wetterbericht. Als ich mich aus dem Haus schleiche, in dem ich übernachtet habe, fallen ein paar Schneeflocken. Ich hatte zwei Freunde für die Wanderung gewinnen können, und in der Morgenkälte eines Novembersonntags treffen wir uns in irgendeinem Vorort von Heilbronn. Menschen gibt es hier kaum, nur stille Häuser. Vom Ausschreiten erhoffen wir uns warme Glieder. Die Zunge hingegen wärmt sich von selbst beim Wiedersehen mit den Freunden aus meinen Stuttgarter Jahren, teure neue Freunde damals in einer Zeit, in der ich bei Null angefangen hatte in der Kesselstadt.

Die schnurgerade Teerstraße führt uns hinaus aus dem Ort und hinüber zum Heuchelberg, einem niedrigen Höhenzug, der feucht im Morgentrüben liegt, kaum Lockung in dieser Jahreszeit. Der Ackerboden links und rechts klumpt in schweren Brocken. Zuckerrüben türmen sich, derbe Früchte zwischen kalten Wasserlachen und umgepflügter Erde. Der Wind ist schneidend. Ich denke an einen anderen November zwischen den Gräben von Verdun.

Die Morgensonne bricht durch eine Wolkenlücke, ihr fremdes Licht legt sich schwer auf ein Feld mit einer Zwischenfrucht. Biographisch haben wir uns wechselseitig auf den neuesten Stand gebracht, wir wechseln zu Themen, zu denen wir alle gerne etwas beitragen: alternative Modelle in der Landwirtschaft, Nischen in der Rockmusik.

Nach den ersten Kilometern über Asphalt wechseln wir auf schlammige Wege. „Das erinnert mich an die Zeiten, als wir als Kinder bei solchem Wetter über die Äcker sind und der Matsch gefühlt kiloweise an den Schuhen kleben blieb. Das war geil. Und gab dann immer einen Anschiss von der Mutter. Verständlich.“ Der Chemiker lacht, Vater und Sohn zugleich, und der Gärtnermeister pflückt an einem Weiher ein paar Hagebutten und saugt ihr Mark. Wir blicken auf das trübe Wasser, Erinnerungen an Horrorfilme, die ich nie gesehen habe, wechseln hin und her.

Zwischen Weinbergen ersteigen wir den Heuchelberg und dann gleich den Wartturm an seiner Schulter. Im späten Mittelalter war der Turm als württembergischer Grenzposten errichtet worden, nur ein paar Jahre, ehe die Grafschaft den Aufstieg zum Herzogtum vollzog. Ein paar Jahrhunderte lang überschaute der Turm die Nordgrenze Württembergs, bis diese in einer deutschen Flurbereinigung von Napoleons Gnaden noch ein bisschen weiter nach Norden geschoben wurde.

Und das dort im Süden, ist das der Stromberg, über den ich einmal an einem anderen Spätherbst gewandert bin? Keiner weiß es, gewiss ist uns nur der Dampf über Neckarwestheim. AKW statt Höhenzüge als Landschaftsmerkmale des modernen Menschen.

Und dann endlich hinein in den Wald. Blätter und Nadeln in den Farben des sterbenden Herbstes – leuchtendes Rotbraun der Buchen, mattes Braun der Eichen, Gelb von Ahorn und Lärche, an den Bäumen das dunkle Grün von Fichte und Kiefer. Tiere sehen und hören wir nicht, nur Menschen: Spaziergänger, Jogger, Mountainbiker.

„Wisst ihr, dass das Kambium der Bäume essbar ist?“, fragt der Gärtner. Er zieht sein Taschenmesser aus der Tasche und schneidet an dem kürzlich gefällten Baum die Rinde ab, dann ein paar Späne der darunter liegenden Schicht. Wir kosten, was wir bis dahin nicht kannten. Es erinnert vage an ungesüßten Kaugummi – herb und zäh und ein bisschen frisch. Wir hoffen, uns nie einen Winter lang davon ernähren zu müssen.

Am Saum einer Wiese zehrt der Wind an uns. Immerhin bleiben die Niederschläge aus. An den Drei Eichen ein Zögern, Wege in alle nur denkbaren Richtungen. „Im Dschungel ist das Problem, einen Weg zu finden. In diesem Wald hier haben wir genau das gegenteilige Problem.“

Einer bückt sich nach einem Eichenblatt. Eine Kugel in Grün und Rot klebt an ihr. Was ist das? Das Taschenmesser schneidet die Kugel entzwei, eine klebrige Substanz, eingebettet in ihr ein Wurm. Die nächste Kugel das gleiche Bild, der Pfad ist voll mit ihnen. „Galläpfel“, murmelt jemand. Ein Rest Zweifel aber bleibt und nährt augenblicklich die immer hungrige Fantasie. Witze über die Saat außerirdischer Lebensformen fallen. Was wir nicht kennen, ordnen wir sogleich einer Sphäre des Äußerstfernen, des Übernatürlichen zu. Wir Menschen sind doch angstbesetzte Wesen. Und ich male mir aus, während wir auf dem Waldweg durch lichtes Gehölz wandern, wie es wäre, käme nun ein Wesen, uns weit überlegen, und würde einen von uns ergreifen und knacken, das Innere betrachten, ihn wegwerfen, den nächsten nehmen und sinnend prüfen …

Zwischen zwei Waldeshöhen setzen wir uns zu einer Rast. „Ich stehe jeden Morgen gerne auf. Weil ich mich aufs Essen freue“, begeistert sich der Gärtner und packt Leckereien aus, öffnet eine Dose Hummus. – „Ich hatte Kichererbsen übrig.“ „Das ist mir noch nie passiert“, entgegnet der Chemiker trocken. – Verteilt dann selbstgebackene Schnecken. Ich verbrenne mich am heißen Tee, gleich darauf ergeht es meinem Gegenüber ebenso. „Die evolutionäre Entwicklung hat es noch nicht über den Tisch hinweg geschafft“, kommentiert der Dritte.

Eine Stunde später geht es über Schichten von Laub auf schmierigem Untergrund nach Eppingen hinab, eine lange Rutschpartie kurz vor unserem Ziel. Jenseits des Waldes dann die Anonymität von Neubausiedlungen, ein Friedhof, Industriehallen. Die Bahn fährt uns vor der Nase ab, jäh setzt der Regen ein, die Füße sind müde. Ein Rentnercafé, auf der entleerten Straße ein paar gegen die Kleinstadttristesse anlärmende Jugendliche. Selbst die hübschen Altstadtfassaden tragen Trauer. Wir sind, als wir uns später voneinander verabschieden, trotzdem glücklich.

Im Abenddunkel dann Schneefall, ein hypnotischer Wirbel im Licht der Scheinwerfer, während die Kurve der Autobahn nicht mehr zu enden scheint, der Abstand zu den Rücklichtern gleich bleibt, die Krümmung der Straße gleich bleibt, der Tanz der Flocken gleich bleibt, und alle Zeit, alle Bewegung aufgehoben wird.

*

Danke an D. und S. und alle anderen.

Ins Licht

Grau, alles grau, wahrscheinlich über Hunderte von Kilometer hinweg. Über den Alpen aber ein dünner, lichter Streifen, ein Hoffnungsschimmer. Die Richtung ergibt sich also von selbst. Licht lockt nicht nur die Motten, und so machen sich die einen in die Berge auf, um Ski zu fahren oder Schlitten und sich dabei den Knöchel zu brechen auf vereisten Hängen, andere, um ein Stück Blau zu ergattern, an einem Südhang der Voralpen zum Beispiel, der ausreichend schneefrei sein sollte für eine Wanderung, bevor – morgen, übermorgen – wieder Schnee fallen würde.

Einmal auf dem Wege bricht die Wolkendecke auf für einen Augenblick. Ein Strahlenfächer senkt sich vom gleißenden Himmel herab, als offenbarte sich ein Gott aus der Höhe. Später dann Jubel, als der Schleier ein zweites Mal reißt und alle Hoffnung bestätigt: dort oben die grasige Höhe, leuchtend in der Sonne. Als der Fußweg beginnt, ist alles längst wieder begraben. Raureif wuchert auf den Gräsern und Zweigen, streckt seine mineralischen Fühler aus, als würden die Kristalle hineinwachsen in diese Stille des Winters.

Winter_Jungholz_Voralpen

Dichter Schnee erst auf dem Waldweg. Die meisten gehen geradeaus, bleiben auf dem halbwegs freien Asphalt, wo sich gleich hinter der Kuppe eine Alpe zeigen würde. Der Waldweg hingegen macht einen weiten Bogen durch den Tann. Tief waren Wanderer im Schnee eingesunken vor Tagen, die Ränder der Löcher sind hart vereist. In der Zärte des Neuschnees darüber kaum Spuren, da ging nach dem Fall nur ein Mensch mit Hund, groß der Mensch, klein der Hund, Seite an Seite. Das Gehen wird anstrengender, der Harsch aber trägt die meiste Zeit. Ein Glücksgefühl jeder Schritt, der nicht versinkt, gehalten von einer nur halb begreiflichen Macht. Über Wasser gehen für Anfänger.

Fichten liegen dahingeschlachtet von den Winterstürmen, zersplitterte Stümpfe ragen aus dem Forstboden. Die schnell wachsenden Flachwurzler in Monokultur sind leichte Beute für Gefahren: Windwurf, Borkenkäfer, Luftverschmutzung. Mittelfristig – und wo Bäume im Spiel sind, bemisst sich „mittelfristig“ schnell in Jahrzehnten – werfen sie eine höhere Rendite ab. Langfristig würden der Bergwald und alle von ihm abgeleiteten Größen von einem gesunden Mischwald profitieren.

Eisblumen zerbrechen unter den Fingern, ich weiß nicht, ob sich im schmelzenden Eis noch die Essenz einer pflanzlichen Struktur verbirgt oder andere Kräfte die Winterkristalle so formten. Schneewehen, zu tragendem Harsch verbacken, Lichtstrahlen zwischen vermoosten Stämmen, Wipfel in Helligkeit getaucht, dann das Blau wieder verschleiert, verhangen, verschwunden. Auf der spurenreichen Schneepiste ist der Himmel dann vollends frei. Mützen wandern in Jackentaschen, eine Eisfläche noch, dann der Aufstieg zwischen dürrem Gras, der Pfad eine Schlammspur, rutschiger als aller Schnee.

Oben schließlich ganz Licht und Wind und Weite. Gleitschirmsegler stoßen sich ab von der Bindung an die Erdenkruste und schweben hinaus in diese Weite, leuchten auf und verschwinden schon wieder in den Schwaden aus Weiß und Grau, ein Blindflug in die Niederungen der Welt.

Der Abstieg dorthin droht uns allen. Erst aber heißt es sich niederlassen auf Büscheln von Gras zwischen ausgetrocknetem Dung und Kalkgestein. Die Tiefe, sie darf noch ein bisschen warten.

Winter_Reuterwanne_Grünten_Allgäu