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Vorstadtfreuden

Der magere Fensterputzer und die ältliche Türkin scherzen über ihre Motorhaube. Die Farbe weicht von der des Autos ab. Eine Reparatur, versucht die Frau zu erklären, aber Deutsch kann sie nicht wirklich. Sie lachen trotzdem beide.

Im türkischen Supermarkt finde ich, was ich nicht auf dem Wochenmarkt, nicht im Bioladen, nicht im Asienladen mit dem schroffen Besitzer und seiner Thai-Frau, die nichts anderes als „bye-bye“ zu jedem Besucher sagt und damit das Abweisende des Mannes und des Ladens auf bedrückende Weise wiedergutzumachen versucht. Hier, in dem türkischen Supermarkt, finde ich also Chilis, ganze Bündel von Chilis, und sie sind nicht einmal aus Kenia oder Thailand importiert, sondern aus Italien, und natürlich den großen Becher Gazi-Joghurt mit dem gelben Deckel, einen stichfesten Joghurt, für den ich bisher kein entsprechendes Bio-Produkt gefunden habe. Nach mir ein Mann, dessen Einkauf am Samstagvormittag aus drei Fläschchen Jägermeister besteht. Meine Heiterkeit weicht einer Trauer.

Auf dem Rasen des Wohnblocks zieht einer am Seil ein Vogelhäuschen in den Regen hoch. Der Gesichtsausdruck des Mannes ist so hart, er könnte auch den Galgen für ein Lynchgericht vorbereiten irgendwo in Wildwest. Ich packe meine Einkäufe zu den anderen und verlasse die Stadt.

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Lob der Stadt

Ein Paar Scheinwerfer, zwei Rücklichter, das trübe Licht eines Bauernhofes, der Rest ist Dunkelheit.

Novemberabende musst du in der Stadt verbringen. Lichterketten schälen sich aus dem Nebel, ganze Hänge sind illuminiert, allerortens Farben in einer Zahl und Raffinesse, die du vergessen hattest, das Leuchten ein Staunen. Licht reflektiert auf dem regennassen Boden, an Glas, Stahl und Chrom, an Sandsteinfassaden, die dem Auge mit jedem Schritt Neues bieten, ein Kaleidoskop menschengeschaffener Schönheit aus einer Ära der Fußgänger. Durch das vornehme Holz der Raucherbar nach oben, ein Glas Wein, dessen Preis keine Rolle spielt, auf weißem Leinen und der Blick hinab auf die Gasse. Später beim Gang durch vertraute Straßen das Wunder grün belaubter Bäume und Kerzenschein hinter Glasfassaden, um das sich Menschen versammeln, Schatten im Glück, und ich erinnere mich an Küsse, die hier ihren Anfang oder ihr Ende nahmen. Und dann irgendwann stehe ich in der Küche, die mir so winzig vorkommt und wo ich doch so wunderbare Menschen zu so wunderbaren Abenden um mich hatte und nie ist mir Stuttgart so schön erschienen wie an diesem Abend.

Zuhause zwei Rücklichter auf der Landstraße und der Schrei eines sterbenden Tieres in der Finsternis.

Falscher Adel

Am höchstgelegenen zweigleisigen Bahnhof Deutschlands wechsle ich unter Nieselregen das Gefährt. Es ist doch erstaunlich, welche Superlative sich Menschen aus den Fingern saugen. Der ausgehängte Rekord ändert allerdings nichts daran, dass mich die Bahn in einen schäbigen, ohne Abstriche schäbigen Raum lotst, in dem sich nicht mehr befindet als ein Fahrkartenautomat zwischen Elend und Leere. Wie die Deutsche Bahn ihre Kunden abseits der großen Bahnhöfe behandelt, ist recht besehen eine ungeheure Zumutung. Oder ist das Konzept regionaler Eisenbahn in Wahrheit schon längst bankrott?

Der Sonntagmorgenzug ist erstaunlich voll, über einen Mangel an Fahrgästen kann sich die DB also eigentlich nicht beklagen. Eine Gruppe zierlicher, dunkler Mädchen in strahlendweißen Gewändern ist auf dem Weg zum eritreischen oder äthiopischen Gottesdienst, das Haar hochgetürmt unter einem weißen Schleier. Weiter fahren ein paar Vorarlberger, aus Österreichs westlichstem Bundesland zum Münchener Flughafen. Zwei Stunden sind sie schon unterwegs für gerade mal 100 km Luftlinie, höre ich. Die großflächige Elektrifizierung der Allgäuer Eisenbahn steht eben immer noch aus. „Des kasch gar it usspreche mit langem I“, kommentiert eine aus der Gruppe das Bahnhofsschild von Biessenhofen. Genau das, was ich am Tag zuvor dachte, als ich von Rieggis, ein gutes Stück weiter im Westen des Allgäus, aufbrach zu einem Spaziergang.

Als ich in Kaufbeuren aus dem Zug steige, ist es wieder trocken, der östliche Horizont ist finster, aber dort bin ich ja nicht. Die weißbeschleierten Kirchgängerinnen ziehen kichernd durch den Park, ein junger Mann im Anzug kommt entgegen, er wirft, absichtlich ruppig, sein Rad mitten auf den Weg und betritt den Bahnhof. Das ist wahrlich ein wunderliches Verhalten, das finden die Mädchen ebenso wie ich. Hätte ich den jungen Mann ansprechen sollen?

Antifa-Aufkleber an Laternenmasten, sie sind mir seit den Ausschreitungen während des G20-Gipfels lächerlicher als je zuvor, aber eine Überraschung ist das ja nicht, das wusste George Orwell schon in „Homage to Catalonia“, als er den Republikanern im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Falangisten beistand und bald seine Illusionen begraben musste. Ich darf, ermahne ich mich da, nicht den Fehler begehen, jeden Menschen, der sich mit der Antifa identifziert, mit den Plünderern von Hamburg gleichzusetzen. Aber es bleibt dabei, die Antifa tritt doch immer und immer wieder in einer Geste des Geschreis, der Gewalt, des Hasses auf. Nein, der Widerstand gegen rechtsextremes Treiben muss sich auf anderes gründen, meine ich. Da passiere ich das Mahnmal für ein Außenlager des KZ Dachaus. „Mitläufer. Und du?“, steht da. Das ist wohl einzuüben, jeden Tag aufs Neue, individuell und erst recht gemeinschaftlich.

Ich irre durch Hässlichkeit aus Beton und Asphalt, bis ich die Altstadt finde, die Straßen sind leer, das Stadttheater spielt „Die Vögel“ nach Aristophanes. Als diese Komödie in Athen geschrieben wurde, war Kaufbeuren nicht mehr als ein paar alte hallstattzeitliche Grabhügel und eine kleine bronzezeitliche Siedlung inmitten des feuchten Urwalds der Voralpen. Über die ersten Gassen spannen sich Wimpel, das Café Italia sucht eine Nachfolge, Ablöse möglich. Dann sind die Straßen aufgerissen, Zug um Zug Schotter und Schlamm, vor den Ladeneingängen schmutzige rote Teppiche. Ein Hahn kräht, ganz unerwartet in der Altstadt, vielleicht lebt er im Kloster der Stadtheiligen Crescentia. Ein Glatzkopf im Kapuzenkittel zerrt an einem Hund gigantischen Ausmaßes.

Der Regen hat die Stadt nun doch erreicht, ich betrete ein Café. „La Baronessa“ gibt sich elegant und fein und mundän und ist doch nur Schein, das ist sofort augenscheinlich. Beautywerbung für die Proseccodamen steht neben der Speisekarte auf den Tischen, aus den Lautsprechern läuft der Radiosender Antenne Bayern. Die Karte bietet ein Viagrafrühstück („mit einer Latte …“, so steht es da) und ein Familienvater entblödet sich nicht, genau dieses zu bestellen.

Womöglich soll ja der überlaufende Milchschaum auf meinem Cappuccino Ausgleich für diese Ansammlung von Geschmackslosigkeiten sein. Die Jacke fühlt sich jedenfalls gleich weniger regenfeucht an.

Ein Küstenort, lange venezianisch

„‚Ich bin in Piran‘ ist für mich fast so etwas Helles wie jenes ‚Ich bin da‘, das ich dachte am 1. März 1980 auf dem Hügel von Hellbrunn.“ 

(Peter Handke, Am Felsfenster morgens)

Ich kam aus den Bergen ans Meer herabgestiegen, wie eines jener Völker aus Fernand Braudels histoire totale „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.“. Vormittags noch war ich in einem Alpensee geschwommen, nachmittags dann in der Adria an jener schmalen Küste des Landes. Das Schwimmen im Berggewässer hatte mir besser gefallen, weil es, so folgerte ich, rein und lauter war. Das Meer hingegen ist das Ende einer Kette, es atmet bereits Fäulnis und Verwesung.

*

Blond und sonnengerötet steigt sie an der Promenade von ihrem pinken Roller. Sie ist, zeigt ihr Gesicht, nicht mehr so jung, wie Kleidung und Roller vermuten lassen. Sie ist aber deutlich zu jung für die Tonnen an Gold, die sie zu ihren türkisfarbenen Fingernägeln trägt. Sehr laut haut sie die beiden jungen Leute an, die sich auf einem Loungesofa vor dem Restaurant räkeln. „Ihr zwei seht aber sehr relaxed aus“, sagt sie in jenem gedehnten Wiener Tonfall, der es so leicht macht, Arroganz hineinzulegen, wenn man nur will. „Ihr braucht echt mehr Pfeffer im Arsch!“ Sie wiederholt alle Sätze, denn so hervorragend Deutsch können die beiden Slowenen dann doch nicht.

Der Mann verzieht sich in die Küche, die junge Frau tut auch kurz so, als würde sie arbeiten, dann legt sie sich wieder lustlos aufs Sofa und lässt sich Vorhaltungen von der Besucherin machen. „Was ist los? Dann tu doch was. Geh laufen, schwimmen. Geh zurück nach Maribor und suche dir eine vernünftige Arbeit. Ich habe heute auch seit halb sieben gearbeitet. Ich hänge nicht so rum. It‘s good, that it‘s not my business“, fällt sie kurz ins Englische. Dann reicht es auch der jungen Frau und sie verdrückt sich.

Die Besucherin zündet sich eine Zigarette an und schaut sich um. Über die Terrasse hinweg quatscht sie alle Slowenen an, mal auf Deutsch, mal auf Englisch, sie scheint sie alle zu kennen, mischt sich ein, bietet an, ein Kind auf ihrem Roller zu fahren, macht glucksend einem Mann gegenüber einen anzüglichen Witz.

Ihre Gesprächsangebote laufen alle ins Leere.

Sie trat auf wie eine Herrin, doch plötzlich glaube ich, sie ist einsam.

*

Der größte Vorteil des Abendlandes gegenüber der arabischen Welt ist die Plaza. Das denke ich mir, als ich in einem der Cafés an der Piazza Tartini sitze, morgens, wenn die Schwalben das Blau um den Kirchturm im Stile der venezianischen Renaissance durchschneiden, wie in der tintenfarbenen Nacht, in der sich das Gelächter von Kindern mit den Stimmen der Erwachsenen mischt. Nirgendwo sitzt es sich im öffentlichen Raum schöner als an solch einem Platz. Er ist ganz eine große Bühne und Loge zugleich für ein Stück, das sich Tag für Tag wieder entfaltet, gleichermaßen gespielt wie bewundert von den Individuen einer Stadt, die sich hier zusammenfinden, um sich immer wieder als Gemeinschaft zu finden – es ist der Ort für die res publica, die öffentliche Sache, die Angelegenheit also, die uns alle betrifft. Diese Bedeutung sollten wir, die wir in einer Republik leben, nie vergessen.

In der arabisch-islamischen Welt sind solche Plätze vergleichsweise selten. Als die spanischen Christen der Reconquista in die andalusischen Maurenstädte einzogen, waren sie beunruhigt von der Abwesenheit der Plätze.

Meer_Küste_Adria

Die Stadt zeigt ein Herz für Nerds, scheint es …

Die Stadt zeigt ein Herz für Nerds, scheint es (40 000 Einwohner, keine klassische Hochschule). Die Altstadtstraße runter gibt es einen schmuddligen Tabletop-Laden – aus beruflichen Gründen nur freitags geöffnet, aber manchmal schieben abends nachdenkliche junge Männer Armeen über den Tisch.

Zwei Gassen weiter eine Flucht von Räumen voll mit gebrauchten Stereoanlagen und einem umfangreichen, hochpreisigen Schallplattensortiment. Kunden scheinen unerwünscht. Verirrt sich jemand in das Geschäft, wird er ignoriert und die zwei Männer im Hinterzimmer erzählen sich mit dieser leicht schleppenden, anstrengenden Stimme von Filmen, die sie gesehen haben. Weicht der Kunde und ruft noch freundlich einen Gruß nach hinten, kommt nur ein verzögertes „bitte“.

Hatte ich mich denn für irgendetwas bedankt?