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Unter dem First

Gleich versinkt die Sonne hinter Eschen und Fichten. Es ist nach einem grässlichen Morgen noch richtig schön geworden, nur mein Herz ist nervös, weil mit zu viel Druck durch den Tag und den Abend und immer weiter, als gäbe es auch jetzt, als die Sonne untergeht, kein Ruhen.

Die Mücken attackieren seit ein paar Nächten fleißig. Was ist gegen sie auszurichten? Gleich werden sie wieder ausschwärmen aus den Schatten mit ihrem dünnen, spitzen Summen. Wie viel entzückender das Zwitschern der Schwalben auf ihren letzten Runden! Als wäre die Schöpfung nichts als Schönheit. Ich muss an Piran denken an der slowenischen Küste, es dürfte die gleiche Jahreszeit gewesen sein, nur so viel heißer und reicher.

Eine Esche noch wirft den orangen Glanz zurück, die Sonne selbst sehe ich nicht mehr. Ein frischer Hauch zieht von den Wiesen herauf, er lässt frösteln, die Gräser sind bestimmt schon feucht. Ich sehne mich nach Hitze, nach Glut. Eine Hornisse brummt unter dem First.

Esche_Sonnenuntergang_Sonne_Allgäu

 

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Tauwetter

Es apert. Morgens, da trägt die Schneedecke. Später am Tage aber verwandelt sich die Oberfläche in einen sulzigen Brei und der Fuß bricht durch die noch feste, aber nicht mehr tragende Schicht darunter. Noch ist das Allgäu schneeweiß, aber von den Rändern her – an Waldsaum und Südhängen – breitet sich der Vorfrühling aus und gibt in diesem Jahr zum ersten Mal Gras und Erdreich dem gierigen Auge preis. Sonnseitig tropft Schmelzwasser von den Dächern und Vögel hört man wieder pfeifen, die ersten Stare sind zurück von jenseits der Alpen.

Der Weg zum Haus meiner Ahnen ist noch immer eine vereiste Fläche. Mit einer Stoßscharre hacke ich schattseitig einen Pfad frei, um der Großmutter das Gehen zu erleichtern, ein Stück weit zumindest bis knapp vor den Briefkasten, bis die Hand schmerzt. Dann gehe ich auf die Sonnenseite hinüber und finde dort, am anderen Seite des Grundstücks, einen trockenen Streifen zwischen Schneeflächen und der Haselnuss, die schon anschwillt, um bald ihre Pollen freizugeben. Dort breite ich ein Handtuch aus, ziehe mich aus, strecke mich. Wie mein Körper nach den Küssen der Sonne giert! Es ist Mitte Februar und ich liege nackt im Licht, die Berge im Blick.

Später, nach Kässpätzle und Mohnkuchen, verstaut der Onkel zwei große Stücke Bergkäse in seinem Trompetenkoffer, gleich Schmuggelgut auf seiner Rückfahrt ins ferne Berlin. Der Abendhimmel dann eine Palette von Pastellfarben und ein Versprechen für den nächsten Tag.

Das Leben will

An einem solchen Tage entfällt jeder Grund zum Schreiben. Das erste frühlingshafte Sonnenwochenende dieses Jahres, die erste Biene, die durchs Fenster fliegt. Stundenlanges Dahinziehen über Hügel, den wintermüden Füßen Auslauf geben, stundenlanges Sitzen in Gärten, in Gesellschaft oder mit einem Buch, Vogelsang und Bergblick, gemeinsame Gipfelpläne, Handwerkermarkt, Kuchen, aber die Liebe. Da, Schneeglöckchen! Endlich ist der Vorfrühling Fakt. Ein Dompfaff wäscht sich, seine Gefährtin wirbelt das Wasser silbrig auf. Der Onkel schleift das Bogenholz, „ein krummer Hund“. Marc Moulin, Placebo Sessions im Sonnenuntergang. Das Gesicht glüht von der Ernte des Tages.

Leben als Glück – auch das ist möglich.

Abschalten

Die Berge ein blasser Scherenschnitt in Blau, dunkler und metallischer als die Wolkendecke in der Höhe. Zwischen ihnen, über den Bergen, unter den Wolken, ein Raum, in den sich die Morgensonne, selbst noch unsichtbar, vorwärts tastet. Das Licht wird mutiger, die Wolkendecke entflammt von unten her in einem feurigen Rosa. Wie ein Buschfeuer breitet es sich aus, um dunkle Wolkentäler herum erobert es den Tag.

Zwei junge Männer beobachten dieses Schauspiel, während sie wie ich auf Mitfahrer warten. Einer hält das Smartphone gen Horizont, ich suche nach Worten, die unser Staunen beschreiben. Die Welt wird heller, die metallische Fläche der Berge gewinnt Kontur, das Feuer am Grund der Wolken erlischt. Morgenmenschen grüßen sich, wechseln die Fahrzeuge, setzen gemeinsam ihren Weg zur Arbeitsstätte fort.

Abends im Kopf ein Gewitter, ein Neuronensturm, Whiteout, wie auch immer. Ich schalte das letzte Soziale Medium ab, das ich mir noch aktiv bewahrt habe, vom Blog vielleicht noch abgesehen. Das System will mich nicht ziehen lassen: Es hält mir eine Galerie von Freundesporträts vor, ein jedes mit der Botschaft versehen, dieser Mensch werde mich vermissen. Ich muss ein Scheusal sein, diesen Schritt zu tun. Ich schließe die Augen und lausche dem Vortrag eines Hirnforschers, der mir empfohlen wurde. Die Stimme ist angenehm bedächtig. Das Wort Aufmerksamkeitserheischer lässt mich lächeln. Ruhe kehrt ein.

Den Blog werde ich erst einmal bewahren.

Alpen_Allgäuer Alpen_Hochvogel_Sommer_Geröll