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Die Schlacht unter dem Eis

Die Geräusche hören wir erst, als wir den See fast umrundet haben.

Der Himmel ist rein und lauter wie der Schnee auf den steinernen Gipfeln. Die tiefer liegenden Fichtenhänge hingegen sind vollkommen schneefrei. Es ist der trockenste Dezember, der je im Allgäu gemessen wurde. Was den Geist beunruhigt, geht er dieser Nachricht nach, freut die Beine bei einem Winterspaziergang in den Alpen.

Der Seitenarm des Tannheimer Tals liegt noch in Schatten, es ist schneidend kalt, eine dicke Eisschicht spannt sich über den Vilsalpsee. An den Rändern wirft sich das Eis auf und bricht wie weiße Gischt am Meeresufer. Linien ziehen sich durch das gefrorene Nass – geformt von Licht und Schatten und Wassertiefen, von Strömungen vielleicht, von Lebewesen, die ihre Spuren auf der Oberfläche hinterlassen haben. Von der Blässe herab war ein seit Jahren erwarteter Steinschlag endlich heruntergegangen und der Weg nun wieder freigegeben worden; dem Berg fehlt ein Stück, der steile Hang gleicht einer furchtbaren Wunde, tiefrot der Fels, wo das Gliedmaß abgeschlagen.

Endlich erreicht die Sonne doch noch den Grund des Tals, ihr Stand eben hoch genug, um ihr Feuer über die Schulter zwischen zwei steinernen Häuptern zu schicken. Ein fernes Geräusch irritiert mich, auf- und abschwellend. Schneekanonen jenseits des Berges? Etwas Besseres fällt mir nicht ein. „Spannungsrisse im Eis“, verbessert mich mein Bruder. Ich horche und denke an kurze Frequenzen von Walgesang. Wir treten näher an das sonnenbeschienene Ufer, auf das Eis. Und hinein in eine Schlacht.

Die Synthieklänge von Laserschüssen aus Science Fiction-Filmen dringen aus der Tiefe des Sees. Ein Kampf zwischen Neckern und Nixen, in bunten Sternenuniformen und wallenden 70er-Jahre-Mähnen, muss dort unten toben, wachgerufen vom Licht der Sonne. Immer wieder rollen die merkwürdigen Geräusche durch den See, manche Schüsse kommen näher, schrecken auf. Dann ein Knacken, Knistern, Bersten. Scharf ziehen sich unsichtbare neue Risse durchs Eis. Auch die Feuersequenzen entstehen so – nur der längere Weg des Schalls durch das Eis verformt das Reißen zu den synthetischen Klängen.

Ein paar Eishockeyspieler in Jeans kurven gelassen über das Eis. Es ist nicht ihr Krieg, der unter ihnen tobt. Ich hoffe, es wird auch dabei bleiben, solange sie mit ihren Kufen über den See gleiten.

Einen kleinen akustischen Eindruck gibt es unter diesem Link – Ton an und bitte laut aufdrehen.
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