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Eine Lücke schließen

Draußen Sonnenschein, drinnen Schredderkopf, wie so oft nach einer besonders fordernden Arbeitswoche. Ein paar Kilometer weiter nördlich beginnt, wieder einmal, der Nebel. Ganz Oberschwaben liegt unter einem bleichen Tuch und der äußerste Punkt meiner Reise, der Waldsaum der Schwäbischen Alb, ist unter Eis und Frost erstarrt, völlig reglos, beinahe lautlos, ein Geisterreich.

Immerhin habe ich eine Lücke geschlossen, eine Lücke von anderthalb Kilometern zwischen jeweils einigen Tagesmärschen im Norden und im Süden. „Und nicht nur das, sondern zugleich ein neues Ziel gefunden“, sagt M. und deutet auf den geisterhaften Wald. Sie liebt Winterwanderungen, ich ziehe den Sommer vor.

Im Dorf unten steht noch immer das hübsche blaugelbe Haus mit seiner rätselhaften Inschrift. Ob es etwas mit den Freimaurern zu tun haben könne, frage ich. Das nicht, aber, das zeigt später eine Internetrecherche, es wohnt dort – oder wohnte zumindest bis vor wenigen Jahren – ein Verschwörungstheoretiker. Es wirkt wie schlafend, dieses Dorf, und birgt doch dunkle, regsame Räume wie die Brauerei in der Tropfsteinhöhle oder einen schillernden Mahner der Neuen Weltordnung. Wie passend, dass ich morgens im Auto H.G. Wells immer noch wunderbare „Zeitmaschine“ um die Auseinandersetzung mit den Morlocks aus der Tiefe gehört habe.

Der Nebel jedenfalls bleibt, über den Mittag, in den Nachmittag hinein. Welche Erleichterung, als ich endlich wieder die Grenze des Allgäus erreiche, die Schemen der Gipfel wie ein Versprechen der Freiheit vor mir auftauchen und Wiesen, Wälder, Dörfer im Licht der Sonne satt erstrahlen. Aufatmen, die Seele hebt sich.

Zwiefaltendorf_Riedlingen_Zwiefalten_Winter_Wald

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Unter der Burgmauer die schwäbische Toskana …

Unter der Burgmauer die schwäbische Toskana. Das liegt natürlich in erster Linie an der Reihe Zypressen dort drüben. Aber auch an der hügeligen, kleinteiligen, malerischen Landschaft: Äcker, Haine, Streuobstwiesen, kurzgefressene Schafsweiden. Die steilen Hänge der Schwäbischen Alb, wie scharf abgeschnitten, sind von Mischwäldern bedeckt, oben auf dem Traufrand reihen sich Burgen, dahinter erstreckt sich die Hochebene der Alb. Dem Mittelgebirge zu Füßen, nach Westen und Norden hin, ziehen sich Hügel Linie um Linie in den bläuenden Dunst.

Es ist die Landschaft, die ich verlassen habe, um in meine Heimat zurückzukehren. Rückkehr kann so schön sein – in beide Richtungen.

Ich stehe seit Stunden schon in Wolken ausschwärmender Flugameisen, droben im Himmel das Dröhnen historischer Flugzeuge, der September brennt heiß wie ein Sommer, doch das Herbstlicht sinkt schwere nieder. Glücklich sind die Hochzeitsgäste, ergraute Männer duzen mich auf Augenhöhe, was mir gefällt, Hände liegen auf warmem Stein oder an kühlem Glas.

Grillen rufen die Dämmerung herbei, dieser Sommergesang warmer Landstriche, der im Allgäu viel verhaltener ist, und Wind kommt auf. Wüsste man, dass man morgen stürbe, könnte die Antwort nur lauten: „Ach, aber jetzt ist es schön.“