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Winterfarben

Im Tal ist der Schnee schwer und nass, die Bäume sind schwer und nass, alles ist schwer und nass und kalt und unter Wolken begraben. Ich mag den Monat meiner Geburt nicht.

Über einen bewaldeten Kamm stapfen wir den Hang empor, immer wieder an starken Bäumen vorbei, die geknickt sind wie Streichhölzer von Männerhand, und wir reden über einen, der einen Achttausender ohne Sauerstoff in 16 Stunden bestiegen hat. Er ist so schnell hinauf und wieder herab, dass er sich wegen Höhenkrankheit keine Gedanken machen musste. Und wir keuchen bereits auf dieser Steigung im Wald.

An der Dolde einer Engelwurz haben sich Eiskristalle festgesetzt. Spuren von Has und Fuchs im Schnee, wir sind die ersten Stiefelträger seit Tagen. Oben am Rand der kleinen Hochebene strecken sich starke Tannen zwischen den Fichten, Misteln sammeln sich im Geäst, drüben die Silhouetten nackter Laubbäume vor dem Wolkenhimmel. Dort wird der Weiler Gerstland sein. „Wo die Laubbäume stehen, sind die Menschen nicht weit.“ Auf der weißen Wiese ist ein Haufen aufgestapelt für das Funkenfeuer am Abend. Eine Mopedspur im Schnee, immer wieder rechts davon ein Fußabdruck, wo der Fahrer seinen schlingernden Kurs abzusichern hatte.

Am ersten Hof ein Fuhrpark aus drei Fendt-Traktoren, in der Wiese vor dem Haus ist ein Schneepflug abgestellt mit vielen bunten Handabdrücken, der Hof eine Fassade aus Holzschindeln und Klinkerbau, man sieht an ihm schon das Westallgäu. Am nächsten Hof der Geruch von Funkenküchle – in Fett ausgebratenen Krapfen für den Abend. Die Frauen also sind fleißig, und die jungen Männer werden sich abends betrinken, und wo der Funken wetterbedingt abgesagt wird, betrinken sich die jungen Männer halt auch ohne das wintervertreibende Feuer aus alter Zeit.

Der Schritt ist schwer im Schnee, manchmal knackt Eis, da ist ein Mensch, ein Hund. Abgesetzt vom Tann wacht eine Tanne mit Zweigen so dicht, ein Mensch könnte sich darin verstecken und nicht gesehen werden. Unter den tiefen Ästen kein Schnee, der Baum ehrwürdiger Schirmherr über einen Flecken Wiese.

Ein Hohlweg, dann am Waldrand entlang, winterleere Hütten, die Fußspuren fallen ab, der Weg windet sich zwischen Holz und Hang dahin. Es ist ganz still und einsam. Dann zwischen mächtigen Nadelbäumen ein Pfad, zugeweht im schweigenden Wald, es ist ganz Winter, ganz Menschenferne, als läge er jenseits der Mauer, die Westeros durchtrennt. Jenseits eine halb verschneite Spur, ein schlankes Kreuz auf einer baumfreien Höhe, dann durch tiefen Schnee hinab. Er löst sich bei jedem Tritt und rollt in hastiger Flucht den Schritten voraus, kreuz und quer springen und hüpfen die Kügelchen vor uns her. So klein ist eine Lawine etwas Heiteres.

*

„Doa bin i numm gradelt, doa waret scheene Kiah dinn.“ In der Stube der Königsalpe tickt eine Uhr, ein Kachelofen wärmt, schwarzweiß blickt von der Wand der einstige Besitzer Bonaventura König herab, eine historische Karte klärt über die Zeiten auf, als das Land noch nicht zu Bayern gehörte. Nur an einem Tisch sitzen noch Leut‘, als wir eintreten. Es ist 16 Uhr, vielleicht sind wir die letzten Gäste auf Wochen hin, ab Ostern ist dann wieder sicher offen. Am Holztisch neben dem Ofen lassen wir uns nieder und es ist gar nicht zu vermeiden in solch einer Stube, dass man das Gespräch der anderen hört. Die Wirtin, der Wirt, ein Besucher, in der Färbung eines gelebten Dialekts geht es um die ewigen Themen des Bauernstandes: um die Rinder und das Bauen, Beziehungen und Suizid, Glück und Unglück. „Da willst du für 20 Kühe bauen und dann wird dir der Platz für 40 vorgeschrieben. Immer bauen und bauen, das kannst du doch auch nicht.“ „Sie ist bei ihm eingezogen, sie hat halt einen Unterschlupf gesucht. Aber das ist ja auch recht.“

Die Ohren glühen ganz warm. Ich ziehe den Wollpullover aus, über das Shirt darunter ziehen sich Salzstreifen. Den Rücken an die warmen Kacheln gelehnt, lausche ich, lausche den Worten am Nebentisch, ihrer Farbe, dem Tosen des Feuers im Ofeninnern, ein beruhigendes Geräusch, ein Klang der Kindheit.

*

Und auf dem Abstieg dann die Farben: unendlich viele Töne Grau, das dunkle Grün der Nadelbäume, ins Schwarz versinkend, das zu Blau wird, je ferner die Wälder stehen, das Weiß des Schnees und über allem ein metallischer Glanz. Was auf dem Aufstieg Eintönigkeit war, ist nun Reichtum. Und da liebe ich den Monat meiner Geburt.

Allgäu_Winter_Westallgäu_Königsalpe_Gschwend

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Die Spindel

„Die Gründe gehen über die Klarinette hinaus.“ „Mich interessieren mehr die Gemeinsamkeiten zwischen Mann und Frau.“ „… und in jenem Augenblick wurden alle zukünftigen Gedanken, Wörter oder Gefühle, die dieser Schädel hätte hervorbringen können, ausgelöscht.“ Ein Schauder erfasst mich, ein heiliger Schauder, als ich diese Sätze höre, auffange aus dem Äther. Dunst steigt vor den weißen Bergen auf, das Licht sinkt. Dann esse ich den letzten, den wirklich letzten Rosenkohl, den die Ahnin auf dem Hügel geerntet und damit an diesem Tag bereits einige ihrer Nachkommen gesättigt hat. Das Spinnrad quietscht, von ihrem Fuß in Schwung gehalten, und ich denke mit Erstaunen, dass ich dieses Geräusch zuletzt in meiner Kindheit gehört habe.

Schnee, Winter, Zeit, Strömungen, Generationen

Vor dem Mittagessen drei Paar Schneeschuhe …

Vor dem Mittagessen drei Paar Schneeschuhe und vier Hundepfoten in unberührtem Weiß. Der vergrößerte Fuß sinkt in den weichen, tiefen Schnee und presst ihn zusammen, stößt dann auf den Harsch der vergangenen Woche, durchbricht ihn knackend, sinkt noch eine Winzigkeit tiefer und hebt sich dann wieder leicht und mühelos. Es ist fast, als könne man über Wasser schreiten.

Wir nehmen Wege, die keine Karte kennt, auch das Auge nicht, sondern einzig unser Entschluss, querfeldein, das Tal zwischen den stummen, dunklen Fichten hinunter, durch Holundergebüsch hindurch, einen Hang empor, eine Senke hinab, in der einst wohl die Schmelzwasser der Eiszeitgletscher zur Seite flossen, die Steigung wieder hinauf. Für einen Augenblick verschwindet alles Land hinter der Kuppe, der Hang scheint wie eine makellose Mauer aufzuragen in einen drohenden, schneebeladenen Himmel. Und nur eine einsame Anflugstange für die Greifvögel durchbricht diese Gewalt, einem Miniaturgalgen gleich in vollkommener Wintereinsamkeit.

Der Himmel zieht sich weiter zusammen. Der Hund drüben im Schnee ein tiefes, ganz und gar körperliches Schwarz, ansonsten nur zerfließende Schichten von Weiß und Grau, die Wälder jenseits der Felder auf blasse Schemen reduziert. Schneefall setzt ein, der Wind beißt in die Wange, alles wird zu einem Wirbel aus Flocken. Atem fließt, ein Kristall zerschmilzt an den Wimpern, Fuß für Fuß geht es tiefer in dieses lautlose Stürmen hinein. Ist irgendeine andere Gewalt derart stille? Nie erschien mir Winter schöner, das Leben richtiger. Wie froh ich bin, der Kesselstadt entkommen zu sein, als hätte ich Jahre ein Leben im Falschen geführt.

Später lodert im Westen eine andere Art von Weiß auf. Das Illertal ist in ganzer Breite zu überblicken, über den jenseitigen Höhen lässt die Sonne die dünne Wolkendecke erstrahlen. Eine Dorfglocke schlägt 12. Rauch aus einem Kamin.

Als wir die Schneeschuhe abschnallen, schiebt sich von Westen her bereits die nächste Wolkenfront heran. Wieder wird die Welt zu weißem Fallen.

I had to yodel

Was ist der Schrecken des Eises noch, wenn der Schrecken der Finsternis endlich aufgehoben ist?

Der Winter beginnt erst. Nachts wachgelegen, weil der Wind so ums Haus pfeift. Der Wind hält an. Auf halber Strecke von der Arbeit ein Schneegestöber, dass ich kaum ein paar Meter weit sehe. Die Haustür ist bis oben hin weiß verziert. Mir gefällt dieser Anfall von Kühnheit unserer längst altersschwachen Winter. Ich lasse mich anstecken und schnalle mir einen Rucksack um und trete nochmals hinaus und hinüber auf die nächste Endmoräne, zu Fuß einen Besuch abzustatten. Im Scheinwerfer der Fahrzeuge zieht der Schnee ganz flach in Wellenlinien über den Boden, wie Sand im Sturm. Dünen bilden sich, ihr Schwung reinste Schönheit. Eine weiße Wüste, zumindest für eine kurze Zeit.

Dauerhaft ist die Wüstenei in kultureller und kulinarischer Hinsicht, die Oasen sind erst zu finden. In der Küche zischt es, jemand hat Muscheln bestellt, dunkler Wein steht auf dem Tisch. Ob diese Pizza schmecken wird? Der vorherige Versuch war ein Reinfall, die italienischen Betreiber ganz und gar der Lehre von der Quantität verschrieben. Nichts, wirklich nichts an jener übergroßen Pizza hatte Geschmack. Berlin, denke ich und schaue in den Schnee hinaus und hinüber zu dem wuchtigen Kornhaus, ja Berlin kann es. Aber gut, was ist das auch für ein Vergleich, Berlin und Marktgemeinden wie, sagen wir einmal, Dietmannsried oder Obergünzburg, das ist doch ganz ein anderer Horizont. Andererseits, Flugzeuge heben in Berlin wiederum nicht ganz dort am Horizont ab, wo sie sollten, und was die Pizza betrifft, kann das meine Verwandtschaft im Steinofen mindestens so gut wie Berlin. Die Bedienung trägt die Teller auf und ich ahne …

Ahnte auch, dass Kühnheit manchmal Torheit ist. Winterwunderland ist Winterwanderland, nur nicht für mich, ich schniefe und schnäuze. Gen Morgen träumte ich, ich sei ganz kurz, für zwei, drei Tage vielleicht, zurück in Deutschlands sechstgrößte Stadt gezogen, geflüchtet gewissermaßen vorm Landleben, um dann wiederum gleich wieder ins Allgäu zu fliehen, wobei ich eben noch der Polizei – warum sie mich suchte, wusste ich nicht – entkam. Zurück im Allgäu blühte bereits der Löwenzahn, alles war gelb bis zum Horizont und im ganzen Traum kamen nur Frauen vor. – Im Schrank kein Kräutertee.

Schwedische Krimis auf dem Papier, schwedische Krimis auf dem Bildschirm, Dinge, für die ich mir sonst keine Zeit nehme. Schnee fällt. „Diese Einsamkeit, dachte er. Der schonische Winter mit seinen kreischenden, schwarzen Vogelscharen“, schreibt Mankell. Der Film hat kaum Farben, so wenig wie die Landschaft draußen. Bunt nur die Sekrete aus meinem Leib. Wieder ein Abend, der die verhasste Nacht mit sich bringt. Es ist still bis auf den rauen Atem. Selbst die Blaulichter im Tal ganz ohne Laut.

Der Schnee wird feucht, er sackt zusammen, die Eiszapfen schon wieder verschwunden. Das Bellen einer Füchsin im nahen Wald. Rot morst das Windrad sein ewiges – –  –

Und dann das Gelächter beim Post eines Onkels, der den Winter mit seinem Cavaquinho im Gepäck in einem warmen, sonnigen Land der Neuen Welt verbringt und dort von Freunden mit einem Geburtstagskuchen überrascht wurde. „I was so overwhelmed that I had to yodel!“, schreibt er.

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