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Das Lächeln der Biene

Zwischen der Autobahn und der Eisenbahn liegt das Moor und davor das verlassene Haus. Die Hausnummer hängt noch über dem Briefkasten an der Doppelgarage, die Läden aber sind geschlossen, der Balkon sackt herab, der kleine Pool im Garten wächst zu. Ich parke auf dem Hof, zögerlich, aber es gibt hier am Ende der Straße keinen anderen Platz. Dahinter ist nur noch das Moor und ein Weg dort hinein.

Verlassene Orte haben etwas Gespenstisches. Nichts macht einen Platz trostloser und bedrückender als die Verlassenheit durch den Menschen, der einst hier war. An solchen Orten wird die eigene Haut dünn und durchlässig, empfänglich für etwas, das sich auf einer anderen Ebene, in einer anderen Wirklichkeit befinden mag. Und mit diesen geweiteten Poren, den stehenden Härchen, all diesen Sensoren für etwas, das nur dann, nur an solchen Orten als das Unnatürliche hereintritt in das Leben, kommt die Angst.

Es mag diese Furcht sein, sicherlich aber auch das Taktgefühl, niemandem zu nahe zu treten, keine Grenzen des Anstands zu verletzen, die mich nur sehr zögerlich den Rasen betreten lassen, der längst kein Rasen mehr ist. Auch die Fenster der Südfront sind verriegelt. Der blaue Pool ist rissig, feuchtes Laub liegt auf seinem Grund. Wie rührend die schlichte Dusche neben dem Schwimmbecken wie auch der Starenkasten hoch oben auf einer Stange. Plötzlich ist das Gespenstische verloren.

Ich trete zurück und auf den Weg und in den Wald hinein, an einer Hütte vorbei, auf deren Tür eine lächelnde Biene aus Ton gehängt ist mit der Aufschrift „Hier wohne ich“. Das bunte Töpferwerk sieht überraschend frisch und lebendig aus, deplatziert an diesem Ort. Wer ist wohl dieses Ich?

Das Lächeln der Biene begleitet mich hinein in den Wald.

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Wanderer, kommst du nach Aigis

Die Autobahn fällt vor mir ab, ausgebreitet wie ein Geschenk über das Illertal hinweg, und in der Nachmittagssonne flimmert die Luft über den Autos, als wären sie zitternde Käfer in Sommerglut, und John Paul Jones setzt zu seinem Synthesizer-Intro an, diesen unverwechselbaren psychedelischen, schwirrenden Klängen, die vage an Indien erinnern, an ein schrilles Blasinstrument in der meditativen Selbstvergessenheit eines Ragas, und das Auto gewinnt an Fahrt und Jimmy Page streicht mit einem Violinenbogen über die Saiten seiner akustischen Gitarre und die Berge im Süden schimmern weiß und plötzlich reißt dieser Schleier wieder auf und für einen Augenblick ist die Welt so überwältigend schön, dass mir Tränen in den Augen stehen. „In the light you will find the road, you will find the road“, singt Led Zeppelin. Eine Kette an Wagen fährt ab von der Autobahn, Belgier und Holländer, Pottbewohner und Schwabenleute, alle wollen sie nach Oberstdorf oder Bad Hindelang oder ins Kleinwalsertal. Die Autobahn ist jetzt fast leer vor mir, sie schwingt sich die Hügel empor und ich jubel auf meiner Flucht vor dem bohrenden Schmerz in meinem Schädel, diesem Wochenverarbeitungsschmerz, dem Ruhe nicht hilft und der doch kaum etwas zulässt.

Außer Gehen.

Aigis, dieses Donnerfell der griechischen Mythologie, diese Drohung der olympischen Götter gegenüber den Sterblichen, ist zugleich ein kleines Dorf in den Allgäuer Voralpen, gute 900 m über dem Meeresspiegel, eine Kapelle, eine Reihe von Ferienwohnungen, eine Koppel voller glänzender Pferde. Ich schreite aus dem Dorf hinaus, hinein ins Galtviehschachen, Matsch, Schnee, Gras, Nadelteppich, über fast menschenleere Wege, an gelb blühenden Blumen – den ersten gelben Blüten dieses Jahres, die ich sehe – vorbei sehr steil hinab ins Tal der Jugetach und längst ist der Kopf frei. Ausschreiten ist Medizin, ist Lebenselixier und ohne diese Gänge hinaus wäre dieses sitz- und wände- und denk- und bildschirmlastige Leben überhaupt nicht auszuhalten, sage ich mir. Zugrundegehen würde ich, sage ich mir, als ich über die an den Rändern ausfransende Holzbrücke hinübergehe. Zugrundegehen, wiederhole ich, und daher steige ich flott über den vereisten Weg nach oben, aus dem Wald hinaus, über den grasigen Pfad hinauf, muss längst schnaufen, durch den Mund atmen, aber genau das tut mir gut.

An der Königsalpe schneide ich eine andere Spur. Ich setze mich nieder für einen Kaffee, denn es ist ein herrlicher Platz. Eine Tasse lang genieße ich den Frieden dieses Ortes, dann geht es weiter. Denn ich könnte in die Dämmerung geraten mit meinem Gang und außerdem will ich ja wieder zurück sein, wenn das Feuer entzündet wird. Meine Schritte sind Freiheit, sind Freude.

*

Die Funkenhex brennt auch im Regen gut. Die Flammen schießen in die Höhe, Funkenglut treibt der Wind in den Nachthimmel, Rauch rankt sich einem tobenden Panther gleich um die brennenden Äste und Balken herum, es ist ein Glosen, Knistern, Glühen, Lodern, Sengen. Der Regen treibt die Menschen näher ans Funkenfeuer, die Hitze zurück. Jemand verteilt köstliche Krapfen. Der Regen verdichtet sich zu schweren Flocken. Das Funkenfeuer kümmert es nicht. Die Glut wird, versichert ein Bauer, nächstes Wochenende noch warm sein. Über Hunderte von Kilometern und über Ländergrenzen hinweg brennen an diesem Abend die Feuer. Zumindest einige zu sehen von einem Berggipfel herab, das müsste doch schön sein, überlege ich, leuchtend dort unten in der Welt der Menschen.

Aigis_Jugetach_Allgäu_Voralpen

Alberich und Wirsing

Man kann von der Schule halten, was man will, aber ihr weitläufiges Gartengrundstück ist wunderschön. Wege schwingen sich durch die Wiesen, ein Bachlauf mündet in einen Teich mit Birkensaum und Schwanenfamilie, hinter der Baumschule grasen Schafe, Steinsetzungen krönen die Kuppe des Hügels, ein Wagencafé steht da, verschiedene Werkstätten und Schulgebäude im anthroposophischen Baustil. Es sieht ein bisschen aus wie ein ästhetisch ambitioniertes Auenland. Ende des letzten Jahrhunderts war all das noch eine sumpfige Viehweide.

Die „Freie Schule Albris e. V. Einheitliche Volks- und Höhere Schule des Menschen in der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ feiert hier ihr Herbstfest. Früher hieß sie einmal Waldorfschule Kempten, aber wegen Rechtsstreitigkeiten mit dem Bund Freier Waldorfschulen musste sie ihren Namen ändern. Ich bin hier, um jemandem an einem Stand eine Schmerztablette vorbeizubringen, was doppelt komisch ist, weil diese Person solche üblicherweise rundum verweigert.

Dann fällt mir der Rottweiler ein.

Für einen halben Tag zeigt sich der späte Oktober sonnig und ich schreite aus. Ein Baumhaus steht am Hang unter rotem Laub. Ahorn und Birken sterben in Gelb. In den Wäldern droben rostrote Flecken, wo Laubbäume zwischen den Fichten stehen. Die Eschen tarnen sich in Grün: Sie, die doch am längsten nackt bleiben im Jahreslauf, zeigen noch keinen Herbst.

Ich passiere einen kleinen Friedhof, da liegen welche, die ich mal kannte, aber in dem Augenblick komme ich nicht auf die Idee, dort nach den Grabsteinen zu suchen. In jenem Ort mit dem merkwürdigen Namen, der mich immer an Gemüse denken lässt, wohnte einst entfernte Verwandtschaft, in einem Haus schon halb im Walde. Es waren sehr kleine, sehr kompakte Menschen, zumindest die ältere Generation von ihnen, und inzwischen lebt niemand mehr, den ich kennen würde. Ich erinnere mich an einen Besuch, ich saß steif auf einem Stuhl, ein Rottweiler fixierte mich und die Gastgeber sagten nur „Bewegt euch halt nicht schnell, dann passiert schon nichts“. Ich war froh, als wir wieder draußen waren, ohne dass mir der Hund an Hosenbein oder Kehle gegangen war.

Ziervieh scheint inzwischen beliebter als scharfe Hunde. Drollige kleine Ziegen mit gedrehten Hörnern teilen sich eine Wiese mit Mandarinenten. In Wahrheit sind die Ziegen  keine solchen, sondern vermutlich Kamerunschafe, aber das weiß ich in diesem Augenblick noch nicht. Vor dem nächsten Hof stehen kleine Esel mit durchhängendem Rücken und ein winziges Pony, das mit den Nüstern über den Rücken eines liegenden Esels fährt und mich durch den Vorhang aus hellen Haaren hindurch mustert.

Lange führt der Weg über asphaltierte Straßen, auch wenn er auf der Karte als Wanderweg ausgezeichnet ist: den Berg hinab bis an die Autobahn, diese ganz kurze Autobahn, die sich bald zwischen den Hügeln verlieren wird. Der Verkehr ist mäßig, trotzdem immer präsent. Über eine Brücke rollen die Fahrzeuge mit dunklem, hohlen Klang, als würden sie über Holzbohlen fahren. Zwischen Wiese, Birkenhain und gefällten Sträuchern knattert mir ein Zweitakter entgegen, ich nicke dem Bauern zu, ein älterer Herr auf Rollskiern kommt hinterher, ich nicke noch einmal.

Walkarts (noch ein Ort mit erstaunlichem Namen) ist eigentlich nur ein Weiler, trotzdem ragt dort ein Maibaum in die Höhe. Schilder verweisen auf eine Allerseelenausstellung in einem Blumenatelier. Es ist der Hof ganz am Ende des Landsträßchens. Ich zwänge mich an Autos in einem Hohlweg vorbei, brauche auf dem matschigen Weg empor endlich meine Wanderstiefel. Rehe kreuzen, Autos rauschen unten, der Schweiß läuft unter der einer Erkältung wegen festverschlossenen Jacke.

Gen Spießereck ist es endlich schön. Jungvieh auf einer Weide starrt herüber. Im Süden verliert sich das Illertal im Dunst der Voralpen. Die Gipfel sind weiß, auf 1500 Meter vielleicht hat es heruntergeschneit. Es geht in den Wald hinein, wider Erwarten ein Buchenwald, freundlich erstrahlt er im Sonnenlicht. Ein Pfad schlängelt sich am Hang entlang, ein Bach plätschert. Einer Holzbrücke fehlt die Hälfte der Trittbretter. Da unten beginnt der Rohrbachtobel, ein sehenswertes Naturschutzgebiet. Ich aber biege nach Norden ab, in einen bewirtschafteten Forst hinein, sofort wird das Terrain gewöhnlicher: breite Wege für die Fahrzeuge, uniformierter Wald, nur gelegentlich schlammige Pfade und dann ein felsiger Weg hinaus aus dem Wald.

An einem Weiler suche ich einen Feldweg, der auf meiner Karte eingezeichnet ist, ein Hofhund bellt, ich biege ab auf einen anderen Weg zwischen den Häusern hindurch, an einem Verbotsschild vorbei, wie ich es schon mehrmals auf dieser Strecke gesehen habe. Man liebt keine Fremden hier in den Sackgassenhöfen. Ein paar Kinder starren mich an, ich frage sie, ob es dort hinab geht nach Albris, sie bestätigen es und als ich im Plauderton einen weiteren Satz von mir gebe, weiß ich, das war schon zu viel der Worte. Stumm starren sie mich an. 200 Meter von der Hauptstraße entfernt, die ich eben überquert habe, und schon ist ein Fremder ein Fremder. Ich setze meinen Weg fort, an einem weiteren Verbotsschild vorbei, und glaube, die Schritte der Kinder hinter mir zu hören, als behielten sie den Fremden im Blick, dann bin ich auf dem Feld.

*

„I bin aber it Frau …, sondern d‘Rosl. Doa schwätzt sich‘s oifacher.“ Zuhause dann wieder eine Nachbarin getroffen.

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