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Allgäu-Blues

Gegenüber liegt mein Großvater und ich hatte nicht gewusst, dass es in dem Dorf sonst noch etwas anderes gibt außer dem Metzger mit den schweinefreien Würsten und dem Dorfladen, in den meine Großmutter eingezahlt hat, damit es überhaupt noch einen Laden gibt, und dem sacht traurigen Wirtshaus mit seinem Biergarten unter Kastanien und den Brüchen im Asphalt der Doppelkurve, die ich jeden Tag nehme.

Da also gibt es plötzlich eine Bar mit Jam Sessions, für die Leute – ist das wahr, was ich auf dem Nummernschild lese? – bis aus der Schweiz angefahren kommen. Und ich schiebe die Tür auf, unsicher geworden in dem mir fremden Territorium, übersehe am Eingang einen Kollegen in Lederjacke und suche drinnen nach den Freunden, die mich eingeladen haben, und sehe stattdessen die Masseurin des Einödhofs, die Blockadearbeit geleistet hatte kürzlich, was meinen Kopfschmerz vervielfacht und biographische Fragen an mich selbst aufgeworfen hatte ausgerechnet an meinem Geburtstag.

Am Nachmittag habe ich das Büro hinter mir gelassen und bin durch Regenschleier in die alte römische Kapitale gefahren. „Nichts bereuen“, lese ich auf dem Eingangsplakat über dem Eingang des Baumarkts, der so gerne mit markigen Sprüchen wirbt. Ich bekomme die Kleinigkeiten, die seit Wochen auf einem Zettel stehen, die Lampe aber, für die ich Nutzen hätte und doch bisher ohne sie ausgekommen bin, stelle ich wieder zurück, ich ignoriere die Verlockungen der Metallwarenabteilung, weiche Feierabendholzträgern aus.

Und nochmals weiter nach Süden, Wolkenbänke verbergen die Berge, nicht aber den Höhenzug, auf den ich zusteuere, und es ist, als sähe ich ihn, schneeweiß und fichtenblau, nun zum ersten Mal – als Horizont der Stadt, der sonst verschwindet vor den Voralpen und Alpen über ihm. Hinauf auf die Autobahn und nach wenigen Hundert Metern schon wieder herunter, vorbei an dem Burggemäuer, an dem ich das letzte Mal zu einer Sommerhochzeit während meiner Stuttgarter Jahre war, den Hügel empor, er ist steiler als ich dachte, und zum Speicher hinüber, Straßen, auf denen ich seit vielen Jahren nicht mehr war. Eine Wiederentdeckung mehr in jener Region, von der ich weniger denn je weiß, ob sie Heimat ist.

Mein Ziel ein stattliches Gebäude in einem Weiler: Steingarten, Edelsteine, Holzkuppel, mit Schwammtechnik begelbte Wände. Ob ich nach meinem Besuch nur noch rosarot denken könne, hatte ich zuvor noch gescherzt. Ich betrete den Ladenraum mit den Yoga-Klamotten – „energetisierte Wellness- Bekleidung“ – und da dreht sich meine ironische Abwehr in ihr Gegenteil: Es plätschert und plärrt aus einem Radio ein ganz gewöhnlicher Popsender. Damit, denke ich mir, zu meiner Überraschung fast entrüstet, hat sich das Geschäft selbst entlarvt.

Über nie von mir je zuvor betretene Wege quere ich anschließend nach Westen, zwischen unerwartet steilen Hängen hindurch, an nie zuvor von mir betrachteten Kirchtürmen vorbei, der Regen spannt die Dämmerung bereits übers Land, als ich die Iller überquere und auf meiner steten Suche nach Oasen die IG OMa ansteuere: eine Art dörfliches Kulturzentrum im einstigen Bahnhofsgebäude. Züge halten hier immer noch, aber kein Bahnbediensteter hat hier Aufsicht oder verkauft gar Karten, und der aushängende Fahrplan markiert ganz andere Zeiten: Wochenmarkt, Dorfcafé und Feierabendtreff, Vorträge, Konzerte und alternative Filmvorführungen, Backzeiten für den Brotofen – nur nach Anmeldung -, afghanische Küche von Geflüchteten, Handarbeitstreff, Gemeindepolitik …

Ein befeuerter Bullerjan, ein Regal mit Weinsortiment, Cafétheke und Kuchenstücke, einer gibt Würstchen in heißes Wasser, die Menschen duzen mich. Der Macher, ein waschechtes Nordlicht, das in seinen Salzwassersang immer dann ein sehr südliches „griaß di“ einflicht, wenn ein weiterer Mensch hereintritt. Und ein Glaziologenpaar der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, das einen Vortrag halten wird über seine Arbeit und die weltweite Entwicklung der Gletscher und ihre Folgen. „Früher wusste ich nicht, wie man Gletscher schreibt, und jetzt bin ich selbst einer“, scherzt der Macher rätselhaft.

Welches Nichts, denke ich mir während des Vortrags, wir als Individuen in diesem Universum doch sind. Wir könnten getrost sofort aufhören, uns über alles mögliche aufzuregen, was uns widerfährt; es ist – vom Mond aus gesehen, ach was, vom drittnächsten Dorf aus betrachtet – vollkommen bedeutungslos. Und wie wir als Spezies in unserer Raubgier gleichzeitig einen ganzen Planeten – zumindest Abertausende seiner Lebensformen, uns selbst früher oder später eingeschlossen – in den Untergang treiben. Ungeheuerlich, unvorstellbar, dass die Politik und, ja, wir alle – du, Sie, ich – nicht viel mehr Konsequenz üben angesichts dessen, was so offensichtlich ist. Und ich steige in das Fahrzeug mit dem Verbrennungsmotor, das mich zum nächsten Ort tragen wird und gebe Gas und überhole eine lahme Ente auf der Autobahn und fühle mich schizophren.

Als ich in der Blues Jam Session ankomme, bringe ich Müdigkeit mit. Von unserem Tisch aus haben wir eine schlechte Sicht auf die Bühne. Die anderen stehen immer wieder auf, um hinüberzuschauen zu den Musikern. Ich aber merke, wie mich eine unsichtbare Schere aus der Szene herausschneidet, eine Hand mich diesem Ort entrückt. Fremd das Lachen an den Tischen, merkwürdig der Biss jenes Mannes in die belegte Seele, irritierend die Bewegungen des Paares, das sich zu einem Turner-Hit zum Tanz vor die Musiker schiebt, befremdlich die Gesten des Sängers, die Tätowierungen der Sängerin, die sich mir immer gleichförmiger zu wiederholen scheinenden Blues-Phrasen. Mag sein, dass mich Jazz länger gehalten hätte oder auch Black Sabbath oder Johann Sebastian Bach, vielleicht auch nicht.

Ich stehe auf und gehe hinaus in die Nacht, vorbei am Grab meines Großvaters, von einer Plane abgedeckt, so wie die Kirche eingerüstet ist, hinüber zu dem stillen, leeren, dunklen Platz unter den winterlichen Kastanien und setze mich wieder einmal in mein Fahrzeug und ziehe die Zugbrücke hinter mir hoch.

Allgäu_Winter

Foto: Oliver Storz

P.S. Er ist wieder da, das freut mich sehr: https://waldundhoehle.wordpress.com/

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Sinus

Den Tag über gehen, keine Straße, keine Siedlung, nur die eigenen Schritte. Gehen im Licht, auf Stein, über Wurzeln, die Aufmerksamkeit auf jeden Tritt gerichtet. Den Tag über gehen, bis die Muskeln schmerzen, und aus Quellbächen trinken, einfach den Durst löschen mit dem, was da aus dem Felsen fließt als ein Geschenk.

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Ob Tanken bei Gewitter gefährlich ist, frage ich mich. Der Wind reißt an den kurzen Hemdsärmeln, ich finde keine Antwort. Spurensuche nach einem bestimmten musikalischen Genre aus einer gewissen Lebensphase. Im Subway hatte ich damals dazu getanzt und zuhause Radiosessions auf Kassette aufgenommen. Auf dem Videoportal höre ich mich durch R’n’B, R’n’B in allen möglichen Kombinationen, House, Deep House, lande irgendwie beim Trip Hop. Aber eine Antwort finde ich nicht. Der Tribut an die Herrin des Turms lässt die Hand sinken, irgendwann spüre ich die Folie eines Riegels zwischen den Fingern nicht mehr. Danke, den Weg ins Bett immerhin finde ich selbst. Am Horizont die rote Sichel des Mondes.

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In einem Zwischenreich, einem zeitbefreiten Irgendwo zwischen Sport und Arbeit, einen Kaffee neben mir. Möchte hier bleiben, aber irgendwann muss ich hier raus und dann schnellt die Zeit zurück und rächt sich für den billigen Traum eines Feenreiches an der Autobahn. Es ruft also: die nächste Tat.

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Das Eisengeländer der Brücke ist niedergebogen …

Das Eisengeländer der Brücke über den Bach ist niedergebogen. Tatsächlich nieder-, also von oben herab gebogen. Ich kann mir nicht recht vorstellen, was das verursacht haben könnte.

Das Plätschern zwischen dem sprießenden Holunder kommt nicht an gegen den Verkehrslärm. Eine Straße zieht sich durch den Wald, irgendwo auf dem Land und trotzdem eilen unablässig Menschen hin und her über den Asphalt. Krähen krächzen über den noch blattlosen Eschen. Der Wind lässt mich am Kopf frösteln nach dem Haarschnitt am Morgen. Blühender Löwenzahn zwischen Waldflecken. Eine windschiefe Hütte, das Dach eingesunken, lädt zum Fotografieren ein, die Belichtung habe ich falsch eingestellt, werde ich später feststellen. Auf dem Feldweg ein Zigarettenfilter, gelb auch er, doch dunkler als die Blüten, fast orange. Die Kippe stört mich, und trotzdem fehlt mir auf der Flur der Faktor Mensch. Immer nur Worte über den gleichen kreisenden Flug von Bussard und Habicht, über dieselbe Stille der Bäume? Ein Falke habe sich, erzählte die Mutter beim Mittagessen auf den spitzen Schrei eines Vogels hin, auf einem der Bäume heimisch zu machen versucht und abends glitt ein Schleiereulenpärchen am Haus vorbei. Das sind nicht die immer gleichen Erscheinungen.

Weshalb mein Bauch rumort, begreife ich nicht, noch weniger als die gebogene Eisenstange an der Brücke. Übrigens auch nicht die anderen Symptome des Vorabends und am wenigsten jene quälende Fiebernacht ohne Fieber. Medizin war mir der sonnige Morgen, die Fahrt in die Stadt für einige Erledigungen, die sich angesammelt hatten, die wunderbaren Menschen, die ich in der Stadt und vor allem natürlich auf dem Wochenmarkt getroffen habe. Umarmungen, Lächeln, Gelächter. Hände, die sich berühren hier und da, ein fester Griff, Finger streichen über einen Handrücken.

Auf einer Wiese, auf der der Löwenzahn schon besonders hoch steht, hängt das Gras in Wirbeln nieder, als sei es niedergedrückt vom Schnee, der vor ein paar Tagen dort gefallen war. Bald wird der erste Schnitt erfolgen – zu früh für Insekten und besonders die Bienen und immer früher. Ein kurzes Stück geht es über Teer, dann über einen bereits bekannten Weg eine leichte Steigung in den Wald hinauf. Auf der Kuppe wiegen sich die Bäume im Wind: Birken, silbrig raschelnd, lindgrün ihre kleinen Blätter, eine einzelne, beinahe solitär stehende Lärche, nur in der Krone benadelt, darunter ein langer, langer astloser Stamm, ein paar Kiefern in ihrem Umfeld. Bäume, die ich nicht kenne, denke ich mir, spare ich in meinen Schilderungen aus. Verfälschung von Welt, denke ich mir, wenngleich selbstredend alles nur Auswahl ist, Welt als Interpretation. Meinen Horizont erweitern als Aufgabe, mehr Bäume erkennen für einen weiteren Interpretationsspielraum, denke ich mir.

Vorbei an der Stelle, wo ich vor einer Woche zum Pinkeln zwischen die jungen Fichten getreten war. Wäre ich ein Hund, könnte ich mich selbst noch wittern? Kein Auto, kein Motor ist mehr zu hören, nur das rauschende, raschelnde Wiegen der Bäume. Eine Art von Frieden.

Etwas wie eine riesige Lichtung öffnet sich, gesäumt von den unvermeidlichen Hochsitzen der Jäger entlang des Waldrandes. Ich fühle mich an „The Village“ von Night Shyamalan erinnert, ein Film, der letztendlich nicht lohnenswert war, dessen Wendungen mich nicht überzeugt haben, entschieden weniger als in Shyamalans „The Sixth Sense“. Auf einem der Schwünge des Landes liegen zwei Gehöfte, zusammen tragen sie den schönen Namen Krautenberg. Zerstreute Pferdeäpfel, eine Plane flattert einem angreifenden Tiere gleich, durch den Spalt unter einer Scheunentür sehe ich einen rotweißen Kater lagern, lautlos zieht er sich vor mir in die Dunkelheit zurück.

Am nächsten Waldrand weitet sich der Blick zurück, nach Osten hin liegt Terrain, das ich bereits einmal durchschritten habe auf meiner schleichenden Vermessung der Welt. Ich fühle mich schwach, die Schwäche geht von meinem Bauch aus, Müdigkeit, ich begreife mich nicht. Ein halb versunkener Flurstein am Waldesrand, die Abdrücke von Hufeisen im Schlamm, vor einem Baum türmte jemand Steine aufeinander zu einem Steinmännchen wie im Gebirge. Hinter einer Kurve fällt der Weg ab und der Blick hinüber auf die Buschlkapelle ist Überraschung. Immer und immer wieder dieses ungläubige Staunen, wenn sich durch die Bewegung im Raum die Dingen anders zueinander verhalten, als es eben noch so sicher schien. Jeder Schritt konfrontiert uns mit einer neuen Sicht auf den Zusammenhang aller Dinge, und deshalb ist Sichbewegen so unverzichtbar, denn nichts ist so beständig, wie wir denken.

Das begreife ich und setze meinen Weg fort.

Wald_Holz_Unterallgäu_Wandern