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Der Kontrapunkt des kleinen Glücks

Der Kopf zerstört wieder einmal nach der Woche, das Wetter – in der Früh noch sonnig – verspricht kalten Wind, Schnee und Regen. Nicht das, was einen hinauslockt zu fünf, sechs Stunden Fußmarsch, nach denen ich mich sehne.

*

Die Einladung der selten gesehenen Nachbarn zum Mittagessen.

Die Heiterkeit des jungen Mannes, der sich, seit morgendunkler Stunde tätig, auf dem Marktstand des heimischen Biogärtners ein Taschengeld dazuverdient.

Die Freundlichkeit des Baristas, der sein Tun ganz offensichtlich liebt.

Die Herzlichkeit der beiden Damen im dörflichen Bioladen. Arbeit und Sorgen haben sie genug, aber jeder Einkauf ist hier echte Begegnung.

Der Frohsinn der Kundin, die auf die Frage „Du bist zu Fuß da? Ist der Korb nicht zu schwer?“ in ihrem Dialekt antwortet: „Ach, das geht gut. Und wenn er zu schwer wird, stell ich ihn eben ab und schaue mich ein bisschen um.“

Und der Tag hat erst angefangen.

*

Der Himmel zieht zu, die Schlechtwetterfront rollt heran, begräbt alles unter sich. Der Kopf lichtet sich.

P.S. Weil es bei Herrn Ärmel und Frau Lakritze eben um das Glück ging.

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Gott liebt Sie

„Ah, ich höre Schritte!“
Sie dreht sich um und lächelt mich durch die Dämmerung an.
„Ich habe einen Zettel für Sie!“
„Einen Zettel?“
„Ja, von einem Gottesdienst. Mit Gospelliedern.“
„Danke, das brauche ich nicht.“
„Was brauchen Sie nicht? Keinen Zettel?“
„Keinen Gottesdienst.“
„Glauben Sie schon an ihn?“
„Nein, nicht mehr.“
„Oh nein, was ist passiert???“
„Ach, nichts ist passiert, nur eine Entwicklung über das Leben hin.“
„Aber wissen Sie, er liebt Sie. Er liebt uns alle! Das ist die Wahrheit.“
„Das ist Ihre Überzeugung.“
„Ich habe einen anderen Zettel für Sie. Hier!“
„Na gut. Ihnen alles Gute.“
„Alles Gute und einen schönen Abend!“

Der Zettel war dann nicht so toll. Schuld und Verderben und solche Sachen.

Oder selbst die Strukturen schaffen

Der Hof ist eine Falle und der Wind hat uns hineingetrieben. Verschlossen ist das Gattertor zum Steg, ein Sprung zu weit, alles zu kalt. Ein Fenster öffnet sich und die heimliche Beobachterin zeigt sich als Engel. „Ihr wollt über den Bach? Dann geht dort hinter die Hütte, da ist eine Brücke.“ Wir finden ein Schalbrett überm Gewässer, die Enden auf Ziegeln aufgelegt, mit Schraubzwingen fixiert. Eis liegt auf der Planke. Ich trete auf das Brett, es knackt im Holz, es knackt im Eis, beides trägt. Die anderen folgen, über die weiße Wiese schwärmen wir aus.

In einem russischen Auto werde ich zur Arbeit gefahren von einer blonden Frau mit blassgrünen Augen und blasser Haut, in ihrem Haar hängt Eis. Kühl und nordisch sieht sie aus, aus dem Winter kommend, aber doch, das ginge auch, aus dem russischen Winter, mit jenem Gesichtsausdruck einer unbeeindruckbaren Agentin. Das Auto ist direkt, ungeschminkt und ursprünglich: die Motorengeräusche kernig, die Technik Mechanik, am Handgriff über der Tür hängt ein Karabinerhaken. An den Knien ist es kalt. Die Sonne geht auf, sie wärmt nicht, aber es ist gut.

„Oder selbst die Strukturen schaffen“, sagte ein Kollege am Mittagstisch. Verzweifeln ließe sich leicht an der Welt. Und wenn einen dies und das bearbeitet hat, reicht manchmal der Anblick einer niedergeholzten Hecke, der nun nackten Kreuzung, um in alttestamentarischer Verzweiflung die Hände in die Höhe zu werfen. Das Heilmittel haben wir immer selbst in der Hand. Jeder unserer Einkäufe, jede unserer Begegnungen, jedes unserer Worte ist eine Entscheidung, die wir treffen. Daran denke ich mir, als ich die Hände aus der Höhe sinken lasse und mein Panzerhemd abstreife und den Rock darunter und mit offenem Herzen da stehe und Menschen Worte schenke, die kein Richter auf Erden verlangen würde und die die Welt trotzdem schöner machen.

Es liegt an uns.

Winterfarben

Im Tal ist der Schnee schwer und nass, die Bäume sind schwer und nass, alles ist schwer und nass und kalt und unter Wolken begraben. Ich mag den Monat meiner Geburt nicht.

Über einen bewaldeten Kamm stapfen wir den Hang empor, immer wieder an starken Bäumen vorbei, die geknickt sind wie Streichhölzer von Männerhand, und wir reden über einen, der einen Achttausender ohne Sauerstoff in 16 Stunden bestiegen hat. Er ist so schnell hinauf und wieder herab, dass er sich wegen Höhenkrankheit keine Gedanken machen musste. Und wir keuchen bereits auf dieser Steigung im Wald.

An der Dolde einer Engelwurz haben sich Eiskristalle festgesetzt. Spuren von Has und Fuchs im Schnee, wir sind die ersten Stiefelträger seit Tagen. Oben am Rand der kleinen Hochebene strecken sich starke Tannen zwischen den Fichten, Misteln sammeln sich im Geäst, drüben die Silhouetten nackter Laubbäume vor dem Wolkenhimmel. Dort wird der Weiler Gerstland sein. „Wo die Laubbäume stehen, sind die Menschen nicht weit.“ Auf der weißen Wiese ist ein Haufen aufgestapelt für das Funkenfeuer am Abend. Eine Mopedspur im Schnee, immer wieder rechts davon ein Fußabdruck, wo der Fahrer seinen schlingernden Kurs abzusichern hatte.

Am ersten Hof ein Fuhrpark aus drei Fendt-Traktoren, in der Wiese vor dem Haus ist ein Schneepflug abgestellt mit vielen bunten Handabdrücken, der Hof eine Fassade aus Holzschindeln und Klinkerbau, man sieht an ihm schon das Westallgäu. Am nächsten Hof der Geruch von Funkenküchle – in Fett ausgebratenen Krapfen für den Abend. Die Frauen also sind fleißig, und die jungen Männer werden sich abends betrinken, und wo der Funken wetterbedingt abgesagt wird, betrinken sich die jungen Männer halt auch ohne das wintervertreibende Feuer aus alter Zeit.

Der Schritt ist schwer im Schnee, manchmal knackt Eis, da ist ein Mensch, ein Hund. Abgesetzt vom Tann wacht eine Tanne mit Zweigen so dicht, ein Mensch könnte sich darin verstecken und nicht gesehen werden. Unter den tiefen Ästen kein Schnee, der Baum ehrwürdiger Schirmherr über einen Flecken Wiese.

Ein Hohlweg, dann am Waldrand entlang, winterleere Hütten, die Fußspuren fallen ab, der Weg windet sich zwischen Holz und Hang dahin. Es ist ganz still und einsam. Dann zwischen mächtigen Nadelbäumen ein Pfad, zugeweht im schweigenden Wald, es ist ganz Winter, ganz Menschenferne, als läge er jenseits der Mauer, die Westeros durchtrennt. Jenseits eine halb verschneite Spur, ein schlankes Kreuz auf einer baumfreien Höhe, dann durch tiefen Schnee hinab. Er löst sich bei jedem Tritt und rollt in hastiger Flucht den Schritten voraus, kreuz und quer springen und hüpfen die Kügelchen vor uns her. So klein ist eine Lawine etwas Heiteres.

*

„Doa bin i numm gradelt, doa waret scheene Kiah dinn.“ In der Stube der Königsalpe tickt eine Uhr, ein Kachelofen wärmt, schwarzweiß blickt von der Wand der einstige Besitzer Bonaventura König herab, eine historische Karte klärt über die Zeiten auf, als das Land noch nicht zu Bayern gehörte. Nur an einem Tisch sitzen noch Leut‘, als wir eintreten. Es ist 16 Uhr, vielleicht sind wir die letzten Gäste auf Wochen hin, ab Ostern ist dann wieder sicher offen. Am Holztisch neben dem Ofen lassen wir uns nieder und es ist gar nicht zu vermeiden in solch einer Stube, dass man das Gespräch der anderen hört. Die Wirtin, der Wirt, ein Besucher, in der Färbung eines gelebten Dialekts geht es um die ewigen Themen des Bauernstandes: um die Rinder und das Bauen, Beziehungen und Suizid, Glück und Unglück. „Da willst du für 20 Kühe bauen und dann wird dir der Platz für 40 vorgeschrieben. Immer bauen und bauen, das kannst du doch auch nicht.“ „Sie ist bei ihm eingezogen, sie hat halt einen Unterschlupf gesucht. Aber das ist ja auch recht.“

Die Ohren glühen ganz warm. Ich ziehe den Wollpullover aus, über das Shirt darunter ziehen sich Salzstreifen. Den Rücken an die warmen Kacheln gelehnt, lausche ich, lausche den Worten am Nebentisch, ihrer Farbe, dem Tosen des Feuers im Ofeninnern, ein beruhigendes Geräusch, ein Klang der Kindheit.

*

Und auf dem Abstieg dann die Farben: unendlich viele Töne Grau, das dunkle Grün der Nadelbäume, ins Schwarz versinkend, das zu Blau wird, je ferner die Wälder stehen, das Weiß des Schnees und über allem ein metallischer Glanz. Was auf dem Aufstieg Eintönigkeit war, ist nun Reichtum. Und da liebe ich den Monat meiner Geburt.

Allgäu_Winter_Westallgäu_Königsalpe_Gschwend

Allgäu-Blues

Gegenüber liegt mein Großvater und ich hatte nicht gewusst, dass es in dem Dorf sonst noch etwas anderes gibt außer dem Metzger mit den schweinefreien Würsten und dem Dorfladen, in den meine Großmutter eingezahlt hat, damit es überhaupt noch einen Laden gibt, und dem sacht traurigen Wirtshaus mit seinem Biergarten unter Kastanien und den Brüchen im Asphalt der Doppelkurve, die ich jeden Tag nehme.

Da also gibt es plötzlich eine Bar mit Jam Sessions, für die Leute – ist das wahr, was ich auf dem Nummernschild lese? – bis aus der Schweiz angefahren kommen. Und ich schiebe die Tür auf, unsicher geworden in dem mir fremden Territorium, übersehe am Eingang einen Kollegen in Lederjacke und suche drinnen nach den Freunden, die mich eingeladen haben, und sehe stattdessen die Masseurin des Einödhofs, die Blockadearbeit geleistet hatte kürzlich, was meinen Kopfschmerz vervielfacht und biographische Fragen an mich selbst aufgeworfen hatte ausgerechnet an meinem Geburtstag.

Am Nachmittag habe ich das Büro hinter mir gelassen und bin durch Regenschleier in die alte römische Kapitale gefahren. „Nichts bereuen“, lese ich auf dem Eingangsplakat über dem Eingang des Baumarkts, der so gerne mit markigen Sprüchen wirbt. Ich bekomme die Kleinigkeiten, die seit Wochen auf einem Zettel stehen, die Lampe aber, für die ich Nutzen hätte und doch bisher ohne sie ausgekommen bin, stelle ich wieder zurück, ich ignoriere die Verlockungen der Metallwarenabteilung, weiche Feierabendholzträgern aus.

Und nochmals weiter nach Süden, Wolkenbänke verbergen die Berge, nicht aber den Höhenzug, auf den ich zusteuere, und es ist, als sähe ich ihn, schneeweiß und fichtenblau, nun zum ersten Mal – als Horizont der Stadt, der sonst verschwindet vor den Voralpen und Alpen über ihm. Hinauf auf die Autobahn und nach wenigen Hundert Metern schon wieder herunter, vorbei an dem Burggemäuer, an dem ich das letzte Mal zu einer Sommerhochzeit während meiner Stuttgarter Jahre war, den Hügel empor, er ist steiler als ich dachte, und zum Speicher hinüber, Straßen, auf denen ich seit vielen Jahren nicht mehr war. Eine Wiederentdeckung mehr in jener Region, von der ich weniger denn je weiß, ob sie Heimat ist.

Mein Ziel ein stattliches Gebäude in einem Weiler: Steingarten, Edelsteine, Holzkuppel, mit Schwammtechnik begelbte Wände. Ob ich nach meinem Besuch nur noch rosarot denken könne, hatte ich zuvor noch gescherzt. Ich betrete den Ladenraum mit den Yoga-Klamotten – „energetisierte Wellness- Bekleidung“ – und da dreht sich meine ironische Abwehr in ihr Gegenteil: Es plätschert und plärrt aus einem Radio ein ganz gewöhnlicher Popsender. Damit, denke ich mir, zu meiner Überraschung fast entrüstet, hat sich das Geschäft selbst entlarvt.

Über nie von mir je zuvor betretene Wege quere ich anschließend nach Westen, zwischen unerwartet steilen Hängen hindurch, an nie zuvor von mir betrachteten Kirchtürmen vorbei, der Regen spannt die Dämmerung bereits übers Land, als ich die Iller überquere und auf meiner steten Suche nach Oasen die IG OMa ansteuere: eine Art dörfliches Kulturzentrum im einstigen Bahnhofsgebäude. Züge halten hier immer noch, aber kein Bahnbediensteter hat hier Aufsicht oder verkauft gar Karten, und der aushängende Fahrplan markiert ganz andere Zeiten: Wochenmarkt, Dorfcafé und Feierabendtreff, Vorträge, Konzerte und alternative Filmvorführungen, Backzeiten für den Brotofen – nur nach Anmeldung -, afghanische Küche von Geflüchteten, Handarbeitstreff, Gemeindepolitik …

Ein befeuerter Bullerjan, ein Regal mit Weinsortiment, Cafétheke und Kuchenstücke, einer gibt Würstchen in heißes Wasser, die Menschen duzen mich. Der Macher, ein waschechtes Nordlicht, das in seinen Salzwassersang immer dann ein sehr südliches „griaß di“ einflicht, wenn ein weiterer Mensch hereintritt. Und ein Glaziologenpaar der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, das einen Vortrag halten wird über seine Arbeit und die weltweite Entwicklung der Gletscher und ihre Folgen. „Früher wusste ich nicht, wie man Gletscher schreibt, und jetzt bin ich selbst einer“, scherzt der Macher rätselhaft.

Welches Nichts, denke ich mir während des Vortrags, wir als Individuen in diesem Universum doch sind. Wir könnten getrost sofort aufhören, uns über alles mögliche aufzuregen, was uns widerfährt; es ist – vom Mond aus gesehen, ach was, vom drittnächsten Dorf aus betrachtet – vollkommen bedeutungslos. Und wie wir als Spezies in unserer Raubgier gleichzeitig einen ganzen Planeten – zumindest Abertausende seiner Lebensformen, uns selbst früher oder später eingeschlossen – in den Untergang treiben. Ungeheuerlich, unvorstellbar, dass die Politik und, ja, wir alle – du, Sie, ich – nicht viel mehr Konsequenz üben angesichts dessen, was so offensichtlich ist. Und ich steige in das Fahrzeug mit dem Verbrennungsmotor, das mich zum nächsten Ort tragen wird und gebe Gas und überhole eine lahme Ente auf der Autobahn und fühle mich schizophren.

Als ich in der Blues Jam Session ankomme, bringe ich Müdigkeit mit. Von unserem Tisch aus haben wir eine schlechte Sicht auf die Bühne. Die anderen stehen immer wieder auf, um hinüberzuschauen zu den Musikern. Ich aber merke, wie mich eine unsichtbare Schere aus der Szene herausschneidet, eine Hand mich diesem Ort entrückt. Fremd das Lachen an den Tischen, merkwürdig der Biss jenes Mannes in die belegte Seele, irritierend die Bewegungen des Paares, das sich zu einem Turner-Hit zum Tanz vor die Musiker schiebt, befremdlich die Gesten des Sängers, die Tätowierungen der Sängerin, die sich mir immer gleichförmiger zu wiederholen scheinenden Blues-Phrasen. Mag sein, dass mich Jazz länger gehalten hätte oder auch Black Sabbath oder Johann Sebastian Bach, vielleicht auch nicht.

Ich stehe auf und gehe hinaus in die Nacht, vorbei am Grab meines Großvaters, von einer Plane abgedeckt, so wie die Kirche eingerüstet ist, hinüber zu dem stillen, leeren, dunklen Platz unter den winterlichen Kastanien und setze mich wieder einmal in mein Fahrzeug und ziehe die Zugbrücke hinter mir hoch.

Allgäu_Winter

Foto: Oliver Storz

P.S. Er ist wieder da, das freut mich sehr: https://waldundhoehle.wordpress.com/

Vorstadtfreuden

Der magere Fensterputzer und die ältliche Türkin scherzen über ihre Motorhaube. Die Farbe weicht von der des Autos ab. Eine Reparatur, versucht die Frau zu erklären, aber Deutsch kann sie nicht wirklich. Sie lachen trotzdem beide.

Im türkischen Supermarkt finde ich, was ich nicht auf dem Wochenmarkt, nicht im Bioladen, nicht im Asienladen mit dem schroffen Besitzer und seiner Thai-Frau, die nichts anderes als „bye-bye“ zu jedem Besucher sagt und damit das Abweisende des Mannes und des Ladens auf bedrückende Weise wiedergutzumachen versucht. Hier, in dem türkischen Supermarkt, finde ich also Chilis, ganze Bündel von Chilis, und sie sind nicht einmal aus Kenia oder Thailand importiert, sondern aus Italien, und natürlich den großen Becher Gazi-Joghurt mit dem gelben Deckel, einen stichfesten Joghurt, für den ich bisher kein entsprechendes Bio-Produkt gefunden habe. Nach mir ein Mann, dessen Einkauf am Samstagvormittag aus drei Fläschchen Jägermeister besteht. Meine Heiterkeit weicht einer Trauer.

Auf dem Rasen des Wohnblocks zieht einer am Seil ein Vogelhäuschen in den Regen hoch. Der Gesichtsausdruck des Mannes ist so hart, er könnte auch den Galgen für ein Lynchgericht vorbereiten irgendwo in Wildwest. Ich packe meine Einkäufe zu den anderen und verlasse die Stadt.

Das also ist Scharlachrot, denke ich mir …

Das sechste Kapitel, denke ich mir, das sechste Kapitel sollte ich doch einmal vorlesen.

Peter Kurzeck, „Übers Eis“, wie er, in sein Manuskript vertieft, das Dezemberwetter ganz dunkel draußen und eigentlich immer dunkler werdend mit dem Fortschreiten des Morgens, seine Trennung im Nacken, das Bewerbungsgespräch im Theater vor sich am späten Vormittag, einen Espresso machen will und alles schief geht, immer und immer wieder schief geht. Und schon ein Kapitel fertig. Das ist es ja gerade, die Kunst, die kleinen Dinge zu beschreiben. Aber merkwürdig, denke ich mir, da findest du lange Zeit kein Buch, das du lesen magst, und dann kannst du dich gar nicht retten vor Bücher, die du am liebsten alle gleichzeitig lesen wolltest. Und noch merkwürdiger natürlich, dass alle diese Bücher schon im Regal standen, als ich nichts gefunden hatte, nichts lesen konnte, offenbar gar nichts lesen wollte, das muss ich doch daraus schließen, denke ich mir.

Der Neffe, den ich von dem Sturz noch gezeichnet vorzufinden glaubte, schon wieder ganz munter, ich hätte nichts gemerkt, hätte ich es nicht gewusst. Zu spät gekommen, der Besuch natürlich trotzdem erwünscht, und er lebendiger als sonst, und berichtet von seiner Entdeckung, dass er Bilder gefunden habe, die er in jüngerem Alter gemalt habe, und dann zieht er die Blätter hervor, zuerst allesamt umgedreht, dann sie umdrehend und baut aus bemalten Seiten, die mir zuerst zusammenhangslos erscheinen, ein gewaltiges Schiff voller Wunder zusammen. Fast wünsche ich mir selbst dieses kindliche Vermögen zurück, ganz ohne Ziel und Zweck schöpferisch sich zu erfüllen.

Und dann, ganz schnell, schon wieder ein Tag vorüber, den ich gelebt oder auch nicht, das weiß ich selbst nicht genau, denke ich mir und blicke aus dem Fenster. Das also ist Scharlachrot, denke ich mir, als ich zu den letzten farbigen Wolken hinübersehe.