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Am Klavier

Die Künstlerin am Piano dreht sich dem Publikum zu. „Ich bin ja Grazerin. Und wie nennen Sie sich? Wangerianer?“
„Wangener!“
„Wie, Wan-gener?“
„Nein, Wang-ener!“
„Und was ist hier die nächste größere Stadt?“
Gelächter. Die Musikerin nimmt einen zweiten Anlauf.
„Ist das Schwaben hier?“
„Ja!“ – „Nein!“
Um die Angelegenheit nicht in die Länge zu ziehen, einigt sich das Publikum über ein paar weitere Zwischenrufe auf „Allgäu“.
„Und wohin orientiert man sich hier eher, nach Stuttgart oder München?“
„Stuttgart!“ – „München!“
Konfusion.
„Kommt darauf an. Die Grenze ist nah“, versucht mein Sitznachbar zu klären.
Das Gesicht der Künstlerin hellt sich auf.
„Die nach Österreich?“
„Überall hin“, sage ich.
Das ist ja das Reizvolle. Nichts ganz, immer Möglichkeit. Wer sich hier nicht nach außen verschließt – auch die gibt es, nicht wenige –, ist Brückenbauer. Belächelt von außen und auch von innen, aber was kümmert das die Brücke.

Humor entsteht, wenn Melancholie ironisch gebrochen wird. Und das Publikum lacht viel. Die zarte Frau hat es im Griff. Singt Susana Sawoff, wird ihre Stimme fester und voluminöser. Die Ironie färbt sich in eine Lust an der Verspieltheit. Die Ballade, die zum Disco-Hit, die Ballade, die zum Swing wurde, Anleihen bei Nina Simone und Gospel, Bassist und Schlagzeuger steuern Backing vocals bei. Bei der jazzigen Interpretation eines Stücks von Jeff Buckley glüht der Körper kalt auf in Gänsehaut. Ich schließe die Augen.

„So, und jetzt gehen wir ins Wasser“, witzelt der Nachbar, als auch die zweite Zugabe beendet ist. Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife. „Ach, das reicht auch noch das nächste Mal“, antworte ich und wir lachen in Lebenslust.

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Abschalten

Die Berge ein blasser Scherenschnitt in Blau, dunkler und metallischer als die Wolkendecke in der Höhe. Zwischen ihnen, über den Bergen, unter den Wolken, ein Raum, in den sich die Morgensonne, selbst noch unsichtbar, vorwärts tastet. Das Licht wird mutiger, die Wolkendecke entflammt von unten her in einem feurigen Rosa. Wie ein Buschfeuer breitet es sich aus, um dunkle Wolkentäler herum erobert es den Tag.

Zwei junge Männer beobachten dieses Schauspiel, während sie wie ich auf Mitfahrer warten. Einer hält das Smartphone gen Horizont, ich suche nach Worten, die unser Staunen beschreiben. Die Welt wird heller, die metallische Fläche der Berge gewinnt Kontur, das Feuer am Grund der Wolken erlischt. Morgenmenschen grüßen sich, wechseln die Fahrzeuge, setzen gemeinsam ihren Weg zur Arbeitsstätte fort.

Abends im Kopf ein Gewitter, ein Neuronensturm, Whiteout, wie auch immer. Ich schalte das letzte Soziale Medium ab, das ich mir noch aktiv bewahrt habe, vom Blog vielleicht noch abgesehen. Das System will mich nicht ziehen lassen: Es hält mir eine Galerie von Freundesporträts vor, ein jedes mit der Botschaft versehen, dieser Mensch werde mich vermissen. Ich muss ein Scheusal sein, diesen Schritt zu tun. Ich schließe die Augen und lausche dem Vortrag eines Hirnforschers, der mir empfohlen wurde. Die Stimme ist angenehm bedächtig. Das Wort Aufmerksamkeitserheischer lässt mich lächeln. Ruhe kehrt ein.

Den Blog werde ich erst einmal bewahren.

Alpen_Allgäuer Alpen_Hochvogel_Sommer_Geröll

Erinnerung bei der Betrachtung des Raureifs

Weggeräumt den Kot der Fledermäuse, die über dem Dachbalken einen Eingang gefunden haben. Weggeräumt das letzte Waldwesen aus Holz, Draht und roter Zunge von der Schnitzeljagd einst im Februar. Weggeräumt Staub und einen rostigen Schlüssel von den Fliesen. Das Sofa, neu auf dem Balkon, habe ich dann mit Tolstoj eingeweiht. Das kann natürlich nur der Anfang gewesen sein.

„We were talking – about the space between us all“, an einer Stelle hängt die Platte, Henry the Horse galoppiert, bis ich die Nadel anhebe, ein Hi-Hat läuft auf der Zeitachse rückwärts, niemals hatte Ringo Starr das Schlagzeug live so spielen können, wie wir es hören, ein Mückenstich juckt, nur Minuten nach dem Angriff. „Du willst es scharf?“, hatte der Koch heute gefragt und mir eine tückische Chilischote auf den Teller gelegt, zu dritt haben wir sie nicht geschafft, denn sie war die vegetabile Hölle. Wenn nur die Müdigkeit nicht immer wäre, wie das nur juckt, solch ein kleines Tier. Der Tag erlischt hinter den Eschen, es verströmt die Nacht über der Welt, und ich weiß nicht, ist es Anfang oder Ende.

Totenglocken

„Jetz isch as halt so, bloß andersch.“ Aufschrift in verblasster Fraktur an einem Westallgäuer Bauernhof. Hinter dem Haus geht es sofort hinab in den Bregenzer Wald, ins Vorarlberg.

*

Ich komme vom Berg herunter und aus dem Wald heraus und da lehnt ein Mann an einem Anhänger hinter seinem Haus und raucht und schaut mich an.

„Griaß di“, entscheide ich mich für die offensivste Möglichkeit.

„Servus“, antwortet er.

Als ich ihn bereits passiert habe, sagt er noch etwas. „Ich hätte da eine Bergtour.“

Ich drehe mich um und weiß nicht, was er meint. „Ja, da komme ich runter“, entgegne ich.

„Nein, nicht über den Weg. Sondern dort.“ Er deutet auf die Wiese, die sich steil hochzieht bis zum Wald.

„Ja, aber auf dem Weg war es auch ganz schön.“ Noch immer begreife ich nicht.

Nach einer kurzen Pause ergänzt der Mann: „Ich hätte auch eine Gabel dazu.“

„Ach so!“, lache ich über das Arbeitsangebot. „Das nächste Mal.“

*

Katzenmühle, steht da angeschrieben mit einer Speisekarte und dem Verweis auf eine Schmuggelstube. Der Weg führt hinab in Waldesdickicht entlang eines Bachlaufs, dahinter nur Wipfel und Berghang und mitten in diesem Nirgendwo eine unsichtbare Grenze. Dort will noch etwas anderes sein? Ich schlage den Weg ein.

„Selbstbedienung“ steht da angeschrieben auf einem Schild auf der Terrasse. Ich grüße die kleine Runde am Tisch und gehe hinein, eine Frau schneidet einer anderen die Haare, ich biege ab und unter einem niedrigen Türsturz hindurch. Da ist eine kleine Küche, ein Schauraum mit Kuchen, Kaffeemaschine und Delikatessen, dahinter eine Stube, viel Holz, keine Gäste hier drinnen. Dann stehe ich da und weiß nicht weiter und irgendwann kommt der Mann aus der kleinen Gruppe draußen herein. „Jetzt wollte ich doch mal schauen, ob du zurecht kommst.“

Selbstbedienung ist wirklich ganz wörtlich gemeint, lerne ich. „Schüchtern darf man bei uns nicht sein.“ Also hole ich eine Flasche aus dem Kühlschrank und ein Glas vom Regal, suche den Flaschenöffner und schließlich die Kasse. Die gibt kein Wechselgeld, denn sie ist ein Holzkästchen mit einem Schlitz für Geldeinwurf. Ich habe das Geld nicht passend, es wird mein teuerstes alkoholfreies Weizen, das ich je getrunken habe, aber es tut nicht so sehr weh, denn längst hat die Katzenmühle mein Herz erobert. Ich spaziere hinaus, bewundere das viele Holz, die Heiterkeit der Betreiber, die verwinkelte Galerie, sehe, dass die Katzenmühle auch an manchen Abenden geöffnet hat.

„Pfiat di“, ruft mir der Betreiber fröhlich hinterher, als ich weiterziehe. Ich werde wiederkommen eines Abends und dann, versteht sich, nicht allein.

*

Über einen Graspfad geht es den Hang hinab, dann schwenke ich scharf auf einen Feldweg. Er führt direkt auf ein Dorf zu, auf eine Kirche am Ortsrand, zwei Autos sind in der Wiese geparkt, gegenüber steht ein Bauernhof mit Holz und frischen Farben im Sonnenschein. Und dann läuten auch noch die Glocken.

Eine unerhörte Idylle rückt dem Wanderer näher. Hier ist Deutschland noch in Ordnung, ist da plötzlich in meinem Kopf, und dabei will ich damit weder eine Aussage treffen, dass Deutschland nicht mehr in Ordnung, noch dass es früher je in Ordnung gewesen sei. Es ist nur eine spontane Reaktion auf diese ungeschminkte Schönheit.

Warum aber läuten die Glocken an diesem Nachmittag? Schwarzgekleidete Gestalten auf dem Friedhof belegen meinen Verdacht. Dann, als ich die Kirche passiere und den Bauernhof und den Brunnen, füllen sich die Straßen mit immer mehr Menschen in Trauerfarben. Alle sind sie jung, beinahe alle sind sie elegant und selbstsicher und schön und schlank. Die Autokennzeichen sind aus der Fremde: Stuttgart, München, Starnberg, immer wieder wiederholen sich diese Kennzeichen, da ist kein einheimisches Kennzeichen darunter, so wenig wie ich ältere und alte Menschen sehe, und aus den Autos steigen immer noch mehr junge, elegante Frauen und junge, elegante Männer. Eine Frau lächelt mich an, einer anderen laufen Tränen übers Gesicht, das Gasthaus, in dem ich eine Einkehr erwogen hatte, ist einer geschlossenen Gesellschaft vorbehalten, der Wirt zieht mürrisch an einer Zigarette auf dem Treppenaufgang.

Benommen bewege ich mich gegen diesen schwarzen Strom. Benommen von dem Kontrast dieser ungeheuren Idylle und dem Tod eines offenbar noch jungen Menschen, den Dorfhäusern und all diesen eleganten, erfolgreichen Menschen aus einer anderen Welt. Stuttgart, München, Starnberg in diesem Tal ganz am Ende von Deutschland, und dann bin ich am anderen Ende des Dorfes, steige aus der Flut wieder ans Ufer einer einsamen Gemeinde und hätte so gerne gefragt und wage es doch nicht, hätte gerne gefragt nach dieser Geschichte, die ich da eben hinter mir gelassen habe und nur nach ihr hätte zu greifen brauchen.

Ich setze mich auf eine Bank, neben mir eine Scheune mit der Beschilderung „Reifenwechsel“ und einem Haindlingplakat und einem Plakat einer Vielhundertjahresfeier des Dorfes. Zwei Männer laden aus der Werkstatt Reifen in einen Lieferwagen, sie unterhalten sich angeregt, der eine ist hell und blond und der andere afrikanisch schwarz und ich weiß, dass ich es bereuen werde, nicht nach den Totenglocken gefragt zu haben, und wage es aus Scham doch nicht.

Vielleicht, sinne ich auf der Bank, war da einst ein sehr junger Mann, eine sehr junge Frau ausgezogen aus diesem 800-Seelen-Dorf am äußersten Rande Deutschlands, nur noch eine Siedlung liegt unterhalb im Tal vor der Grenze, das Tal ein Keil, ein Dreieck, dessen beide Schenkel österreichisch sind. Ist also von dort ausgezogen und hat Karriere gemacht in den Landeshauptstädten des Südens und nun als Toter zurückgekehrt in seine einstige Heimat. Ist zurückgekehrt in diese Idylle, die doch zugleich ein Kaff ist, ein Kaff sein muss, immer ein Kaff war und ein Kaff bleiben wird für die Jungen, vielleicht das allerschrecklichste Kaff sogar, einem Gefängnis gleich, und der junge Mensch also ging nach München und Stuttgart, ging in die Wirtschaft vielleicht, machte Karriere, eine Frau oder ein Mann mit Zukunft, lobten vielleicht die Älteren, halb stolz, halb missgünstig auf den Nachwuchs, und am Wochenende tanzten die Jungen und Erfolgreichen in München oder Stuttgart und feierten und die Zukunft ein ausgebreitetes Feld vor ihnen, eine Verheißung, die es zu erobern gilt, ein goldener Apfel am Baum.

Und jetzt liegt dieser Mensch tot da drinnen in dieser schönen Kirche zwischen all den schönen Menschen an diesem schönen Sonnentag und verwest.

Sinus

Den Tag über gehen, keine Straße, keine Siedlung, nur die eigenen Schritte. Gehen im Licht, auf Stein, über Wurzeln, die Aufmerksamkeit auf jeden Tritt gerichtet. Den Tag über gehen, bis die Muskeln schmerzen, und aus Quellbächen trinken, einfach den Durst löschen mit dem, was da aus dem Felsen fließt als ein Geschenk.

*

Ob Tanken bei Gewitter gefährlich ist, frage ich mich. Der Wind reißt an den kurzen Hemdsärmeln, ich finde keine Antwort. Spurensuche nach einem bestimmten musikalischen Genre aus einer gewissen Lebensphase. Im Subway hatte ich damals dazu getanzt und zuhause Radiosessions auf Kassette aufgenommen. Auf dem Videoportal höre ich mich durch R’n’B, R’n’B in allen möglichen Kombinationen, House, Deep House, lande irgendwie beim Trip Hop. Aber eine Antwort finde ich nicht. Der Tribut an die Herrin des Turms lässt die Hand sinken, irgendwann spüre ich die Folie eines Riegels zwischen den Fingern nicht mehr. Danke, den Weg ins Bett immerhin finde ich selbst. Am Horizont die rote Sichel des Mondes.

*

In einem Zwischenreich, einem zeitbefreiten Irgendwo zwischen Sport und Arbeit, einen Kaffee neben mir. Möchte hier bleiben, aber irgendwann muss ich hier raus und dann schnellt die Zeit zurück und rächt sich für den billigen Traum eines Feenreiches an der Autobahn. Es ruft also: die nächste Tat.

Arabisch_Essen_Vorspeisen

Das also ist Scharlachrot, denke ich mir …

Das sechste Kapitel, denke ich mir, das sechste Kapitel sollte ich doch einmal vorlesen.

Peter Kurzeck, „Übers Eis“, wie er, in sein Manuskript vertieft, das Dezemberwetter ganz dunkel draußen und eigentlich immer dunkler werdend mit dem Fortschreiten des Morgens, seine Trennung im Nacken, das Bewerbungsgespräch im Theater vor sich am späten Vormittag, einen Espresso machen will und alles schief geht, immer und immer wieder schief geht. Und schon ein Kapitel fertig. Das ist es ja gerade, die Kunst, die kleinen Dinge zu beschreiben. Aber merkwürdig, denke ich mir, da findest du lange Zeit kein Buch, das du lesen magst, und dann kannst du dich gar nicht retten vor Bücher, die du am liebsten alle gleichzeitig lesen wolltest. Und noch merkwürdiger natürlich, dass alle diese Bücher schon im Regal standen, als ich nichts gefunden hatte, nichts lesen konnte, offenbar gar nichts lesen wollte, das muss ich doch daraus schließen, denke ich mir.

Der Neffe, den ich von dem Sturz noch gezeichnet vorzufinden glaubte, schon wieder ganz munter, ich hätte nichts gemerkt, hätte ich es nicht gewusst. Zu spät gekommen, der Besuch natürlich trotzdem erwünscht, und er lebendiger als sonst, und berichtet von seiner Entdeckung, dass er Bilder gefunden habe, die er in jüngerem Alter gemalt habe, und dann zieht er die Blätter hervor, zuerst allesamt umgedreht, dann sie umdrehend und baut aus bemalten Seiten, die mir zuerst zusammenhangslos erscheinen, ein gewaltiges Schiff voller Wunder zusammen. Fast wünsche ich mir selbst dieses kindliche Vermögen zurück, ganz ohne Ziel und Zweck schöpferisch sich zu erfüllen.

Und dann, ganz schnell, schon wieder ein Tag vorüber, den ich gelebt oder auch nicht, das weiß ich selbst nicht genau, denke ich mir und blicke aus dem Fenster. Das also ist Scharlachrot, denke ich mir, als ich zu den letzten farbigen Wolken hinübersehe.

Die Weisheit der Perser

Jetzt sind sie auch hier angekommen: Heute sehe ich meine ersten Schneeglöckchen. Vor zwei Tagen hatte sich der Schnee nochmals weiß über alles gelegt, und schon ist alles wieder anders unter dieser frühlingshaften Sonne. Die bräunlichgrünen Wiesen, die warmen Waldränder, die glänzende Kette der Berge, das alles ist von einer das Fassungsvermögen geradezu übersteigenden Schönheit. So muss sich ein Genesender fühlen, der nach langem Krankenlager wieder hinaustritt in die Welt.

Reiten, Bogenschießen, die Wahrheit sagen, das war laut Herodot das Ethos der alten Perser, die angemessene Art, wie ein Mann – und gelegentlich durchaus auch eine Frau – das Leben zu führen hatte. Eine andere mag sein, den Blick an den Horizont zu heften und den Lockungen des Windes zu folgen, ausschreiten, ausschreiten. Ich stehe auf der Höhe und schaue hinüber, wo der Großvater seine Sitzbank hatte, einen rostigen Flaschenöffner an einer Schnur – oder war es eine dünne Kette? – immer griffbereit. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden. Eine Brise aus West, die Sonne scheint, das Alpenpanorama ist die reinste Verführung.

Ich wende mich von den Gipfeln ab und mache mich ans Werk. Winterschäden beheben, einen Säugling tragen, im Garten werkeln. Werte ändern sich bisweilen. Das Glück ist überall.