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Innehalten

Ein grasendes Pony, umzingelt von Staren. Was suchen sie in seiner Nähe?

Bloggen interessiert mich nicht mehr. Nicht aktiv, noch passiv. Warum setze ich trotzdem wieder einen Text hier hinein? Manchmal ist sich der Augenblick selbst genug – in der Meditation, im Ausschreiten, in der Erschöpfung –, manchmal aber drängt er in Worte. Es sind diese Miniaturen, die ich aneinanderreihen möchte. Das Innehalten, dem ein kurzer Eindruck folgt: Staunen, Wundern, Schmerz, Liebe.

In der Mittagspause spazieren wir barfuß über das gemähte Feld. Die Alpen liegen im Dunst, über ihnen türmen sich Wolken auf in erstarrter Explosion. Die Dialektik des Seins bringt es mit sich, dass sich eine jede Medaille wenden lässt. Aber hier und jetzt, da sehe ich nur Gnade in der Lage meiner Wirkungsstätte am Rande des Örtchens, in dem ich nicht leben möchte.

Ein Junikäfer lässt sich auf meinem weißen T-Shirt nieder, dann auf dem blonden Haar der Kollegin. Ziehen helle Farben sie an?

Drüben überm Sportplatz flimmert die Luft. Ich liebe dieses Zittern in der Hitze. Sehe ich es, vielleicht zum Winterende hin an einem milden Tag über den Gleisen, ist es mir schieres Versprechen. Alles ist Versprechen an einem Sommertag. Und ich wünschte mir die großen Schulferien zurück, deren Ende so unbegreiflich fern lag, als würde es nie eintreffen. Als währte unser Leben ewig im Sommerland.

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Einem Fluss entstiegen

Und dann die Reinheit der Apfelblüten, zart das Birkenlaub, im Windschatten warm genug für kurze Ärmel, während zuhause ein Junge barfüßig das Eis am Rande eines Weihers bricht. Die Berge verschleiert von Dunst, hingehaucht, blass auch dann noch, als sich der Zug zwischen die ersten Höhen schiebt.

Das Gleis schmiegt sich an die Biegung des Flusses, trennt sich, vereinigt sich wieder. Möwen fliegen über den Bergwassern aus geschmolzenem Eis – Licht über Kieseln.

Wie gerne würde ich jetzt in diesen Fluss steigen! Und erneuert, neugeboren, aus seiner Kälte steigen. Ich erhebe mich, Wasserperlen funkeln auf der zitternden Haut, und ich setze meine Reise fort in neue Länder, furchtlos und klaren Auges. Eine Hand schiebt sich in die meine und ich erinnere mich, diesem Fluss bin ich gestern erst entstiegen.

Am Abend werden wir am anderen Ende dieses Gebirges unser Heim erreichen.

Leipzig Süd

Der Guss der Milch aus dem Gelenk der beringten Hand in das Rund der Kaffeetasse.

Buchweizentarte auf weißem Marmor, der Espresso Perfektion in der angemessenen Schlichtheit seiner Tasse. Tulsi-Kräutertee und Eisenkraut, beides duftend, im einen Kännchen senkt sich das Teesieb nicht ganz, im anderen das Kraut nicht, das an der Oberfläche schwimmt, bis der Löffel es hineintunkt ins heiße Wasser.

Cafés als Ruhepole, in denen es mir gelingt, was sonst schwierig: zweckfrei nichts zu tun und mich selbst dabei zu ertragen.

Blauer Glanz der Dämmerung.

Das Leuchten des Wassers

„Ich nahm das Wasser, trank es; es war köstlich und leuchtete, wie auch das Glas in meiner Hand.“ Wie Ernst Jünger seinen Opiumrausch beschreibt, so müsste das Leben doch solche Momente auch ohne Rauschmittel schenken, nicht immer, das wäre zu viel verlangt, aber immer wieder. Das nennte ich Lebenskunst. Stattdessen das verhasste Gefühl, nicht zu genügen.

Für den Schnee ist kein Platz mehr, es bleibt nur, ihn mit der Schaufel die Böschung hinaufzuwerfen. Das Handgelenk schmerzt von Stunden windumtost auf deinem Dach, das ich von kniehohem Schnee befreite, der Horizont gleich drüben auf dem Feld ein wirbelndes Weiß, Vorboten eines Sturms. Der Rotz lief mir aus der Nase, langsam sickerte die Nässe durch das Leder der Bergstiefel und das Herz erzitterte vor archaischer Lust. Das Gestern.

Nun schmerzt das Handgelenk, das Frühstück misslingt, der Fluss des Vorabends ist versiegt und ein Mensch ist nicht im Reinen mit sich selbst. „… ständig das Gefühl zu haben, nicht zu genügen, als ob ich scheitere, aber nicht so ganz weiß, warum“, lese ich auf dem Display und ich weiß, wie er sich fühlt.

Es pfeift ums Haus, dem Westwind ausgeliefert, der Schnee wird schwer, die Straße trügerisch, dann kommt der Regen. „Falling Down“, der Widerstand der Ohio-Indianer – Shawnee, Delaware, Mingo im Frontierkrieg -, ein Zitat von Handke, ein Geburtstagsbesuch, einen zweiten schon im Vorfeld abgesagt, ein letztes Mal für heute die Schneeschaufel in die Hand, das Buch von Onetti lege ich weg, zu sehr beunruhigt es mich, also Ernst Jünger, wie bieder der Grabenkämpfer doch sein konnte, also doch lieber wieder Peter Handke?

Dann dreht sich der Schlüssel im Schloss, sie tritt ein und alles ist Vertrauen.

 

Der Tanz im Formarinsee

Ist er nun blau oder grün, dieser Schmelzwassersee im Lechquellengebirge? Der Himmel spiegelt sich in ihm. Der Fels. Die Bergwiesen und Latschenkieferngesträuche. Wir steigen nackt ins Wasser, es ist so kalt, dass nur rasche Züge hinein in seine Tiefe vor der Aufgabe retten. Die Steine am Grund sind selbst dort noch zu sehen, wo die Zehen den Boden nicht mehr erreichen. Von der Sonne gekrönt, heiligen Lichtbahnen unsere Schatten.

Wir kreisen umeinander, immer und immer wieder, mal erstrahlen Augen grün, dann blau. Küsse über der Wasserlinie, ein Sichfinden an der Grenze des Ertrinkens. Dann Flucht: Blau bricht das Wasser auf um ihren Leib. Dann Pirsch: Grün bleibt ungekräuselt, wohin ich, augenverankert, ihr folge.

Als auch die Küsse die Kälte nicht mehr abhalten, schwimmen wir in den Uferbereich zurück, die Füße suchen einen Stand im schlammigen Grund, wir umarmen uns, halten uns, schwankend wie Bambus im Wind, bis die Fischlein an unseren Beinen knabbern. Dann entsteigen wir, auf die warmen Felsen hinauf, dem Wasser, und ich weiß schon nicht mehr, war es blau oder grün.

Formarinsee_Alpen_Lechquellengebirge_Bergsee_Vorarlberg

Gedanken beim Queren einer Brücke

Gen Bregenz quert die Bahn einen Fluss, er kommt aus den zum Greifen nahen Bergen herab. Gemächlich schwimmen Menschen im grünen Wasser, nicht eiserstarrt wie in den Alpenbächen, sondern als sei es eine absolute Selbstverständlichkeit, im Sommer im Fluss zu schwimmen. Stein, Wasser, Wind, Wärme, Licht an der bloßen Haut und schon ist der Zug weitergerollt, der Fluss verschwunden. Eine ungeheure Sehnsucht bemächtigt sich meiner. So, schreit etwas in mir auf, so will ich leben, nicht tage-, nein wochen-, monatelang.

Im Allgäu loben die Menschen ist das wieder ein guter Sommer und ich, ich verstehe nicht, was sie sagen und warte noch immer auf ihn.

Berge_Alpen_Tirol_Sommer_Bach_Bergbach_Baden_Frische

Die Kraft und die Herrlichkeit

Ein Schuss, ein Hall, dann wieder die Glocken des Jungviehs. Das Himmelsrot jenseits der Wälder verblasst, kühl zieht es von den Wiesen herauf. Immerhin war es am frühen Abend noch versöhnlich warm, versöhnlich sonnig nach widrigen Tagen.

Die Kraft war mir ausgegangen, so gründlich, dass ich eine Bergtour vortags nach einer Viertelstunde abgebrochen hatte. Es ging nicht, warum auch immer. Es ging gar nichts – körperlich, seelisch, geistig nicht. Aber das ist natürlich auch wieder Unsinn, das bezeugen die ordentliche Wohnung, der umgeschichtete Lesestapel, die guten Gespräche, der Duft in der Küche, in der ich an einem Wochenende drei, vier Rezepte aus einem spanischen Kochbuch ausprobierte. Der Knoblauch ging als Erstes aus.

Versöhnlich warm und versöhnlich sonnig also der Ausklang des Wochenendes und ich öffnete die Balkontür, durch die die Sonne bis unter den Schreibtisch fiel, und ich zog mich aus und legte mich in diese Schneise aus Licht. Und während ich die Ellbogen links und rechts an den Kästen des Schreibtisches abstützte und die Maserungen der Schublade über mir musterte, ließ ich, vielleicht zum ersten Mal seit Tagen, wirklich los. Und die Kraft kehrte zurück und mit ihr die Herrlichkeit.

Es ist ja dieser eine Satz, den ich, in der mir vollkommen fremd gewordenen kirchlichen Sphäre, ganz und gar bejahe, der, während ich alles davor und alles danach nur aus kühlster Ferne wahrnehme, hinausschmettern möchte, jedesmal wenn ich ihn höre: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Wie vor ein paar Tagen wieder einmal, als mich eine Beerdigung nach langer Zeit in eine Kirche hineingeführt hatte, in die Dorfkirche aus Kinderzeiten, der Sebastian rechts vorne immer noch von Pfeilen durchbohrt, alles immer noch begraben unter den Ausschweifungen des Barock. Fremd war mir alles: das Dorf, die Kirche, das Ritual, die Menschen. Alles schien mit Bedeutung aufgeladen, keine Geste war willkürlich, nur dass ich diesen Zeichencode unter der permanenten Beobachtung aller durch alle nicht verstand, nur selbst beobachten konnte, alles und jeden beobachten, und dabei wusste, wie mich jeder als Fremden erkennen würde, nein, nicht einmal am Gesicht, sondern an dem, was ich tat oder nicht tat zwischen ihnen, vor dem Grab, auf dem Weg zwischen Tür und Bank.

„What am I Doing Here“ ist eine Textsammlung von Bruce Chatwin überschrieben, die ich im Flugzeug nach Tansania gelesen hatte, und das fragte ich mich: Was mache ich hier? Ich gehöre nicht hierher, wie ich nirgendwo sonst hingehöre, nicht in die Stadt, nicht aufs Land, nicht in die Ferne noch in die Heimat, nicht hierhin, nicht dorthin. Als ich merkte, wie ich mich in ein ehernes Hemd aus Selbstmitleid zu rüsten drohte, hielt ich inne. Wie wichtig doch auch die Menschen sind, die am Rande stehen! Reisende, Beobachter, Fragensteller, Brückenbauer, Zweifler, wie Bruce Chatwin etwa.

In Afrika erklang jeden Morgen neben der Hotelterrasse der Gottesdienst. In Suaheli und trotzdem waren am Rhythmus, an der Sprachmelodie die Elemente des Zeremoniells wiedererkennbar, während wir mit Blick auf den Victoria-See frühstückten oder unsere Unterlagen für den Tag durchgingen. Doch eines war entschieden anders: die Musik. Sie klang nicht nach zur Schau getragenen Leidensmienen, sondern stieg als mehrstimmiger Lobgesang in die Höhe, von Trommeln und Freudentrillern begleitet, eine Feier der Herrlichkeit, ein wahrhaftiges Halleluja von beinahe zu Tränen rührender Schönheit.

Die Finger fahren nun über die Tomatenstaude und an ihnen bleibt ein Duft des Paradieses zurück. Er mischt sich mit den Aromen frischgebackenen Brotes und gerösteter Auberginen aus der Küche. Kenny Wheeler bläst auf seiner Trompete, zum Gesang von Norma Winstone, zu Gedichten von Fernando Pessoa. Der Himmel dunkelt und das Licht glüht nach. Nicht in Ewigkeit, aber in Kraft und Herrlichkeit.