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Die Kurve

Eglofs war für mich immer eine scharfe Doppelkurve, die sich unter dem Auge eines Kirchturms hinabschwang ins Tal. Den Ort selbst hatte ich meines Wissens nie betreten, bis in meine Lebensmitte hinein blieb der Name nur diese Kurve, ein Bild aus Kindheits- und Jugendtagen, als man vor der Öffnung der A 96 noch diese Strecke nahm zum Bodensee oder vielleicht hinüber nach Dornbirn, wo wir eine Kindheitsfreundin meiner Mutter besuchten. Sie schätzte ich besonders, weil sie auf ihren Besuchen – damals noch von ihrem Studienort im Tirol aus – gern und bereitwillig mit uns Kindern spielte, ganz besonders das von mir geliebte Brettspiel mit den Figuren und den weißen Steinen, was meine Eltern selten taten, und auch, weil sie mit der Welt der Bücher in Verbindung stand, die mir Verheißung war und später lange Jahre ja auch eigener Broterwerb, und weiters deshalb, weil sie Geschichte studiert hatte, damals also in Innsbruck, welches ich lange Zeit ebensosehr und ausschließlich mit ihr verbunden hatte, bis einer meiner Onkel dann einige Jahre dort am Theater arbeitete, die Geschichtswissenschaft also, die ich später selbst studieren sollte. Das also war mir die Kurve von Eglofs.

Der Fußweg führte mich halb um die kleine Große Kreisstadt Wangen herum, zuerst zum Friedhof nach Süden, gut besucht an diesen Allerheiligen, an dem Menschen ihren Verstorbenen einen Besuch abstatteten, obwohl Allerseelen ja erst am nächsten Tag sein würde, aber der war eben kein freier Tag, weshalb Allerheiligen für den Friedhofsbesuch genutzt wurde. An den Eingängen schüttelten Männer in Uniform, hinter großen Brillen die Spendenbüchse. Man kannte sich, nur der Wanderer vor der Mauer war fremd.

Jenseits der Stadt, so dachte ich, würde ich innehalten und lauschen, sobald ich kein Motorengeräusch mehr hörte, aber immer blieb das Rauschen von der Bundesstraße wahrnehmbar, und wenn doch einmal nicht, inmitten eines Wäldchens vielleicht, dann zog ausnahmslos ein Linienflugzeug niedrig über den Himmel. Also ging ich eben, ging weiter, gehe weiter ohne innezuhalten, die Jochbeine glühen kalt, die Handschuhe vermisse ich nicht. Anders als die Straßen schweigen die Wälder, wenn nicht gerade eine Amsel Alarm schlägt. Wie eingefroren die Landschaft bereits, im Windstillen schwebt nicht einmal Laub herab. Greifvögel, Katzen beim Mausen, Jungvieh auf den Wiesen vor dem ersten Schnee, sonst kein Tier.

So quere ich also den Bach, der in seinem Namen den meinen mit sich trägt, passiere den ausgewiesenen Kräutergarten, der so stille ist wie die Wälder, komme den Himmelberg herunter und steige zum Schnaidthöfle wieder hoch und bin immerhin ein paar Mal überrascht, wenn ich Wirklichkeit und Karte wieder in Einklang bringen muss, das immerhin bietet der Weg, den ich sonst nicht innigst ans Herz legen würde. Passiere auf dem Kamm zuletzt den Hof, wo wir im Sommer auf der verwandtschaftlichen Radtour Halt gemacht haben, und bin dann, nach drei Stunden Wegs, in Eglofs.

Das Dorfcafé suche ich auf, um einen Studienfreund auf Besuch zu treffen. In der Uni-Mensa haben wir nicht selten zusammen geschwiegen, im Einvernehmen geschwiegen, und das muss man ja auch erst einmal können, gemeinsam im Guten zu schweigen. Später teilten wir in unserem Berufsleben noch einmal für ein paar Jahre eine andere Stadt, aber das letzte Wiedersehen lag auch bereits den zweiten Sommer zurück, ein herrlich strahlender, reifer Tag war es gewesen im Lautertal der Schwäbischen Alb, zwischen Blatt und Licht und der Herrlichkeit des Lauterwassers.

„Mein Kind“, spottet der Freund und deutet auf den Kinderstuhl neben sich, „mein Auto“, winkt er zum Fenster hinaus, „mein Baugrund“, zeigt er mir auf dem Smartphone eine eingeebnete Fläche. „Eine Fliegerbombe war zum Glück nicht drin“, atmet er auf.

„Vielleicht noch ein paar Alemannenknochen?“, ermuntere ich.

„Unwahrscheinlich. Wir sind auf Sandstein gestoßen. Das erhöht die Kosten zwar noch einmal, aber ein alter Alemanne dürfte sich da darunter jedenfalls nicht verstecken.“

Das Dorfcafé füllt sich. „Ausschließlich mit Butter gebacken“, wirbt das Café, vegan ist hier fehl am Platz bei den vielen selbstgebackenen Torten und Kuchen. „Wie zu Großmutters Zeiten“, da würde clean eating durchaus passen, gute Zutaten frisch verarbeitet, aber wer will sich hier schon ein solches Modelabel umbinden? Die Wirtin eine robuste, herzliche Frau, täglich frisch gebackenes Brot, kein Tisch in der Stube mehr frei, das Café läuft. Ein Schatz für ein solches Dorf, denn welches kann denn ein richtiges Café sein eigen nennen, und das noch mit so viel Leidenschaft, Herzblut und soliden Rezepten geführt?

Geschwiegen haben wir am Tische nicht. Für diesen Luxus sehen wir uns inzwischen dann doch zu selten. Ich stecke den Rest meiner Butterseele ein, klopfe dem Freund auf den Rücken und wende mich wieder gen Osten. Die Kurve bin ich nicht hinabgefahren.

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Spurensuche

Das Dorfgedächtnis ist unerbittlich. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist es her, dass ich im nahen Weiler lebte. Räumlich war der Umzug fort für die Familie kein großer Schritt – trotzdem war ich damit aus diesem Raum verschwunden, hatte ihn für 25 Jahre vollkommen hinter mir gelassen. Und dann kehre ich zurück, Grau im Haar, und die, die immer hier waren, erkennen mich auf ein paar Stichworte hin, fügen mich ein in den ewigen Faden, den das Leben hier geduldig spinnt.

Ich folge der Dame ins Gemeindehaus eines für mich Jahrzehnte lang nicht mehr existenten, ja ausgelöschten Dorfes und brauche nur zu sagen, dass ich in den Weiler … zurückgekehrt bin, wo ich Jahre meiner Kindheit verbracht habe, schon findet sie nach einem Augenblick des Grübelns meinen Nachnamen. Die Nächste braucht immerhin noch meinen Familiennamen als Erinnerungshilfe, dann hat sie die Vergangenheit geordnet: Ach ja, ich habe doch mit ihrem Sohn zusammen den Kommunionsunterricht erhalten, die erste Stunde habe bei uns zuhause stattgefunden. Ich kann mich an nichts erinnern. Die Dritte lacht: „Ach, der Sohn von …! Sag ihm einen Gruß, wir haben zusammen Musik gemacht.“

Zwei Frauen tuscheln noch, tauschen eine Erinnerung aus oder eine soziale Relation, als der Yogakurs eigentlich bereits begonnen hat. An der Stirnseite des Raums hängt mittig ein Kruzifix, auf der gegenüberliegenden Seite tickt eine Uhr. Beides irritiert mich, beides gehört für mich nicht dazu: Yoga unter dem Gekreuzigten und ein Gemeinderaum im Zeichen des Kreuzes für einen, der alle Bindungen zur Frömmigkeit seines Kindheitsumfeldes längst hinter sich gelassen hat. Und das Ticken eines Sekundenzeigers war mir schon immer zuwider, dieses unablässige, mechanische Herabzählen unserer Lebenszeit, dieser geistlose Takt, der keinen Augenblick der Ruhe zulässt. Ich folge meinem Atem und vergesse bald die Uhr, nicht aber den Gedanken: Alle wissen sie etwas über mich. Und ich nichts über sie.

Später sitze ich noch einmal im Auto. Ein scharfer Ostwind treibt den Schnee über das Landsträßchen. Weiße Zungen schieben sich über die Fahrbahn, gierig darauf, jeden bekannten Weg auszulöschen in einer unbeschriebenen Wüste. Ich drücke das Gaspedal und suche mir eine Spur in dieser verwirrenden Welt.

An der Höll

Ein Blick durchs Dachfenster, ein Ziel erfassen. Die Tür fällt unten ins Schloss, Beine schreiten aus.

Manches an dem Weg ist mir bis aufs Äußerste vertraut, anderes neu oder ganz vergessen: der geteerte Radweg parallel zur Straße, die ich überquere; der Schwung des Weges am Waldrand, der das Ziel nochmals vor dem Blick verbirgt.

Entlang der Brombeerranken, an denen wir Kinder uns die Beine aufgekratzt haben, schreite ich in die Höll, einer rechteckigen Wiese, auf drei Seiten von Wald umgeben, wo einst die Pferde grasten oder ein Volleyballnetz aufgespannt wurde und Freunde meiner Eltern aus den Weilern und Dörfern so oft zum Spielen kamen oder wir Bumerangs warfen, die unser Vater gebaut hatte, und zwischen zwei flachen Händen wieder aus der Luft griffen. Zwei der Wurfhölzer waren schwerer als alle anderen, das eine gelb, das andere rot lackiert, vor ihnen hatte ich Angst.

Ein Fuchs harrt in Lauer auf dem Feld. Er bemerkt mich nicht. Damals wäre ich nervös geworden, ich hätte gezögert, vielleicht wären meine Schritte erstorben. Wildtollwut war eine reale Gefahr und noch lange nicht ausgerottet. In meinen Träumen wurde der tollwütige Fuchs zum Sinnbild der erwachenden, verwirrenden Kräfte des Heranwachsenden. Heute müsste sich mein Unterbewusstsein ganz andere Bilder suchen. Ein paar Schritte kann ich noch machen, bis das Tier mich registriert und sich zur Flucht wendet, den rötlichen Leib und den dunklen Schwanz gestreckt, als ginge es um sein Leben.

Ich hatte es immer gewusst und trotzdem stehe ich erschrocken vor der Höll. Die Wiese meiner Kindheit ist nicht mehr, sie ist ausgelöscht. An ihrer Stelle ragen Bäume in die Höhe, haushoch bereits und eng gepflanzt, der Untergrund ist düster und von moderndem Laub bedeckt. Etwas drückt auf meine Brust. Tautropfen lösen sich von den Buchen und Fichten. Sie stürzen hinab, in die Tiefe, wie die Augenblicke, Tage und Jahre meiner vergänglichen Existenz.

Warum nur kreist der Bussard über mir …

Warum nur kreist der Bussard über mir auf meinem Weg in meine Vergangenheit?

Vom Bahnhof bin ich hinaufgewandert auf den Hügel, eine Stunde Fußmarsch vom Ort meiner Geburt dorthin, wo meine Ahnen seit ein paar Generationen wohnen. Habe bei der Großmutter ein Käsebrot gegessen und eine Flasche geleert und bin dann weitergegangen. Habe drüben auf der nächsten Endmoräne schon mein Ziel gesehen, jenen Weiler, in dem ich wichtige Jahre meiner Kindheit verbracht habe und vielleicht bald dorthin zurückkehren werde.

Ich verlasse den Schotter der Feldwege und nähere mich über Sommergras dem schmalen Wäldchen auf halber Strecke zwischen beiden Hügeln. Wie oft war ich als Kind diesen Weg gegangen, auch in einem Alter schon, in dem man heute keine Kinder mehr hinauslassen würde ohne Aufsicht, und wie viele Jahre, ja Jahrzehnte waren seit dem letzten Mal vergangen, denke ich mir ehrfürchtig. Und dann kreist der Vogel über mir. Schrei um Schrei stößt er aus, während er über mir zirkelt. Was will er von mir? Es ist Juli und eigentlich schon zu spät für die Brutpflege, zu spät im Jahr für einen Angriff auf menschliche Störenfriede.

Ich trete in den Wald, suche mir einen Weg durch das Gestrüpp, den nadelbedeckten Boden hinab, staune darüber, hier zu sein. Als ich den Wald verlasse, ist der Vogel wieder über mir. Er begleitet mich auf meinem Weg zurück in meine Biographie wie ein Geisterwesen aus Carlos Castanedas Büchern. Ich lasse die Hände frei schwingen, die Finger leicht nach innen gekrümmt. Vor mir fallen Vergangenheit und Zukunft ineins.