Schlagwort-Archive: Kindheit

Fieberträume

Um halb 11 Uhr eines wolkigen Frühsommerabend gehe ich zu Bett. Später in der Nacht erwache ich, weil der Mond so unerwartet krass ins Zimmer scheint. Als ich das nächste Mal erwache, zeigen die Leuchtziffern genau Mitternacht, der Himmel ist wolkendunkel und ich traue meinen Augen nicht. Unmöglich können erst anderthalb Stunden vergangen sein, seit ich mich schlafen gelegt habe. Es fühlt sich nach sehr viel mehr Zeit an. Und umöglich konnte der Nachthimmel in so kurzer Zeit mehrmals so stark gewechselt haben. Die Realität wirkt sehr dünn und brüchig in diesem Moment. Ich schaue auf die Uhr und die letzte Ziffer springt von der 0 auf die 1 und ich weiß nicht, ob mich das beruhigt oder mich vielmehr gerade beunruhigen sollte, weil die Uhr – die falsche Wirklichkeit – begriffen hat, dass ich beunruhigt bin und mich nun mit dem Wechsel der Minutenanzeige, diesem Ablauf scheinbarer Normalität, beruhigen, in Sicherheit wiegen will. Dass da das Fieber bereits zum Angriff angesetzt hat, wird mir erst am nächsten Tag klar.

Früher hielt ich Afrika für den Kontinent der Verheißung. Als in der dritten Klasse eine Schulstunde ausfiel, wurden wir zur Handwerksstunde der Parallelklasse gesetzt und sollten ein Bild malen, irgendetwas Langweiliges, durch und durch Banales aus dem Lebenskreis eines Drittklässlers, vielleicht das Lieblingsspielzeug oder die Geschwister oder ein Haustier. „Darf ich auch Afrika?“, fragte ich, erhielt ein Ja und legte strahlend los. Das Papier füllte sich mit Bergen, Dschungel, Wüsten, Giraffen, Nashörnern, Löwen, Affen, Schlangen, Palmen, Flüssen, Eingeborenendörfern, Speerträgern, Trommeln und einem Tropenhelmforscher, ein Sammelsurium an Klischees. Später malte ich mir aus, eines Tages aus einem Boot hinauszuspringen auf einen Strand und einen heiligen Schauder zu spüren, wenn mein Fuß afrikanischen Boden berührte. Kein Flugzeug tief in den Kontinent, keine Fähre in eine dreckige Küstenstadt sollte mich nach Afrika führen, sondern Pioniertat. Die Vorstellung war furchtbar lächerlich. Heute, in den Zeiten der Migrationsbewegungen über ebenjene Strände hinaus aufs tödliche Mittelmeer und hinüber nach Europa, ist sie lächerlich und traurig. Dort war ich übrigens noch nie, in Afrika. Auch das ist bezeichnend.

Der Glaubenssatz des Inneren Kindes kann die größte Herausforderung im Leben darstellen, was – gelänge es, einen Schritt zurückzutreten – sehr komisch wäre, denn alles womit man dabei ringt, ist nichts als eine Überzeugung, geformt in einer längst vergangenen Zeit. Manche Menschen kämpfen mit sehr handfesten Herausforderungen; andere mit einem vor Jahrzehnten gespeicherten Gefühl.

Als ich, die Beine parallel, die Füße verwurzelt, das kühle Gewicht auf den Schultern, langsam in die Beuge der Knie gehe, spüre ich die letzte Schwäche des Fiebers, fühle ich das Gedankenkarussell aus Selbstverurteilungen, weiß ich, dass ich Teile dieses Satzes zitiere aus einem kürzlich erst geschriebenen Blogtext – ich verharre zwei Augenblicke und strecke mich, den Atem ausstoßend, in einer geraden Linie wieder nach oben und beginne von vorn, bis mir der Schweiß die Schienbeine hinabrinnt, das Herz hämmert, die Muskeln brennen. Als ich die Stange ablege, lege ich sehr viel mehr ab als nur das Eisen. Dann lache ich.

Morgen geht es nach Afrika.

Advertisements

Die Hohe Schulter

Oben auf der Kuppe steht, am Ende des Asphalts, ein Auto, die Scheiben halb heruntergelassen, Licht und Wind ausgesetzt. Der dicke Mann im Wagen mustert mich aus den Augenwinkeln, aber den Blick erwidert er nicht, also grüße ich nicht. Der dicke Mann schließt seine Augen und döst, in seinem Auto auf der Höhe, auf der Scheide zwischen dem östlichen und dem mittleren Allgäu.

Die Hohe Schulter ist eine markante Erhebung, markant deshalb, weil nicht von Fichten überzogen wie ihre Fortläufer nach Norden und Süden. Die Hohe Schulter ist von Gras bewachsen und auf ihr die Kronen zweier üppiger Laubbäume, aus der Ferne schon zu sehen. Sie ist eine jener Landschaftsmarken, die auf den ersten Blick schon zu Sehnsuchtsorten werden, locken, verzaubern, Geheimnis und Versprechen zugleich.

Ich weiß nicht, ob ich mich traurig, lächerlich oder aber erhaben fühlen soll, als ich die Höhe besteige und irritiert meine überflüssigen Pfunde spüre. Hatte ich das nicht ändern wollen? Bringe ich überhaupt irgendetwas zu Ende, das ich angehe?

Wind rauscht, Grillen zirpen, die Alpenberge im Süden sind halb verborgen von um die Schultern geschlungenen Regenmänteln. Unter mir der matte Spiegel des Notzenweihers, birkenumsäumt. Aus der Nähe ist sein Moorwasser braun, auf der Wiese davor hatte ich mir einst einen meiner schlimmsten Sonnenbrände geholt in jener Woche, in der ich alle sechs Bände „Durch die Wüste“ zum zweiten Mal gelesen, wie von Sinnen in mich aufgesogen hatte, um danach nie wieder ein Buch von Karl May in die Hand zu nehmen. Drüben dann, im Osten, der Auerberg, eine weitere markante Höhe, noch ein Sehnsuchtsort, am Rande des Allgäus, die Schatten dahinter liegen bereits im Lechrain, im Pfaffenwinkel.

Ich drehe mich um, passiere das Auto auf der Höhe und vor mir öffnet sich das Illertal. Cumuluswolken türmen sich himmelwärts. Andere, grauere Wolken zerteilen das Licht der Sonne in Strahlenfächer. Dächer leuchten auf drüben im Westen. Ganz nah das Auf und Ab des Sträßchens, über das ich heraufgekommen bin. Als ich ein Kind war, brachte meine Mutter über diese Straße Wolle zum Kardieren, zum Kämmen, um sie fürs Spinnen bereit zu machen. Wo damals die Weberei zwischen den Hügeln lag, steht nun ein Schild „Kunstakademie Allgäu“. Die Felder blütenloses Grün, die Kühe enthornt, Windräder da, da, da.

Ich folge einem Pfad über den Hügel, an Bäumen und Bänken und Blumen vorbei. Ich suche etwas, suche einen Ort, um ihn anderen zu schenken. Ich finde ihn nicht, mache kehrt, gehe über den Wiesenpfad zurück, an dem Auto vorbei, den Feldweg hinab, dem Wind vornweg. Die Eschen, wird mir da erst bewusst, vor vier Wochen noch kahl, stehen da in Fülle.

Der Gott der Lemminge

Am Abend nehme ich das erste Mal den Gesang der Amsel war, nachts träume ich, der kommende Sommer sei ohne Hitze bereits vergangen, feuer- und lichtlos schon wieder Herbst. Vielleicht deshalb das Ziehen in Knien und Knöcheln, als ich erwache.

Um Viertel nach Sieben eine Schlange vom Dorfbäcker auf die Straße hinaus. Ich halte nicht. Es ist einer dieser Widersprüche, dass ich mit dem Dorf nichts zu tun habe. „Ein Integrationsprogramm?“, schlägt die Studentin aus dem Nachbarweiler vor, die ich in einem ganz anderen Kontext kennengelernt habe. Von dort, dem Nachbarweiler, hat man einen fantastischen Ausblick auf die Alpen, von Irgendwo-in-Oberbayern – ich kenne die Gipfel nicht – bis in die Ostschweiz. Der Wind dafür umso dringlicher dort oben, versteht sich.

Dazwischen ein einsamer Hof, der Sohn war der einzige, der mit mir aus der Volksschule hinübergewechselt war ins Gymnasium in der Stadt. Die Dritte, die von unserer Klassenlehrerin die Empfehlung bekommen hatte, zu wechseln – völlig zu Recht natürlich -, zögerte und kniff. Da fühle sie sich überfordert, das brauche sie doch nicht. Es waren andere Zeiten als heute. Unsere Mütter hatten sich dann eingesetzt, dass wir zwei Wechsler in der neuen Schule nebeneinander saßen, uns Stütze und Orientierung sein konnten in der fremden, großen Welt. (In der ich, nebenbei, zum ersten Mal Protestanten kennenlernte, bewusst wahrnahm jedenfalls, denn davor war alles katholisch gewesen mit ein paar Sprengseln Esoterik und Yogitum, in dem man zuhause halt lieber ein Mantra sang als das Vaterunser.) Eine förderliche Entscheidung war es nicht, uns zusammenzusetzen, denn der andere tat das, was man später vermutlich Mobbing genannt hätte, und unsere Wege trennten sich bald und gründlich.

Die Berge treten überklar hervor, wie vergrößert. Schneeweiß die Rinne am Gaishorn, die ich im Sommer hochgestiegen bin. Auf dem Wochenmarkt der Stadt kaufe ich das, was ich am Vorabend im Bioladen nicht mehr bekommen habe, gönne mir ein Frühstück, das erst dann wieder voller Genuss sein wird, wenn der Markt nach Ostern aus der Halle wieder auf den Platz wandern wird, und weil ich Zeit zu überbrücken habe – Frühform einer senilen Bettflucht -, trinke ich einen zweiten Cappuccino drüben in Paulas Cucina Toscana, die sich natürlich mit Apostroph schreibt wie die meisten, weil der Genitiv ja aussterbend und damit offenbar keinem Gast mehr zumutbar ohne Apostroph, was übrigens, wie mir ein Philosophiedozent einmal erzählt hat, in „Klau‘s Würstchenbude“ seinen aberwitzigen Höhepunkt findet. Es ist zu viel Koffein, das weiß ich, bevor ich die Bestellung aufgegeben habe, das ist mir völlig klar, und trotzdem steuere ich einfach weiter geradeaus, ich weiß, wie unsinnig es ist, was ich tue und ändere doch nichts.

Ich denke zurück an den Vortrag der Psychologin auf dem Forum Fairer Handel darüber, weshalb wir nicht das tun, was wir wissen – was wir also rational als folgerichtig erkannt haben. Nehmen wir eine Alltagsentscheidung, deren ethische Sinnhaftigkeit wir rational vollkommen erfasst haben und die umzusetzen wir alle Mittel haben, auch wenn sie ein wenig mehr von uns abverlangt. Werden wir diese Entscheidung also in diesem Sinne treffen? Nein, eben nicht! Die Wahrscheinlichkeit, dass wir unsere Entscheidung tatsächlich gemäß unserer Erkenntnis fällen, liegt – wenn ich die Zahl richtig im Kopf habe – nur bei 30 %. Und sinkt durch vielerlei alltägliche Faktoren – etwa die Müdigkeit nach einem Arbeitstag – noch weiter. (Fun fact: Untersuchungen haben ergeben, dass Ethiker – Professoren der Ethik oder andere Menschen, die sich beruflich mit ethischen Begründungen, Fragestellungen und Handlungsanweisungen befassen, nicht ethischer handeln als andere Menschen.)

Um unser Gefühl eines freien Falls etwas abzumildern, gab uns die Psychologin anschließend Ansätze an die Hand, wie wir diese Wahrscheinlichkeit etwas erhöhen können. Fatalerweise erinnere ich mich genau an diese Strategien nicht mehr, als habe der Gott der Lemminge, diese blinde und in letzter Konsequenz selbst- und fremdvernichtende Bequemlichkeit, Zensur geübt in meinem Erinnerungsspeicher.

Der Sache werde ich nachgehen. Zuerst aber zum Frisör, die Zunge zu bitter, der Puls vom schwarzen Gold in die Höhe getrieben.

P.S. Auch wenn ich weniger in Blogs lese (und weniger schreibe), abonniere ich manchmal trotzdem einen neuen. In diesem Sinne unbedingt empfehlenswert:

https://libralop.de/ – ein Chronist des Alltags

https://athenmosaik.wordpress.com/ – Stadtflaneurin

Kreise ziehen

Als die seit Tagen alles erdrückende Wolkendecke aufreißt, habe ich noch eine gute Stunde.

Ich beschließe, meinen Geburtsort zu umrunden. Nicht aus Sentimentalität, Erinnerungen an jene allererste Lebenszeit habe ich keine, auch nicht schöner Wege wegen. Vielleicht um den Ort nochmals anders kennenzulernen.

Am Bahnhof starte ich meine Runde, er ist mir der erinnerungsträchtigste Ort in dieser Marktgemeinde. Wie oft bin ich in meinen Jugendjahren hier mit dem letzten Zug aus der Stadt gekommen und dann zu Fuß die vier Kilometer nach Hause gegangen. Regen war dabei nicht die schlechteste Wahl, denn dann fühlte ich mich getarnt an jener kurzen Strecke durch den Wald, wo der Weg ausgerechnet am steilsten wurde und auch noch die Kadaverkiste stand damals im letzten Jahrhundert und mich immer die namenlose Angst vor der Dunkelheit erfasste.

Ich erinnere mich, als ich die erste Bahnunterführung passiere, von der das Sträßchen hinaufführte auf die Endmoräne, an jene Liebespein im Hochsommer, als der letzte Abendglanz am Horizont meinen Herzschmerz in ein Gedicht formte, oder einen feuchten Herbst, als ich in Stiefeln, die mir nicht passten, erst zum Zug hinunterjoggte und dann zurück aus der Stadt mit blutigen Fersen dahinschlich, bis ich die Stiefel auszog und barfuß ging über den nassen, kalten Asphalt.

Nach der zweiten Unterführung schlage ich mich nach rechts. Eine von Eschen gesäumte Allee öffnet sich von mir, von ihr hatte ich nichts gewusst. Am Wegesrand kauert das Schützenhaus, der Ostwind beißt sich in mein Gesicht. Er schmerzt in der Nase, ich atme durch den Mund, es ist besser, wenn auch widersinnig. Ich biege auf eine Wiese ab, quere sie nach Gutdünken. Das ist die Freiheit des Winters.

Bald habe ich Wertstoffhof und neuen Kreisverkehr hinter mir. Ein Schlenker hinüber übers Feld in den DM? Ich entscheide mich dagegen. Nichts, was ich gerade wirklich von dort bräuchte. Ein Schild kündigt weiteren Grünflächenfraß durch Gewerbebauten an. Auf dem Fußballplatz neben dem Freibad spielen Männer Fußball. Scharf pfeift der Schiedsrichter, scharf pfeift der Wind. Nicht alle tragen Mützen, manche Waden sind nackt.

Dann gehe ich wieder auf einem unbekannten Weg. Am Tennisverein vorbei, danach ein versteckter Bauernhof, gegenüber ein Stock, aus dem ein ganzer Wald von Haselbüschen wächst, Dutzende von dünnen und nicht so dünnen Stämmen auf kleinstem Areal. In eine bewaldete Senke hinab, ein Bach fließt, mehrfach gebremst von Betonwehren, der Iller entgegen. Technobässe jenseits der Baumlinie.

Ein Feldweg kurvt um den Ort herum, die Musik verebbt, die Sonne steht am Wolkenrand, Strommasten der Überlandleitung. Das Lauteste ist nun der Wind. An einem Oma-Häuschen vorbei biege ich in die letzte Straße der Neubausiedlung. Um die Ecke einer Thujahecke kommt mir ein Herr entgegen – der erste Mensch, der mir auf meiner Runde begegnet -, wir schlingern beide ein bisschen, bis wir herausgefunden haben, wie wir einander ausweichen.

Dann die Unbarmherzigkeit der Waschbetonsiedlung, drei Stockwerke leicht versetzt aufeinandergestapelt, und das ins Dutzendfache wiederholt, Schrecken der 60er- und 70er-Jahre. Mir ist es recht, gleich wieder hinauszuziehen aus dem Ort, der Feldweg gen Norden, hinüber ins Moos, wird mir zur Flucht.

Auch andere atmen hier auf. Und jedesmal wieder die Überlegung, sage ich „Hallo“ oder „Servus“ oder „Grüß Gott“. Ich prüfe rasch Gesicht, Aussehen, Erscheinung und entscheide mich dann. Manchmal treffe ich den richtigen Ton, manchmal nicht. Ein Mädchen hangelt sich unter einem Stacheldraht hindurch, ein blonder Junge steuert einen Traktor, er nickt mir zu. Ein Schafstall, die vom Wind gehärtete Oberfläche des Schnees in Schollen zerbrochen.

Eine Kehre und schon habe ich den Ostwind wieder im Gesicht. Der Feldweg ist eine Bahn aus Eis, Kinn und Wangen schmerzen, da schützt der kurze Bart kaum, dazu müsste er schon sehr viel länger sein. Die Strecke wird ein fröhlicher Kampf. Bis ich die ersten Häuser erreiche, bin ich wieder versöhnlicher gestimmt.

Zum Bahnhof fünf Minuten, zeigt ein Schild, alle Wege sind mit Wanderschildern versehen, der Fremdenverkehr will kein Irregehen. Fremd bin in gewisser Weise auch ich. Ich kenne niemanden in diesem Ort, wird mir bewusst – ein Trampelpfad hinter Leitplanken -, zumindest niemanden so gut, dass man sich wechselseitig einladen würde. Als ich am Bahnhof anlange, weiß ich, dass ich das ändern will. Ganz sicher gibt es unter den paar Tausend Menschen hier auch welche, auf die ich mich freue, sie kennenzulernen. Ja doch, so stehe ich am Ausgangspunkt meiner Reise, der Kreis ist gezogen. Nun gilt es, Kundschafter auszusenden …

Aber zuerst die Sauna. Binnen Minuten erhöht sich meine Umgebungstemperatur um 100 Grad, der Atem müht sich nun auf andere Weise, Wasser tritt aus den Poren. Am längsten nistet die Kälte zwischen Lippen und Kiefer.

Winter_Schnee_Feldweg_Allgäu

Die Kurve

Eglofs war für mich immer eine scharfe Doppelkurve, die sich unter dem Auge eines Kirchturms hinabschwang ins Tal. Den Ort selbst hatte ich meines Wissens nie betreten, bis in meine Lebensmitte hinein blieb der Name nur diese Kurve, ein Bild aus Kindheits- und Jugendtagen, als man vor der Öffnung der A 96 noch diese Strecke nahm zum Bodensee oder vielleicht hinüber nach Dornbirn, wo wir eine Kindheitsfreundin meiner Mutter besuchten. Sie schätzte ich besonders, weil sie auf ihren Besuchen – damals noch von ihrem Studienort im Tirol aus – gern und bereitwillig mit uns Kindern spielte, ganz besonders das von mir geliebte Brettspiel mit den Figuren und den weißen Steinen, was meine Eltern selten taten, und auch, weil sie mit der Welt der Bücher in Verbindung stand, die mir Verheißung war und später lange Jahre ja auch eigener Broterwerb, und weiters deshalb, weil sie Geschichte studiert hatte, damals also in Innsbruck, welches ich lange Zeit ebensosehr und ausschließlich mit ihr verbunden hatte, bis einer meiner Onkel dann einige Jahre dort am Theater arbeitete, die Geschichtswissenschaft also, die ich später selbst studieren sollte. Das also war mir die Kurve von Eglofs.

Der Fußweg führte mich halb um die kleine Große Kreisstadt Wangen herum, zuerst zum Friedhof nach Süden, gut besucht an diesen Allerheiligen, an dem Menschen ihren Verstorbenen einen Besuch abstatteten, obwohl Allerseelen ja erst am nächsten Tag sein würde, aber der war eben kein freier Tag, weshalb Allerheiligen für den Friedhofsbesuch genutzt wurde. An den Eingängen schüttelten Männer in Uniform, hinter großen Brillen die Spendenbüchse. Man kannte sich, nur der Wanderer vor der Mauer war fremd.

Jenseits der Stadt, so dachte ich, würde ich innehalten und lauschen, sobald ich kein Motorengeräusch mehr hörte, aber immer blieb das Rauschen von der Bundesstraße wahrnehmbar, und wenn doch einmal nicht, inmitten eines Wäldchens vielleicht, dann zog ausnahmslos ein Linienflugzeug niedrig über den Himmel. Also ging ich eben, ging weiter, gehe weiter ohne innezuhalten, die Jochbeine glühen kalt, die Handschuhe vermisse ich nicht. Anders als die Straßen schweigen die Wälder, wenn nicht gerade eine Amsel Alarm schlägt. Wie eingefroren die Landschaft bereits, im Windstillen schwebt nicht einmal Laub herab. Greifvögel, Katzen beim Mausen, Jungvieh auf den Wiesen vor dem ersten Schnee, sonst kein Tier.

So quere ich also den Bach, der in seinem Namen den meinen mit sich trägt, passiere den ausgewiesenen Kräutergarten, der so stille ist wie die Wälder, komme den Himmelberg herunter und steige zum Schnaidthöfle wieder hoch und bin immerhin ein paar Mal überrascht, wenn ich Wirklichkeit und Karte wieder in Einklang bringen muss, das immerhin bietet der Weg, den ich sonst nicht innigst ans Herz legen würde. Passiere auf dem Kamm zuletzt den Hof, wo wir im Sommer auf der verwandtschaftlichen Radtour Halt gemacht haben, und bin dann, nach drei Stunden Wegs, in Eglofs.

Das Dorfcafé suche ich auf, um einen Studienfreund auf Besuch zu treffen. In der Uni-Mensa haben wir nicht selten zusammen geschwiegen, im Einvernehmen geschwiegen, und das muss man ja auch erst einmal können, gemeinsam im Guten zu schweigen. Später teilten wir in unserem Berufsleben noch einmal für ein paar Jahre eine andere Stadt, aber das letzte Wiedersehen lag auch bereits den zweiten Sommer zurück, ein herrlich strahlender, reifer Tag war es gewesen im Lautertal der Schwäbischen Alb, zwischen Blatt und Licht und der Herrlichkeit des Lauterwassers.

„Mein Kind“, spottet der Freund und deutet auf den Kinderstuhl neben sich, „mein Auto“, winkt er zum Fenster hinaus, „mein Baugrund“, zeigt er mir auf dem Smartphone eine eingeebnete Fläche. „Eine Fliegerbombe war zum Glück nicht drin“, atmet er auf.

„Vielleicht noch ein paar Alemannenknochen?“, ermuntere ich.

„Unwahrscheinlich. Wir sind auf Sandstein gestoßen. Das erhöht die Kosten zwar noch einmal, aber ein alter Alemanne dürfte sich da darunter jedenfalls nicht verstecken.“

Das Dorfcafé füllt sich. „Ausschließlich mit Butter gebacken“, wirbt das Café, vegan ist hier fehl am Platz bei den vielen selbstgebackenen Torten und Kuchen. „Wie zu Großmutters Zeiten“, da würde clean eating durchaus passen, gute Zutaten frisch verarbeitet, aber wer will sich hier schon ein solches Modelabel umbinden? Die Wirtin eine robuste, herzliche Frau, täglich frisch gebackenes Brot, kein Tisch in der Stube mehr frei, das Café läuft. Ein Schatz für ein solches Dorf, denn welches kann denn ein richtiges Café sein eigen nennen, und das noch mit so viel Leidenschaft, Herzblut und soliden Rezepten geführt?

Geschwiegen haben wir am Tische nicht. Für diesen Luxus sehen wir uns inzwischen dann doch zu selten. Ich stecke den Rest meiner Butterseele ein, klopfe dem Freund auf den Rücken und wende mich wieder gen Osten. Die Kurve bin ich nicht hinabgefahren.

Spurensuche

Das Dorfgedächtnis ist unerbittlich. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist es her, dass ich im nahen Weiler lebte. Räumlich war der Umzug fort für die Familie kein großer Schritt – trotzdem war ich damit aus diesem Raum verschwunden, hatte ihn für 25 Jahre vollkommen hinter mir gelassen. Und dann kehre ich zurück, Grau im Haar, und die, die immer hier waren, erkennen mich auf ein paar Stichworte hin, fügen mich ein in den ewigen Faden, den das Leben hier geduldig spinnt.

Ich folge der Dame ins Gemeindehaus eines für mich Jahrzehnte lang nicht mehr existenten, ja ausgelöschten Dorfes und brauche nur zu sagen, dass ich in den Weiler … zurückgekehrt bin, wo ich Jahre meiner Kindheit verbracht habe, schon findet sie nach einem Augenblick des Grübelns meinen Nachnamen. Die Nächste braucht immerhin noch meinen Familiennamen als Erinnerungshilfe, dann hat sie die Vergangenheit geordnet: Ach ja, ich habe doch mit ihrem Sohn zusammen den Kommunionsunterricht erhalten, die erste Stunde habe bei uns zuhause stattgefunden. Ich kann mich an nichts erinnern. Die Dritte lacht: „Ach, der Sohn von …! Sag ihm einen Gruß, wir haben zusammen Musik gemacht.“

Zwei Frauen tuscheln noch, tauschen eine Erinnerung aus oder eine soziale Relation, als der Yogakurs eigentlich bereits begonnen hat. An der Stirnseite des Raums hängt mittig ein Kruzifix, auf der gegenüberliegenden Seite tickt eine Uhr. Beides irritiert mich, beides gehört für mich nicht dazu: Yoga unter dem Gekreuzigten und ein Gemeinderaum im Zeichen des Kreuzes für einen, der alle Bindungen zur Frömmigkeit seines Kindheitsumfeldes längst hinter sich gelassen hat. Und das Ticken eines Sekundenzeigers war mir schon immer zuwider, dieses unablässige, mechanische Herabzählen unserer Lebenszeit, dieser geistlose Takt, der keinen Augenblick der Ruhe zulässt. Ich folge meinem Atem und vergesse bald die Uhr, nicht aber den Gedanken: Alle wissen sie etwas über mich. Und ich nichts über sie.

Später sitze ich noch einmal im Auto. Ein scharfer Ostwind treibt den Schnee über das Landsträßchen. Weiße Zungen schieben sich über die Fahrbahn, gierig darauf, jeden bekannten Weg auszulöschen in einer unbeschriebenen Wüste. Ich drücke das Gaspedal und suche mir eine Spur in dieser verwirrenden Welt.

An der Höll

Ein Blick durchs Dachfenster, ein Ziel erfassen. Die Tür fällt unten ins Schloss, Beine schreiten aus.

Manches an dem Weg ist mir bis aufs Äußerste vertraut, anderes neu oder ganz vergessen: der geteerte Radweg parallel zur Straße, die ich überquere; der Schwung des Weges am Waldrand, der das Ziel nochmals vor dem Blick verbirgt.

Entlang der Brombeerranken, an denen wir Kinder uns die Beine aufgekratzt haben, schreite ich in die Höll, einer rechteckigen Wiese, auf drei Seiten von Wald umgeben, wo einst die Pferde grasten oder ein Volleyballnetz aufgespannt wurde und Freunde meiner Eltern aus den Weilern und Dörfern so oft zum Spielen kamen oder wir Bumerangs warfen, die unser Vater gebaut hatte, und zwischen zwei flachen Händen wieder aus der Luft griffen. Zwei der Wurfhölzer waren schwerer als alle anderen, das eine gelb, das andere rot lackiert, vor ihnen hatte ich Angst.

Ein Fuchs harrt in Lauer auf dem Feld. Er bemerkt mich nicht. Damals wäre ich nervös geworden, ich hätte gezögert, vielleicht wären meine Schritte erstorben. Wildtollwut war eine reale Gefahr und noch lange nicht ausgerottet. In meinen Träumen wurde der tollwütige Fuchs zum Sinnbild der erwachenden, verwirrenden Kräfte des Heranwachsenden. Heute müsste sich mein Unterbewusstsein ganz andere Bilder suchen. Ein paar Schritte kann ich noch machen, bis das Tier mich registriert und sich zur Flucht wendet, den rötlichen Leib und den dunklen Schwanz gestreckt, als ginge es um sein Leben.

Ich hatte es immer gewusst und trotzdem stehe ich erschrocken vor der Höll. Die Wiese meiner Kindheit ist nicht mehr, sie ist ausgelöscht. An ihrer Stelle ragen Bäume in die Höhe, haushoch bereits und eng gepflanzt, der Untergrund ist düster und von moderndem Laub bedeckt. Etwas drückt auf meine Brust. Tautropfen lösen sich von den Buchen und Fichten. Sie stürzen hinab, in die Tiefe, wie die Augenblicke, Tage und Jahre meiner vergänglichen Existenz.