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Gedanken am Eingang der Grabkammer

Der Wind weht kalt. Die meisten Bäume tragen auch jetzt noch grünes Laub, am Hang erblüht die Wiese sogar gelb. Der Wind aber, der über die andalusische Ebene bläst, ist so kalt, dass ich mir meine Mütze wünsche im Sonnenschein.

Ich stehe am Eingang der tumba de Servilia. Hohe Treppenstufen führen hinab zwischen steingeschichteten Wänden. Die Pforte in die Grabkammer – freigelegt von Archäologen und heute unbedacht – steht offen. Unmittelbar jenseits der Schwelle leuchtet der Boden auf im Licht der Dezembersonne. Danach Schatten zwischen Steinwänden. Die weitläufige Grabanlage geht auf griechische Vorbilder zurück. Ich zumindest erkenne das nicht. Erahne nur an den Säulenresten, in einem Relikt aus der Antike zu stehen. Ob aber am Rande der Syrischen Wüste oder an der Grenze Schottlands, ob in Rumänien oder Marokko, Köln oder Karthago, das erkenne ich an dem Gestein nicht.

In eine Katakombe darf ich hinabsteigen, über eine fest montierte Aluleiter in eine rechteckige Grube hinab. Fast scharrt der Rucksack am Schacht entlang, ich drücke mich an die Leiter. Dann ein Durchgang in die Finsternis, irrationale Ängste blitzen aus tiefen Schichten meines Hirns auf, dann gewöhnen sich die Augen allmählich an das Dämmerlicht. Ich mache einen Schritt hinein und schließlich hat sich das Auge ganz angepasst und ich erkenne festgestampften Boden, die gemauerten Wände mit den je fünf Urnennischen an der Seite und einer größeren an der Stirnseite.

Das Grabmal stammt aus der frühen römischen Kaiserzeit, als Feuerbestattung allgemein üblich wurde und Urnen mit den Knochenresten in Familiengräbern abgestellt wurden. Später wurden die Knochenreste in eben der Grube beigesetzt, in der der Leichnam eingeäschert worden war, dann brachte das Christentum wieder die Erdbestattung zurück.

Mich beruhigt die Feuerbestattung. Gewiss ist der Akt der Verbrennung eines fleischlichen Körpers kein schöner. Und der Holzbedarf für den Scheiterhaufen – moderner gesprochen: der Energiebedarf unserer Krematorien – enorm. Aber mich beruhigt das reinigende Element. Verkohlte Knochensplitter in einer Urne strömen nicht den Schrecken eines wandelnden Leichnams aus, jener furchtbarsten Abnormalität der Vorstellungskraft. Intuitiv begreife ich, warum frühe Kulturen ihre im Erdreich bestatteten Toten bisweilen mit einem Stein beschwerten oder andere Vorkehrungen gegen eine Wiederauferstehung trafen.

Nun, ich nehme an, dass Gesellschaften, die in ihren Bestattungsriten für eine rasche Auflösung des verwesenden, weichen, schillernden, unsäglich stinkenden Fleisches sorgten – ob durch Feuer oder etwa auch durch Geier und anderes Getier, die das Gebein abnagten -, dass diese Gesellschaften einen anderen Schrecken der wandelnden Toten und Wiedergänger kannten, fleischlos eben, als Geister und Gespenster vielleicht. Sie sitzt tief verwurzelt im menschlichen Sein, diese Angst.

Vom Marktplatz her sind Weihnachtslieder zu hören, süßliche Lieder aus Lautsprechern ausgestrahlt. Die Fußgängerzonen auch der spanischen Städte sind unerträglich in den Wochen vor dem Weihnachtsfest. Der Kommerz erlebt seine Sternstunde, auch in den Werbeausstrahlungen des Fernsehens, zu dem ich an dem einen oder anderen Abend Einblick habe, anders als zuhause. Um die eigentliche Weihnachtsbotschaft geht es dabei längst nicht mehr. Heruntergebrochen ist diese frohe Kunde der Geburt Christi zwar merkwürdig, aber zugegebenermaßen doch tröstlich: Ein Gott inkarniert in der Welt, um sich so opfern zu können für seine eigene Schöpfung und ihr damit ein Weiterleben nach der Schwelle des Todes zu schenken. Zugegebenermaßen, das ist Trost in einer Welt, die nur das Fortbestehen als jammernde Schatten – Schatten unserer selbst im wahrsten Sinne des Wortes – in einer dunklen Unterwelt kennt oder – wieder modern gesprochen – die molekulare Auflösung von Nervenbahnen. Trotzdem ist es nicht meine Botschaft.

„Christ ist geboren“, hängt an roten Fahnen zwischen spanischen Nationalflaggen gegenüber an der Hauswand. „Frohe Weihnachten.“ Hinter mir, aus der anderen Richtung, dringen aus dem arabischen Imbiss religiöse islamische Gesänge. Ein hübscher Kontrast. Meinetwegen auch gute convivencia. Heute mag ich sie beide nicht. Da denke ich wieder an das Bildnis des Jesuitenpaters im Museum der Schönen Künste in Sevilla. Überlebensgroß, ein asketisches, intellektuelles, scharfes und schattenreiches Gesicht – ganz Krieger des Geistes -, der Körper nichts als Schwärze des weiten Gewandes, die ausgestreckte Hand am Totenschädel. Worte braucht diese Botschaft nicht. Wer sie trotzdem in die Sprache übersetzen will, findet sie in einer Kirche einige Straßenzüge weiter. Finis gloriae mundi – „Das Ende irdischen Ruhms“ – oder In ictu oculi – „In einem Wimpernschlag“. In einem Wimpernschlag kann alles nichtig sein, was du dir auf Erden angesammelt, errungen.

Zwei tapas, eine caña, ein café con leche über dem Pflaster des Platzes sind Wimpernschläge des Genusses, während ich diese Zeilen schreibe. Der Wind weht kalt auch hier im Herzen der Stadt und singt weiter sein Lied der Vergänglichkeit.

Spanien_Andalusien_Strand_Vergänglichkeit

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Und Weihnachten ist auch schon wieder vorüber. Der Jahreswechsel aber ist noch in Gange. Ein glückreiches neues Jahr  wünsche ich meinen lieben Leserinnen und Lesern!

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Falscher Adel

Am höchstgelegenen zweigleisigen Bahnhof Deutschlands wechsle ich unter Nieselregen das Gefährt. Es ist doch erstaunlich, welche Superlative sich Menschen aus den Fingern saugen. Der ausgehängte Rekord ändert allerdings nichts daran, dass mich die Bahn in einen schäbigen, ohne Abstriche schäbigen Raum lotst, in dem sich nicht mehr befindet als ein Fahrkartenautomat zwischen Elend und Leere. Wie die Deutsche Bahn ihre Kunden abseits der großen Bahnhöfe behandelt, ist recht besehen eine ungeheure Zumutung. Oder ist das Konzept regionaler Eisenbahn in Wahrheit schon längst bankrott?

Der Sonntagmorgenzug ist erstaunlich voll, über einen Mangel an Fahrgästen kann sich die DB also eigentlich nicht beklagen. Eine Gruppe zierlicher, dunkler Mädchen in strahlendweißen Gewändern ist auf dem Weg zum eritreischen oder äthiopischen Gottesdienst, das Haar hochgetürmt unter einem weißen Schleier. Weiter fahren ein paar Vorarlberger, aus Österreichs westlichstem Bundesland zum Münchener Flughafen. Zwei Stunden sind sie schon unterwegs für gerade mal 100 km Luftlinie, höre ich. Die großflächige Elektrifizierung der Allgäuer Eisenbahn steht eben immer noch aus. „Des kasch gar it usspreche mit langem I“, kommentiert eine aus der Gruppe das Bahnhofsschild von Biessenhofen. Genau das, was ich am Tag zuvor dachte, als ich von Rieggis, ein gutes Stück weiter im Westen des Allgäus, aufbrach zu einem Spaziergang.

Als ich in Kaufbeuren aus dem Zug steige, ist es wieder trocken, der östliche Horizont ist finster, aber dort bin ich ja nicht. Die weißbeschleierten Kirchgängerinnen ziehen kichernd durch den Park, ein junger Mann im Anzug kommt entgegen, er wirft, absichtlich ruppig, sein Rad mitten auf den Weg und betritt den Bahnhof. Das ist wahrlich ein wunderliches Verhalten, das finden die Mädchen ebenso wie ich. Hätte ich den jungen Mann ansprechen sollen?

Antifa-Aufkleber an Laternenmasten, sie sind mir seit den Ausschreitungen während des G20-Gipfels lächerlicher als je zuvor, aber eine Überraschung ist das ja nicht, das wusste George Orwell schon in „Homage to Catalonia“, als er den Republikanern im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Falangisten beistand und bald seine Illusionen begraben musste. Ich darf, ermahne ich mich da, nicht den Fehler begehen, jeden Menschen, der sich mit der Antifa identifziert, mit den Plünderern von Hamburg gleichzusetzen. Aber es bleibt dabei, die Antifa tritt doch immer und immer wieder in einer Geste des Geschreis, der Gewalt, des Hasses auf. Nein, der Widerstand gegen rechtsextremes Treiben muss sich auf anderes gründen, meine ich. Da passiere ich das Mahnmal für ein Außenlager des KZ Dachaus. „Mitläufer. Und du?“, steht da. Das ist wohl einzuüben, jeden Tag aufs Neue, individuell und erst recht gemeinschaftlich.

Ich irre durch Hässlichkeit aus Beton und Asphalt, bis ich die Altstadt finde, die Straßen sind leer, das Stadttheater spielt „Die Vögel“ nach Aristophanes. Als diese Komödie in Athen geschrieben wurde, war Kaufbeuren nicht mehr als ein paar alte hallstattzeitliche Grabhügel und eine kleine bronzezeitliche Siedlung inmitten des feuchten Urwalds der Voralpen. Über die ersten Gassen spannen sich Wimpel, das Café Italia sucht eine Nachfolge, Ablöse möglich. Dann sind die Straßen aufgerissen, Zug um Zug Schotter und Schlamm, vor den Ladeneingängen schmutzige rote Teppiche. Ein Hahn kräht, ganz unerwartet in der Altstadt, vielleicht lebt er im Kloster der Stadtheiligen Crescentia. Ein Glatzkopf im Kapuzenkittel zerrt an einem Hund gigantischen Ausmaßes.

Der Regen hat die Stadt nun doch erreicht, ich betrete ein Café. „La Baronessa“ gibt sich elegant und fein und mundän und ist doch nur Schein, das ist sofort augenscheinlich. Beautywerbung für die Proseccodamen steht neben der Speisekarte auf den Tischen, aus den Lautsprechern läuft der Radiosender Antenne Bayern. Die Karte bietet ein Viagrafrühstück („mit einer Latte …“, so steht es da) und ein Familienvater entblödet sich nicht, genau dieses zu bestellen.

Womöglich soll ja der überlaufende Milchschaum auf meinem Cappuccino Ausgleich für diese Ansammlung von Geschmackslosigkeiten sein. Die Jacke fühlt sich jedenfalls gleich weniger regenfeucht an.

Ein Küstenort, lange venezianisch

„‚Ich bin in Piran‘ ist für mich fast so etwas Helles wie jenes ‚Ich bin da‘, das ich dachte am 1. März 1980 auf dem Hügel von Hellbrunn.“ 

(Peter Handke, Am Felsfenster morgens)

Ich kam aus den Bergen ans Meer herabgestiegen, wie eines jener Völker aus Fernand Braudels histoire totale „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.“. Vormittags noch war ich in einem Alpensee geschwommen, nachmittags dann in der Adria an jener schmalen Küste des Landes. Das Schwimmen im Berggewässer hatte mir besser gefallen, weil es, so folgerte ich, rein und lauter war. Das Meer hingegen ist das Ende einer Kette, es atmet bereits Fäulnis und Verwesung.

*

Blond und sonnengerötet steigt sie an der Promenade von ihrem pinken Roller. Sie ist, zeigt ihr Gesicht, nicht mehr so jung, wie Kleidung und Roller vermuten lassen. Sie ist aber deutlich zu jung für die Tonnen an Gold, die sie zu ihren türkisfarbenen Fingernägeln trägt. Sehr laut haut sie die beiden jungen Leute an, die sich auf einem Loungesofa vor dem Restaurant räkeln. „Ihr zwei seht aber sehr relaxed aus“, sagt sie in jenem gedehnten Wiener Tonfall, der es so leicht macht, Arroganz hineinzulegen, wenn man nur will. „Ihr braucht echt mehr Pfeffer im Arsch!“ Sie wiederholt alle Sätze, denn so hervorragend Deutsch können die beiden Slowenen dann doch nicht.

Der Mann verzieht sich in die Küche, die junge Frau tut auch kurz so, als würde sie arbeiten, dann legt sie sich wieder lustlos aufs Sofa und lässt sich Vorhaltungen von der Besucherin machen. „Was ist los? Dann tu doch was. Geh laufen, schwimmen. Geh zurück nach Maribor und suche dir eine vernünftige Arbeit. Ich habe heute auch seit halb sieben gearbeitet. Ich hänge nicht so rum. It‘s good, that it‘s not my business“, fällt sie kurz ins Englische. Dann reicht es auch der jungen Frau und sie verdrückt sich.

Die Besucherin zündet sich eine Zigarette an und schaut sich um. Über die Terrasse hinweg quatscht sie alle Slowenen an, mal auf Deutsch, mal auf Englisch, sie scheint sie alle zu kennen, mischt sich ein, bietet an, ein Kind auf ihrem Roller zu fahren, macht glucksend einem Mann gegenüber einen anzüglichen Witz.

Ihre Gesprächsangebote laufen alle ins Leere.

Sie trat auf wie eine Herrin, doch plötzlich glaube ich, sie ist einsam.

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Der größte Vorteil des Abendlandes gegenüber der arabischen Welt ist die Plaza. Das denke ich mir, als ich in einem der Cafés an der Piazza Tartini sitze, morgens, wenn die Schwalben das Blau um den Kirchturm im Stile der venezianischen Renaissance durchschneiden, wie in der tintenfarbenen Nacht, in der sich das Gelächter von Kindern mit den Stimmen der Erwachsenen mischt. Nirgendwo sitzt es sich im öffentlichen Raum schöner als an solch einem Platz. Er ist ganz eine große Bühne und Loge zugleich für ein Stück, das sich Tag für Tag wieder entfaltet, gleichermaßen gespielt wie bewundert von den Individuen einer Stadt, die sich hier zusammenfinden, um sich immer wieder als Gemeinschaft zu finden – es ist der Ort für die res publica, die öffentliche Sache, die Angelegenheit also, die uns alle betrifft. Diese Bedeutung sollten wir, die wir in einer Republik leben, nie vergessen.

In der arabisch-islamischen Welt sind solche Plätze vergleichsweise selten. Als die spanischen Christen der Reconquista in die andalusischen Maurenstädte einzogen, waren sie beunruhigt von der Abwesenheit der Plätze.

Meer_Küste_Adria