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Drehrichtung

Die Füße fest, fest im Boden verankert. Das ist die Grundlage allen Tuns: kein Weichen, kein Kippen, kein Aufbegehren der Zehen. Ich spüre jeden Fluchtversuch im Knöchel, den ich am Ostermontag verletzt. Die Beine also parallel, die Füße verwurzelt, gehe ich, das kühle Gewicht auf den Schultern, langsam in die Beuge der Knie, verharre zwei Augenblicke und strecke mich in einer geraden Linie wieder nach oben. Bald rinnt mir der Schweiß die Schienbeine hinab, das Herz hämmert, Muskeln brennen. Mit der Langhantel wuchte ich mich aus der Latrine, in der ich mich morgens fand, einem kleinen neurologischen Ungleichgewicht vielleicht, das ich nun flute mit den süßen, heißen Stoffen aus meinen Zellen, Botenläufern des Glücks im eigenen Kreislauf.

Ich habe noch nie eine Herleitung begriffen, warum wir in der besten aller möglichen Welten lebten. Recht besehen aber haben wir es fantastisch. In der Mittagspause sitzen wir an einem Tisch im Garten, der Himmel über uns halb Sonnenschein, halb Haselzweige. Die Nachbarskatze kommt vorbei, in der gelben Suppe ein Geschmack von Ananas. Wir versuchen uns ein bisschen in Spanisch und lachen mehr, als dass wir lernen.

Es ist eine interessante Taktik: Die Verkäuferin geht vom Sie über zum Ihr (fast drehe ich mich um: Ist da noch jemand?) und wechselt schließlich zum Du. Mir kommt es einstudiert vor, aber ich mag mich täuschen. Besser kann ich mit dem schwäbischen Seniorchef, der mich auf dem Rad über die Teppichbahn schickt – „links herum, wenn Sie rechts herum fahren, kommt es auf Bayern 3“ – und dann, als ich es tatsächlich schaffe, entgegen seiner Anweisung in die falsche Richtung zu starten, sehr trocken meint: „Jetzt fährst du doch rechts herum.“ Und ich hatte mich für einen intelligenten Menschen gehalten.

Allgäu_Hochgrat_Voralpen_Frühling

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Die Hohe Schulter

Oben auf der Kuppe steht, am Ende des Asphalts, ein Auto, die Scheiben halb heruntergelassen, Licht und Wind ausgesetzt. Der dicke Mann im Wagen mustert mich aus den Augenwinkeln, aber den Blick erwidert er nicht, also grüße ich nicht. Der dicke Mann schließt seine Augen und döst, in seinem Auto auf der Höhe, auf der Scheide zwischen dem östlichen und dem mittleren Allgäu.

Die Hohe Schulter ist eine markante Erhebung, markant deshalb, weil nicht von Fichten überzogen wie ihre Fortläufer nach Norden und Süden. Die Hohe Schulter ist von Gras bewachsen und auf ihr die Kronen zweier üppiger Laubbäume, aus der Ferne schon zu sehen. Sie ist eine jener Landschaftsmarken, die auf den ersten Blick schon zu Sehnsuchtsorten werden, locken, verzaubern, Geheimnis und Versprechen zugleich.

Ich weiß nicht, ob ich mich traurig, lächerlich oder aber erhaben fühlen soll, als ich die Höhe besteige und irritiert meine überflüssigen Pfunde spüre. Hatte ich das nicht ändern wollen? Bringe ich überhaupt irgendetwas zu Ende, das ich angehe?

Wind rauscht, Grillen zirpen, die Alpenberge im Süden sind halb verborgen von um die Schultern geschlungenen Regenmänteln. Unter mir der matte Spiegel des Notzenweihers, birkenumsäumt. Aus der Nähe ist sein Moorwasser braun, auf der Wiese davor hatte ich mir einst einen meiner schlimmsten Sonnenbrände geholt in jener Woche, in der ich alle sechs Bände „Durch die Wüste“ zum zweiten Mal gelesen, wie von Sinnen in mich aufgesogen hatte, um danach nie wieder ein Buch von Karl May in die Hand zu nehmen. Drüben dann, im Osten, der Auerberg, eine weitere markante Höhe, noch ein Sehnsuchtsort, am Rande des Allgäus, die Schatten dahinter liegen bereits im Lechrain, im Pfaffenwinkel.

Ich drehe mich um, passiere das Auto auf der Höhe und vor mir öffnet sich das Illertal. Cumuluswolken türmen sich himmelwärts. Andere, grauere Wolken zerteilen das Licht der Sonne in Strahlenfächer. Dächer leuchten auf drüben im Westen. Ganz nah das Auf und Ab des Sträßchens, über das ich heraufgekommen bin. Als ich ein Kind war, brachte meine Mutter über diese Straße Wolle zum Kardieren, zum Kämmen, um sie fürs Spinnen bereit zu machen. Wo damals die Weberei zwischen den Hügeln lag, steht nun ein Schild „Kunstakademie Allgäu“. Die Felder blütenloses Grün, die Kühe enthornt, Windräder da, da, da.

Ich folge einem Pfad über den Hügel, an Bäumen und Bänken und Blumen vorbei. Ich suche etwas, suche einen Ort, um ihn anderen zu schenken. Ich finde ihn nicht, mache kehrt, gehe über den Wiesenpfad zurück, an dem Auto vorbei, den Feldweg hinab, dem Wind vornweg. Die Eschen, wird mir da erst bewusst, vor vier Wochen noch kahl, stehen da in Fülle.

Das Leben will

An einem solchen Tage entfällt jeder Grund zum Schreiben. Das erste frühlingshafte Sonnenwochenende dieses Jahres, die erste Biene, die durchs Fenster fliegt. Stundenlanges Dahinziehen über Hügel, den wintermüden Füßen Auslauf geben, stundenlanges Sitzen in Gärten, in Gesellschaft oder mit einem Buch, Vogelsang und Bergblick, gemeinsame Gipfelpläne, Handwerkermarkt, Kuchen, aber die Liebe. Da, Schneeglöckchen! Endlich ist der Vorfrühling Fakt. Ein Dompfaff wäscht sich, seine Gefährtin wirbelt das Wasser silbrig auf. Der Onkel schleift das Bogenholz, „ein krummer Hund“. Marc Moulin, Placebo Sessions im Sonnenuntergang. Das Gesicht glüht von der Ernte des Tages.

Leben als Glück – auch das ist möglich.

Der Gott der Lemminge

Am Abend nehme ich das erste Mal den Gesang der Amsel war, nachts träume ich, der kommende Sommer sei ohne Hitze bereits vergangen, feuer- und lichtlos schon wieder Herbst. Vielleicht deshalb das Ziehen in Knien und Knöcheln, als ich erwache.

Um Viertel nach Sieben eine Schlange vom Dorfbäcker auf die Straße hinaus. Ich halte nicht. Es ist einer dieser Widersprüche, dass ich mit dem Dorf nichts zu tun habe. „Ein Integrationsprogramm?“, schlägt die Studentin aus dem Nachbarweiler vor, die ich in einem ganz anderen Kontext kennengelernt habe. Von dort, dem Nachbarweiler, hat man einen fantastischen Ausblick auf die Alpen, von Irgendwo-in-Oberbayern – ich kenne die Gipfel nicht – bis in die Ostschweiz. Der Wind dafür umso dringlicher dort oben, versteht sich.

Dazwischen ein einsamer Hof, der Sohn war der einzige, der mit mir aus der Volksschule hinübergewechselt war ins Gymnasium in der Stadt. Die Dritte, die von unserer Klassenlehrerin die Empfehlung bekommen hatte, zu wechseln – völlig zu Recht natürlich -, zögerte und kniff. Da fühle sie sich überfordert, das brauche sie doch nicht. Es waren andere Zeiten als heute. Unsere Mütter hatten sich dann eingesetzt, dass wir zwei Wechsler in der neuen Schule nebeneinander saßen, uns Stütze und Orientierung sein konnten in der fremden, großen Welt. (In der ich, nebenbei, zum ersten Mal Protestanten kennenlernte, bewusst wahrnahm jedenfalls, denn davor war alles katholisch gewesen mit ein paar Sprengseln Esoterik und Yogitum, in dem man zuhause halt lieber ein Mantra sang als das Vaterunser.) Eine förderliche Entscheidung war es nicht, uns zusammenzusetzen, denn der andere tat das, was man später vermutlich Mobbing genannt hätte, und unsere Wege trennten sich bald und gründlich.

Die Berge treten überklar hervor, wie vergrößert. Schneeweiß die Rinne am Gaishorn, die ich im Sommer hochgestiegen bin. Auf dem Wochenmarkt der Stadt kaufe ich das, was ich am Vorabend im Bioladen nicht mehr bekommen habe, gönne mir ein Frühstück, das erst dann wieder voller Genuss sein wird, wenn der Markt nach Ostern aus der Halle wieder auf den Platz wandern wird, und weil ich Zeit zu überbrücken habe – Frühform einer senilen Bettflucht -, trinke ich einen zweiten Cappuccino drüben in Paulas Cucina Toscana, die sich natürlich mit Apostroph schreibt wie die meisten, weil der Genitiv ja aussterbend und damit offenbar keinem Gast mehr zumutbar ohne Apostroph, was übrigens, wie mir ein Philosophiedozent einmal erzählt hat, in „Klau‘s Würstchenbude“ seinen aberwitzigen Höhepunkt findet. Es ist zu viel Koffein, das weiß ich, bevor ich die Bestellung aufgegeben habe, das ist mir völlig klar, und trotzdem steuere ich einfach weiter geradeaus, ich weiß, wie unsinnig es ist, was ich tue und ändere doch nichts.

Ich denke zurück an den Vortrag der Psychologin auf dem Forum Fairer Handel darüber, weshalb wir nicht das tun, was wir wissen – was wir also rational als folgerichtig erkannt haben. Nehmen wir eine Alltagsentscheidung, deren ethische Sinnhaftigkeit wir rational vollkommen erfasst haben und die umzusetzen wir alle Mittel haben, auch wenn sie ein wenig mehr von uns abverlangt. Werden wir diese Entscheidung also in diesem Sinne treffen? Nein, eben nicht! Die Wahrscheinlichkeit, dass wir unsere Entscheidung tatsächlich gemäß unserer Erkenntnis fällen, liegt – wenn ich die Zahl richtig im Kopf habe – nur bei 30 %. Und sinkt durch vielerlei alltägliche Faktoren – etwa die Müdigkeit nach einem Arbeitstag – noch weiter. (Fun fact: Untersuchungen haben ergeben, dass Ethiker – Professoren der Ethik oder andere Menschen, die sich beruflich mit ethischen Begründungen, Fragestellungen und Handlungsanweisungen befassen, nicht ethischer handeln als andere Menschen.)

Um unser Gefühl eines freien Falls etwas abzumildern, gab uns die Psychologin anschließend Ansätze an die Hand, wie wir diese Wahrscheinlichkeit etwas erhöhen können. Fatalerweise erinnere ich mich genau an diese Strategien nicht mehr, als habe der Gott der Lemminge, diese blinde und in letzter Konsequenz selbst- und fremdvernichtende Bequemlichkeit, Zensur geübt in meinem Erinnerungsspeicher.

Der Sache werde ich nachgehen. Zuerst aber zum Frisör, die Zunge zu bitter, der Puls vom schwarzen Gold in die Höhe getrieben.

P.S. Auch wenn ich weniger in Blogs lese (und weniger schreibe), abonniere ich manchmal trotzdem einen neuen. In diesem Sinne unbedingt empfehlenswert:

https://libralop.de/ – ein Chronist des Alltags

https://athenmosaik.wordpress.com/ – Stadtflaneurin

Rauch

Über dem Parkplatz am äußersten Rand der Stadt der Geruch von Sommer: Knoblauch, Hitze, Staub. Die Bäume sind prall von Laub, das Wintergetreide steht kniehoch, manche Felder kleiden sich in reifes Gelb. Es ist Sommer hier am Untersee Mitte Mai und zuhause im Allgäu tragen noch immer viele Bäume kein Laub. Habe ich mich doch für den falschen Lebensmittelpunkt entschieden?

Wir krönen den Sommertag, indem wir auf dem Rückweg von unserem Termin bei der Deutschen Umwelthilfe die Fähre in Konstanz nehmen über den Obersee. Das würde ich gerne jeden Tag machen: die Fähre nehmen zur Arbeit.

*

Es dämmert, als ich die Unterlagen in den leeren Büros deponiere und weiter nach Hause fahre. Über dem nächsten Höhenzug steht eine dunkle Rauchsäule und ich weiß sofort, das dort drüben ist kein gutes Feuer. Immer weiter verschiebt sich der Rauch in die Ferne, er springt vor mir, als wollte er sich nicht fassen lassen. Über dem dritten Höhenzug bewegt er sich dann nicht mehr weg. Blaulichter blitzen über den Rücken, über den Hang verteilt oder nähern sich über schmale Straßen. Der Rauch scheint aus einem Wald hervorzusteigen, aber ein Waldbrand wäre ungewöhnlich in dieser Region, also wird es ein Hof jenseits der Bäume sein, in dem sich das Heu entzündet hat, wieder einmal.

Fast meine ich den Widerschein der Flammen zu sehen jenseits der Baumkronen, aber dafür ist es noch zu hell. Mehr noch als der dunkle Rauch sind die weit verteilten Blaulichter Beweis für den Ausnahmezustand, an dem die Normalität sich bricht und eine andere, gewalttätige und auf merkwürdige Weise kraftvolle Wirklichkeit gebiert. So entsetzlich, ja ekelhaft die Gaffer sind, die sich am Rand einer Katastrophe drängen, Helfer blockieren, nach dem Entsetzen gieren, den Skandal, so verstehe ich doch in gewisser Weise die Faszination an der Aufhebung der Normalität. Als unsichtbarer Beobachter zwischen den blau leuchtenden Fahrzeugen zu stehen, im Funkwechsel, bei den Menschen, deren Augen groß und der Atem flach vom Adrenalin sind und die doch – hoffentlich – im Falschen das Richtige tun –  diese Vorstellung lockt so sehr wie die, sich durch den Schatten der Bäume an das Feuer heranzuschleichen, an den lodernden Fraß der Flammen. Hoffentlich, denke ich mir, hoffentlich ist weder Mensch noch Vieh zu Schaden gekommen.

Drei Dörfer weiter steht das erleuchtete Tor des Feuerwehrhauses offen, der Löschwagen wartet in der Einfahrt – zu weit entfernt von der Brandstätte, um ausgerückt zu sein, und doch bereit, seinen Teil zu leisten, wenn ein Einsatzfahrzeug mehr gebraucht wird oder zehn oder zwanzig.

Das Eisengeländer der Brücke ist niedergebogen …

Das Eisengeländer der Brücke über den Bach ist niedergebogen. Tatsächlich nieder-, also von oben herab gebogen. Ich kann mir nicht recht vorstellen, was das verursacht haben könnte.

Das Plätschern zwischen dem sprießenden Holunder kommt nicht an gegen den Verkehrslärm. Eine Straße zieht sich durch den Wald, irgendwo auf dem Land und trotzdem eilen unablässig Menschen hin und her über den Asphalt. Krähen krächzen über den noch blattlosen Eschen. Der Wind lässt mich am Kopf frösteln nach dem Haarschnitt am Morgen. Blühender Löwenzahn zwischen Waldflecken. Eine windschiefe Hütte, das Dach eingesunken, lädt zum Fotografieren ein, die Belichtung habe ich falsch eingestellt, werde ich später feststellen. Auf dem Feldweg ein Zigarettenfilter, gelb auch er, doch dunkler als die Blüten, fast orange. Die Kippe stört mich, und trotzdem fehlt mir auf der Flur der Faktor Mensch. Immer nur Worte über den gleichen kreisenden Flug von Bussard und Habicht, über dieselbe Stille der Bäume? Ein Falke habe sich, erzählte die Mutter beim Mittagessen auf den spitzen Schrei eines Vogels hin, auf einem der Bäume heimisch zu machen versucht und abends glitt ein Schleiereulenpärchen am Haus vorbei. Das sind nicht die immer gleichen Erscheinungen.

Weshalb mein Bauch rumort, begreife ich nicht, noch weniger als die gebogene Eisenstange an der Brücke. Übrigens auch nicht die anderen Symptome des Vorabends und am wenigsten jene quälende Fiebernacht ohne Fieber. Medizin war mir der sonnige Morgen, die Fahrt in die Stadt für einige Erledigungen, die sich angesammelt hatten, die wunderbaren Menschen, die ich in der Stadt und vor allem natürlich auf dem Wochenmarkt getroffen habe. Umarmungen, Lächeln, Gelächter. Hände, die sich berühren hier und da, ein fester Griff, Finger streichen über einen Handrücken.

Auf einer Wiese, auf der der Löwenzahn schon besonders hoch steht, hängt das Gras in Wirbeln nieder, als sei es niedergedrückt vom Schnee, der vor ein paar Tagen dort gefallen war. Bald wird der erste Schnitt erfolgen – zu früh für Insekten und besonders die Bienen und immer früher. Ein kurzes Stück geht es über Teer, dann über einen bereits bekannten Weg eine leichte Steigung in den Wald hinauf. Auf der Kuppe wiegen sich die Bäume im Wind: Birken, silbrig raschelnd, lindgrün ihre kleinen Blätter, eine einzelne, beinahe solitär stehende Lärche, nur in der Krone benadelt, darunter ein langer, langer astloser Stamm, ein paar Kiefern in ihrem Umfeld. Bäume, die ich nicht kenne, denke ich mir, spare ich in meinen Schilderungen aus. Verfälschung von Welt, denke ich mir, wenngleich selbstredend alles nur Auswahl ist, Welt als Interpretation. Meinen Horizont erweitern als Aufgabe, mehr Bäume erkennen für einen weiteren Interpretationsspielraum, denke ich mir.

Vorbei an der Stelle, wo ich vor einer Woche zum Pinkeln zwischen die jungen Fichten getreten war. Wäre ich ein Hund, könnte ich mich selbst noch wittern? Kein Auto, kein Motor ist mehr zu hören, nur das rauschende, raschelnde Wiegen der Bäume. Eine Art von Frieden.

Etwas wie eine riesige Lichtung öffnet sich, gesäumt von den unvermeidlichen Hochsitzen der Jäger entlang des Waldrandes. Ich fühle mich an „The Village“ von Night Shyamalan erinnert, ein Film, der letztendlich nicht lohnenswert war, dessen Wendungen mich nicht überzeugt haben, entschieden weniger als in Shyamalans „The Sixth Sense“. Auf einem der Schwünge des Landes liegen zwei Gehöfte, zusammen tragen sie den schönen Namen Krautenberg. Zerstreute Pferdeäpfel, eine Plane flattert einem angreifenden Tiere gleich, durch den Spalt unter einer Scheunentür sehe ich einen rotweißen Kater lagern, lautlos zieht er sich vor mir in die Dunkelheit zurück.

Am nächsten Waldrand weitet sich der Blick zurück, nach Osten hin liegt Terrain, das ich bereits einmal durchschritten habe auf meiner schleichenden Vermessung der Welt. Ich fühle mich schwach, die Schwäche geht von meinem Bauch aus, Müdigkeit, ich begreife mich nicht. Ein halb versunkener Flurstein am Waldesrand, die Abdrücke von Hufeisen im Schlamm, vor einem Baum türmte jemand Steine aufeinander zu einem Steinmännchen wie im Gebirge. Hinter einer Kurve fällt der Weg ab und der Blick hinüber auf die Buschlkapelle ist Überraschung. Immer und immer wieder dieses ungläubige Staunen, wenn sich durch die Bewegung im Raum die Dingen anders zueinander verhalten, als es eben noch so sicher schien. Jeder Schritt konfrontiert uns mit einer neuen Sicht auf den Zusammenhang aller Dinge, und deshalb ist Sichbewegen so unverzichtbar, denn nichts ist so beständig, wie wir denken.

Das begreife ich und setze meinen Weg fort.

Wald_Holz_Unterallgäu_Wandern

Mirabellensommer

Nacht

Ein fast voller Mond weckt mich, sein Licht fällt auf mein Gesicht. Ist es schon wieder so weit, wundere ich mich schlaftrunken und sperre ihn aus dem Zimmer. Sein fahles Licht beunruhigt mich. Unruhig die Träume, unruhig der Schlaf, unruhig selbst das Wachen.

Mittag

„Alter, was voll krass ist, wenn du hier hoch gehst, schaltet irgendwann dein Kopf ab. Das ständige stressige Denken hört einfach auf.“ Drei Party-Mädels – Make-up, Tattoos, vergoldete Armbanduhren, ein schicker Riss am Knie der Hose – erreichen den Gipfel. Eine der Frauen trägt oben nur einen schwarzen BH, an ihrem Rucksack schwebt ein Geburtstagsluftballon. Sie werden von den Gipfelrastern begrüßt, wie am Berg eben jeder anständige Mensch grüßt. Zu ihrem 30. wollte das Geburtstagskind, das erfrägt die Runde schnell, unbedingt mal auf einem Berg gewesen sein. Und da schaltet es schon eine Videoverbindung zur Mutter. „Du glaubst nicht, wo ich bin. In Österreich auf einem Gipfel. Schau, da geht es runter. Und die Menschen reden hier alle mit einem.“ Die drei sind ein völliger Fremdkörper auf dem Berg, und umso schöner finde ich, dass sie offen dafür waren, diese Erfahrung zu machen.

Beim Abstieg aus dem tiefen Blau ins Tannheimer Tal nehme ich mir ein Vorbild an dem Geburtstagskind und ziehe mir mein Hemd vom Leib. „Ja so was, hat die Jugend eine Hitze …“, kommentiert ein entgegenkommender ergrauter Bergwanderer. Schneefrei liegt der Serpentinenweg vor uns, die Sonne wärmt meine nackte Haut zum ersten Mal in diesem Jahr, das Glück der Welt ist mit uns. Südhang macht es möglich.

Abend

Unter einem weißen Himmel aus Mirabellenblüten stehe ich. Die Sonne ist fast untergegangen, doch der Baum brummt noch wie ein Bienenstock. Hummeln eilen von Blüte zu Blüte im schwindenden Licht, nutzen die letzten Minuten. Vom grasigen Boden zieht bereits die Abendkälte herauf. Die Hummeln aber hasten weiter. Nie habe ich so viele auf einmal gesehen. Fleißige Arbeiterinnen bis an die Tore der Nacht.

Alpen_Einstein_Tannheimer Tal