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Kambium am Heuchelberg

Wann immer möglich, versuche ich eine Reise mit einer Wanderung zu verbinden.

Vereinzelt Schauer, meldete der Wetterbericht. Als ich mich aus dem Haus schleiche, in dem ich übernachtet habe, fallen ein paar Schneeflocken. Ich hatte zwei Freunde für die Wanderung gewinnen können, und in der Morgenkälte eines Novembersonntags treffen wir uns in irgendeinem Vorort von Heilbronn. Menschen gibt es hier kaum, nur stille Häuser. Vom Ausschreiten erhoffen wir uns warme Glieder. Die Zunge hingegen wärmt sich von selbst beim Wiedersehen mit den Freunden aus meinen Stuttgarter Jahren, teure neue Freunde damals in einer Zeit, in der ich bei Null angefangen hatte in der Kesselstadt.

Die schnurgerade Teerstraße führt uns hinaus aus dem Ort und hinüber zum Heuchelberg, einem niedrigen Höhenzug, der feucht im Morgentrüben liegt, kaum Lockung in dieser Jahreszeit. Der Ackerboden links und rechts klumpt in schweren Brocken. Zuckerrüben türmen sich, derbe Früchte zwischen kalten Wasserlachen und umgepflügter Erde. Der Wind ist schneidend. Ich denke an einen anderen November zwischen den Gräben von Verdun.

Die Morgensonne bricht durch eine Wolkenlücke, ihr fremdes Licht legt sich schwer auf ein Feld mit einer Zwischenfrucht. Biographisch haben wir uns wechselseitig auf den neuesten Stand gebracht, wir wechseln zu Themen, zu denen wir alle gerne etwas beitragen: alternative Modelle in der Landwirtschaft, Nischen in der Rockmusik.

Nach den ersten Kilometern über Asphalt wechseln wir auf schlammige Wege. „Das erinnert mich an die Zeiten, als wir als Kinder bei solchem Wetter über die Äcker sind und der Matsch gefühlt kiloweise an den Schuhen kleben blieb. Das war geil. Und gab dann immer einen Anschiss von der Mutter. Verständlich.“ Der Chemiker lacht, Vater und Sohn zugleich, und der Gärtnermeister pflückt an einem Weiher ein paar Hagebutten und saugt ihr Mark. Wir blicken auf das trübe Wasser, Erinnerungen an Horrorfilme, die ich nie gesehen habe, wechseln hin und her.

Zwischen Weinbergen ersteigen wir den Heuchelberg und dann gleich den Wartturm an seiner Schulter. Im späten Mittelalter war der Turm als württembergischer Grenzposten errichtet worden, nur ein paar Jahre, ehe die Grafschaft den Aufstieg zum Herzogtum vollzog. Ein paar Jahrhunderte lang überschaute der Turm die Nordgrenze Württembergs, bis diese in einer deutschen Flurbereinigung von Napoleons Gnaden noch ein bisschen weiter nach Norden geschoben wurde.

Und das dort im Süden, ist das der Stromberg, über den ich einmal an einem anderen Spätherbst gewandert bin? Keiner weiß es, gewiss ist uns nur der Dampf über Neckarwestheim. AKW statt Höhenzüge als Landschaftsmerkmale des modernen Menschen.

Und dann endlich hinein in den Wald. Blätter und Nadeln in den Farben des sterbenden Herbstes – leuchtendes Rotbraun der Buchen, mattes Braun der Eichen, Gelb von Ahorn und Lärche, an den Bäumen das dunkle Grün von Fichte und Kiefer. Tiere sehen und hören wir nicht, nur Menschen: Spaziergänger, Jogger, Mountainbiker.

„Wisst ihr, dass das Kambium der Bäume essbar ist?“, fragt der Gärtner. Er zieht sein Taschenmesser aus der Tasche und schneidet an dem kürzlich gefällten Baum die Rinde ab, dann ein paar Späne der darunter liegenden Schicht. Wir kosten, was wir bis dahin nicht kannten. Es erinnert vage an ungesüßten Kaugummi – herb und zäh und ein bisschen frisch. Wir hoffen, uns nie einen Winter lang davon ernähren zu müssen.

Am Saum einer Wiese zehrt der Wind an uns. Immerhin bleiben die Niederschläge aus. An den Drei Eichen ein Zögern, Wege in alle nur denkbaren Richtungen. „Im Dschungel ist das Problem, einen Weg zu finden. In diesem Wald hier haben wir genau das gegenteilige Problem.“

Einer bückt sich nach einem Eichenblatt. Eine Kugel in Grün und Rot klebt an ihr. Was ist das? Das Taschenmesser schneidet die Kugel entzwei, eine klebrige Substanz, eingebettet in ihr ein Wurm. Die nächste Kugel das gleiche Bild, der Pfad ist voll mit ihnen. „Galläpfel“, murmelt jemand. Ein Rest Zweifel aber bleibt und nährt augenblicklich die immer hungrige Fantasie. Witze über die Saat außerirdischer Lebensformen fallen. Was wir nicht kennen, ordnen wir sogleich einer Sphäre des Äußerstfernen, des Übernatürlichen zu. Wir Menschen sind doch angstbesetzte Wesen. Und ich male mir aus, während wir auf dem Waldweg durch lichtes Gehölz wandern, wie es wäre, käme nun ein Wesen, uns weit überlegen, und würde einen von uns ergreifen und knacken, das Innere betrachten, ihn wegwerfen, den nächsten nehmen und sinnend prüfen …

Zwischen zwei Waldeshöhen setzen wir uns zu einer Rast. „Ich stehe jeden Morgen gerne auf. Weil ich mich aufs Essen freue“, begeistert sich der Gärtner und packt Leckereien aus, öffnet eine Dose Hummus. – „Ich hatte Kichererbsen übrig.“ „Das ist mir noch nie passiert“, entgegnet der Chemiker trocken. – Verteilt dann selbstgebackene Schnecken. Ich verbrenne mich am heißen Tee, gleich darauf ergeht es meinem Gegenüber ebenso. „Die evolutionäre Entwicklung hat es noch nicht über den Tisch hinweg geschafft“, kommentiert der Dritte.

Eine Stunde später geht es über Schichten von Laub auf schmierigem Untergrund nach Eppingen hinab, eine lange Rutschpartie kurz vor unserem Ziel. Jenseits des Waldes dann die Anonymität von Neubausiedlungen, ein Friedhof, Industriehallen. Die Bahn fährt uns vor der Nase ab, jäh setzt der Regen ein, die Füße sind müde. Ein Rentnercafé, auf der entleerten Straße ein paar gegen die Kleinstadttristesse anlärmende Jugendliche. Selbst die hübschen Altstadtfassaden tragen Trauer. Wir sind, als wir uns später voneinander verabschieden, trotzdem glücklich.

Im Abenddunkel dann Schneefall, ein hypnotischer Wirbel im Licht der Scheinwerfer, während die Kurve der Autobahn nicht mehr zu enden scheint, der Abstand zu den Rücklichtern gleich bleibt, die Krümmung der Straße gleich bleibt, der Tanz der Flocken gleich bleibt, und alle Zeit, alle Bewegung aufgehoben wird.

*

Danke an D. und S. und alle anderen.

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Die Kurve

Eglofs war für mich immer eine scharfe Doppelkurve, die sich unter dem Auge eines Kirchturms hinabschwang ins Tal. Den Ort selbst hatte ich meines Wissens nie betreten, bis in meine Lebensmitte hinein blieb der Name nur diese Kurve, ein Bild aus Kindheits- und Jugendtagen, als man vor der Öffnung der A 96 noch diese Strecke nahm zum Bodensee oder vielleicht hinüber nach Dornbirn, wo wir eine Kindheitsfreundin meiner Mutter besuchten. Sie schätzte ich besonders, weil sie auf ihren Besuchen – damals noch von ihrem Studienort im Tirol aus – gern und bereitwillig mit uns Kindern spielte, ganz besonders das von mir geliebte Brettspiel mit den Figuren und den weißen Steinen, was meine Eltern selten taten, und auch, weil sie mit der Welt der Bücher in Verbindung stand, die mir Verheißung war und später lange Jahre ja auch eigener Broterwerb, und weiters deshalb, weil sie Geschichte studiert hatte, damals also in Innsbruck, welches ich lange Zeit ebensosehr und ausschließlich mit ihr verbunden hatte, bis einer meiner Onkel dann einige Jahre dort am Theater arbeitete, die Geschichtswissenschaft also, die ich später selbst studieren sollte. Das also war mir die Kurve von Eglofs.

Der Fußweg führte mich halb um die kleine Große Kreisstadt Wangen herum, zuerst zum Friedhof nach Süden, gut besucht an diesen Allerheiligen, an dem Menschen ihren Verstorbenen einen Besuch abstatteten, obwohl Allerseelen ja erst am nächsten Tag sein würde, aber der war eben kein freier Tag, weshalb Allerheiligen für den Friedhofsbesuch genutzt wurde. An den Eingängen schüttelten Männer in Uniform, hinter großen Brillen die Spendenbüchse. Man kannte sich, nur der Wanderer vor der Mauer war fremd.

Jenseits der Stadt, so dachte ich, würde ich innehalten und lauschen, sobald ich kein Motorengeräusch mehr hörte, aber immer blieb das Rauschen von der Bundesstraße wahrnehmbar, und wenn doch einmal nicht, inmitten eines Wäldchens vielleicht, dann zog ausnahmslos ein Linienflugzeug niedrig über den Himmel. Also ging ich eben, ging weiter, gehe weiter ohne innezuhalten, die Jochbeine glühen kalt, die Handschuhe vermisse ich nicht. Anders als die Straßen schweigen die Wälder, wenn nicht gerade eine Amsel Alarm schlägt. Wie eingefroren die Landschaft bereits, im Windstillen schwebt nicht einmal Laub herab. Greifvögel, Katzen beim Mausen, Jungvieh auf den Wiesen vor dem ersten Schnee, sonst kein Tier.

So quere ich also den Bach, der in seinem Namen den meinen mit sich trägt, passiere den ausgewiesenen Kräutergarten, der so stille ist wie die Wälder, komme den Himmelberg herunter und steige zum Schnaidthöfle wieder hoch und bin immerhin ein paar Mal überrascht, wenn ich Wirklichkeit und Karte wieder in Einklang bringen muss, das immerhin bietet der Weg, den ich sonst nicht innigst ans Herz legen würde. Passiere auf dem Kamm zuletzt den Hof, wo wir im Sommer auf der verwandtschaftlichen Radtour Halt gemacht haben, und bin dann, nach drei Stunden Wegs, in Eglofs.

Das Dorfcafé suche ich auf, um einen Studienfreund auf Besuch zu treffen. In der Uni-Mensa haben wir nicht selten zusammen geschwiegen, im Einvernehmen geschwiegen, und das muss man ja auch erst einmal können, gemeinsam im Guten zu schweigen. Später teilten wir in unserem Berufsleben noch einmal für ein paar Jahre eine andere Stadt, aber das letzte Wiedersehen lag auch bereits den zweiten Sommer zurück, ein herrlich strahlender, reifer Tag war es gewesen im Lautertal der Schwäbischen Alb, zwischen Blatt und Licht und der Herrlichkeit des Lauterwassers.

„Mein Kind“, spottet der Freund und deutet auf den Kinderstuhl neben sich, „mein Auto“, winkt er zum Fenster hinaus, „mein Baugrund“, zeigt er mir auf dem Smartphone eine eingeebnete Fläche. „Eine Fliegerbombe war zum Glück nicht drin“, atmet er auf.

„Vielleicht noch ein paar Alemannenknochen?“, ermuntere ich.

„Unwahrscheinlich. Wir sind auf Sandstein gestoßen. Das erhöht die Kosten zwar noch einmal, aber ein alter Alemanne dürfte sich da darunter jedenfalls nicht verstecken.“

Das Dorfcafé füllt sich. „Ausschließlich mit Butter gebacken“, wirbt das Café, vegan ist hier fehl am Platz bei den vielen selbstgebackenen Torten und Kuchen. „Wie zu Großmutters Zeiten“, da würde clean eating durchaus passen, gute Zutaten frisch verarbeitet, aber wer will sich hier schon ein solches Modelabel umbinden? Die Wirtin eine robuste, herzliche Frau, täglich frisch gebackenes Brot, kein Tisch in der Stube mehr frei, das Café läuft. Ein Schatz für ein solches Dorf, denn welches kann denn ein richtiges Café sein eigen nennen, und das noch mit so viel Leidenschaft, Herzblut und soliden Rezepten geführt?

Geschwiegen haben wir am Tische nicht. Für diesen Luxus sehen wir uns inzwischen dann doch zu selten. Ich stecke den Rest meiner Butterseele ein, klopfe dem Freund auf den Rücken und wende mich wieder gen Osten. Die Kurve bin ich nicht hinabgefahren.