Der Kontrapunkt des kleinen Glücks

Der Kopf zerstört wieder einmal nach der Woche, das Wetter – in der Früh noch sonnig – verspricht kalten Wind, Schnee und Regen. Nicht das, was einen hinauslockt zu fünf, sechs Stunden Fußmarsch, nach denen ich mich sehne.

*

Die Einladung der selten gesehenen Nachbarn zum Mittagessen.

Die Heiterkeit des jungen Mannes, der sich, seit morgendunkler Stunde tätig, auf dem Marktstand des heimischen Biogärtners ein Taschengeld dazuverdient.

Die Freundlichkeit des Baristas, der sein Tun ganz offensichtlich liebt.

Die Herzlichkeit der beiden Damen im dörflichen Bioladen. Arbeit und Sorgen haben sie genug, aber jeder Einkauf ist hier echte Begegnung.

Der Frohsinn der Kundin, die auf die Frage „Du bist zu Fuß da? Ist der Korb nicht zu schwer?“ in ihrem Dialekt antwortet: „Ach, das geht gut. Und wenn er zu schwer wird, stell ich ihn eben ab und schaue mich ein bisschen um.“

Und der Tag hat erst angefangen.

*

Der Himmel zieht zu, die Schlechtwetterfront rollt heran, begräbt alles unter sich. Der Kopf lichtet sich.

P.S. Weil es bei Herrn Ärmel und Frau Lakritze eben um das Glück ging.

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Gott liebt Sie

„Ah, ich höre Schritte!“
Sie dreht sich um und lächelt mich durch die Dämmerung an.
„Ich habe einen Zettel für Sie!“
„Einen Zettel?“
„Ja, von einem Gottesdienst. Mit Gospelliedern.“
„Danke, das brauche ich nicht.“
„Was brauchen Sie nicht? Keinen Zettel?“
„Keinen Gottesdienst.“
„Glauben Sie schon an ihn?“
„Nein, nicht mehr.“
„Oh nein, was ist passiert???“
„Ach, nichts ist passiert, nur eine Entwicklung über das Leben hin.“
„Aber wissen Sie, er liebt Sie. Er liebt uns alle! Das ist die Wahrheit.“
„Das ist Ihre Überzeugung.“
„Ich habe einen anderen Zettel für Sie. Hier!“
„Na gut. Ihnen alles Gute.“
„Alles Gute und einen schönen Abend!“

Der Zettel war dann nicht so toll. Schuld und Verderben und solche Sachen.

Der Gott der Lemminge

Am Abend nehme ich das erste Mal den Gesang der Amsel war, nachts träume ich, der kommende Sommer sei ohne Hitze bereits vergangen, feuer- und lichtlos schon wieder Herbst. Vielleicht deshalb das Ziehen in Knien und Knöcheln, als ich erwache.

Um Viertel nach Sieben eine Schlange vom Dorfbäcker auf die Straße hinaus. Ich halte nicht. Es ist einer dieser Widersprüche, dass ich mit dem Dorf nichts zu tun habe. „Ein Integrationsprogramm?“, schlägt die Studentin aus dem Nachbarweiler vor, die ich in einem ganz anderen Kontext kennengelernt habe. Von dort, dem Nachbarweiler, hat man einen fantastischen Ausblick auf die Alpen, von Irgendwo-in-Oberbayern – ich kenne die Gipfel nicht – bis in die Ostschweiz. Der Wind dafür umso dringlicher dort oben, versteht sich.

Dazwischen ein einsamer Hof, der Sohn war der einzige, der mit mir aus der Volksschule hinübergewechselt war ins Gymnasium in der Stadt. Die Dritte, die von unserer Klassenlehrerin die Empfehlung bekommen hatte, zu wechseln – völlig zu Recht natürlich -, zögerte und kniff. Da fühle sie sich überfordert, das brauche sie doch nicht. Es waren andere Zeiten als heute. Unsere Mütter hatten sich dann eingesetzt, dass wir zwei Wechsler in der neuen Schule nebeneinander saßen, uns Stütze und Orientierung sein konnten in der fremden, großen Welt. (In der ich, nebenbei, zum ersten Mal Protestanten kennenlernte, bewusst wahrnahm jedenfalls, denn davor war alles katholisch gewesen mit ein paar Sprengseln Esoterik und Yogitum, in dem man zuhause halt lieber ein Mantra sang als das Vaterunser.) Eine förderliche Entscheidung war es nicht, uns zusammenzusetzen, denn der andere tat das, was man später vermutlich Mobbing genannt hätte, und unsere Wege trennten sich bald und gründlich.

Die Berge treten überklar hervor, wie vergrößert. Schneeweiß die Rinne am Gaishorn, die ich im Sommer hochgestiegen bin. Auf dem Wochenmarkt der Stadt kaufe ich das, was ich am Vorabend im Bioladen nicht mehr bekommen habe, gönne mir ein Frühstück, das erst dann wieder voller Genuss sein wird, wenn der Markt nach Ostern aus der Halle wieder auf den Platz wandern wird, und weil ich Zeit zu überbrücken habe – Frühform einer senilen Bettflucht -, trinke ich einen zweiten Cappuccino drüben in Paulas Cucina Toscana, die sich natürlich mit Apostroph schreibt wie die meisten, weil der Genitiv ja aussterbend und damit offenbar keinem Gast mehr zumutbar ohne Apostroph, was übrigens, wie mir ein Philosophiedozent einmal erzählt hat, in „Klau‘s Würstchenbude“ seinen aberwitzigen Höhepunkt findet. Es ist zu viel Koffein, das weiß ich, bevor ich die Bestellung aufgegeben habe, das ist mir völlig klar, und trotzdem steuere ich einfach weiter geradeaus, ich weiß, wie unsinnig es ist, was ich tue und ändere doch nichts.

Ich denke zurück an den Vortrag der Psychologin auf dem Forum Fairer Handel darüber, weshalb wir nicht das tun, was wir wissen – was wir also rational als folgerichtig erkannt haben. Nehmen wir eine Alltagsentscheidung, deren ethische Sinnhaftigkeit wir rational vollkommen erfasst haben und die umzusetzen wir alle Mittel haben, auch wenn sie ein wenig mehr von uns abverlangt. Werden wir diese Entscheidung also in diesem Sinne treffen? Nein, eben nicht! Die Wahrscheinlichkeit, dass wir unsere Entscheidung tatsächlich gemäß unserer Erkenntnis fällen, liegt – wenn ich die Zahl richtig im Kopf habe – nur bei 30 %. Und sinkt durch vielerlei alltägliche Faktoren – etwa die Müdigkeit nach einem Arbeitstag – noch weiter. (Fun fact: Untersuchungen haben ergeben, dass Ethiker – Professoren der Ethik oder andere Menschen, die sich beruflich mit ethischen Begründungen, Fragestellungen und Handlungsanweisungen befassen, nicht ethischer handeln als andere Menschen.)

Um unser Gefühl eines freien Falls etwas abzumildern, gab uns die Psychologin anschließend Ansätze an die Hand, wie wir diese Wahrscheinlichkeit etwas erhöhen können. Fatalerweise erinnere ich mich genau an diese Strategien nicht mehr, als habe der Gott der Lemminge, diese blinde und in letzter Konsequenz selbst- und fremdvernichtende Bequemlichkeit, Zensur geübt in meinem Erinnerungsspeicher.

Der Sache werde ich nachgehen. Zuerst aber zum Frisör, die Zunge zu bitter, der Puls vom schwarzen Gold in die Höhe getrieben.

P.S. Auch wenn ich weniger in Blogs lese (und weniger schreibe), abonniere ich manchmal trotzdem einen neuen. In diesem Sinne unbedingt empfehlenswert:

https://libralop.de/ – ein Chronist des Alltags

https://athenmosaik.wordpress.com/ – Stadtflaneurin

Oder selbst die Strukturen schaffen

Der Hof ist eine Falle und der Wind hat uns hineingetrieben. Verschlossen ist das Gattertor zum Steg, ein Sprung zu weit, alles zu kalt. Ein Fenster öffnet sich und die heimliche Beobachterin zeigt sich als Engel. „Ihr wollt über den Bach? Dann geht dort hinter die Hütte, da ist eine Brücke.“ Wir finden ein Schalbrett überm Gewässer, die Enden auf Ziegeln aufgelegt, mit Schraubzwingen fixiert. Eis liegt auf der Planke. Ich trete auf das Brett, es knackt im Holz, es knackt im Eis, beides trägt. Die anderen folgen, über die weiße Wiese schwärmen wir aus.

In einem russischen Auto werde ich zur Arbeit gefahren von einer blonden Frau mit blassgrünen Augen und blasser Haut, in ihrem Haar hängt Eis. Kühl und nordisch sieht sie aus, aus dem Winter kommend, aber doch, das ginge auch, aus dem russischen Winter, mit jenem Gesichtsausdruck einer unbeeindruckbaren Agentin. Das Auto ist direkt, ungeschminkt und ursprünglich: die Motorengeräusche kernig, die Technik Mechanik, am Handgriff über der Tür hängt ein Karabinerhaken. An den Knien ist es kalt. Die Sonne geht auf, sie wärmt nicht, aber es ist gut.

„Oder selbst die Strukturen schaffen“, sagte ein Kollege am Mittagstisch. Verzweifeln ließe sich leicht an der Welt. Und wenn einen dies und das bearbeitet hat, reicht manchmal der Anblick einer niedergeholzten Hecke, der nun nackten Kreuzung, um in alttestamentarischer Verzweiflung die Hände in die Höhe zu werfen. Das Heilmittel haben wir immer selbst in der Hand. Jeder unserer Einkäufe, jede unserer Begegnungen, jedes unserer Worte ist eine Entscheidung, die wir treffen. Daran denke ich mir, als ich die Hände aus der Höhe sinken lasse und mein Panzerhemd abstreife und den Rock darunter und mit offenem Herzen da stehe und Menschen Worte schenke, die kein Richter auf Erden verlangen würde und die die Welt trotzdem schöner machen.

Es liegt an uns.

Kreise ziehen

Als die seit Tagen alles erdrückende Wolkendecke aufreißt, habe ich noch eine gute Stunde.

Ich beschließe, meinen Geburtsort zu umrunden. Nicht aus Sentimentalität, Erinnerungen an jene allererste Lebenszeit habe ich keine, auch nicht schöner Wege wegen. Vielleicht um den Ort nochmals anders kennenzulernen.

Am Bahnhof starte ich meine Runde, er ist mir der erinnerungsträchtigste Ort in dieser Marktgemeinde. Wie oft bin ich in meinen Jugendjahren hier mit dem letzten Zug aus der Stadt gekommen und dann zu Fuß die vier Kilometer nach Hause gegangen. Regen war dabei nicht die schlechteste Wahl, denn dann fühlte ich mich getarnt an jener kurzen Strecke durch den Wald, wo der Weg ausgerechnet am steilsten wurde und auch noch die Kadaverkiste stand damals im letzten Jahrhundert und mich immer die namenlose Angst vor der Dunkelheit erfasste.

Ich erinnere mich, als ich die erste Bahnunterführung passiere, von der das Sträßchen hinaufführte auf die Endmoräne, an jene Liebespein im Hochsommer, als der letzte Abendglanz am Horizont meinen Herzschmerz in ein Gedicht formte, oder einen feuchten Herbst, als ich in Stiefeln, die mir nicht passten, erst zum Zug hinunterjoggte und dann zurück aus der Stadt mit blutigen Fersen dahinschlich, bis ich die Stiefel auszog und barfuß ging über den nassen, kalten Asphalt.

Nach der zweiten Unterführung schlage ich mich nach rechts. Eine von Eschen gesäumte Allee öffnet sich von mir, von ihr hatte ich nichts gewusst. Am Wegesrand kauert das Schützenhaus, der Ostwind beißt sich in mein Gesicht. Er schmerzt in der Nase, ich atme durch den Mund, es ist besser, wenn auch widersinnig. Ich biege auf eine Wiese ab, quere sie nach Gutdünken. Das ist die Freiheit des Winters.

Bald habe ich Wertstoffhof und neuen Kreisverkehr hinter mir. Ein Schlenker hinüber übers Feld in den DM? Ich entscheide mich dagegen. Nichts, was ich gerade wirklich von dort bräuchte. Ein Schild kündigt weiteren Grünflächenfraß durch Gewerbebauten an. Auf dem Fußballplatz neben dem Freibad spielen Männer Fußball. Scharf pfeift der Schiedsrichter, scharf pfeift der Wind. Nicht alle tragen Mützen, manche Waden sind nackt.

Dann gehe ich wieder auf einem unbekannten Weg. Am Tennisverein vorbei, danach ein versteckter Bauernhof, gegenüber ein Stock, aus dem ein ganzer Wald von Haselbüschen wächst, Dutzende von dünnen und nicht so dünnen Stämmen auf kleinstem Areal. In eine bewaldete Senke hinab, ein Bach fließt, mehrfach gebremst von Betonwehren, der Iller entgegen. Technobässe jenseits der Baumlinie.

Ein Feldweg kurvt um den Ort herum, die Musik verebbt, die Sonne steht am Wolkenrand, Strommasten der Überlandleitung. Das Lauteste ist nun der Wind. An einem Oma-Häuschen vorbei biege ich in die letzte Straße der Neubausiedlung. Um die Ecke einer Thujahecke kommt mir ein Herr entgegen – der erste Mensch, der mir auf meiner Runde begegnet -, wir schlingern beide ein bisschen, bis wir herausgefunden haben, wie wir einander ausweichen.

Dann die Unbarmherzigkeit der Waschbetonsiedlung, drei Stockwerke leicht versetzt aufeinandergestapelt, und das ins Dutzendfache wiederholt, Schrecken der 60er- und 70er-Jahre. Mir ist es recht, gleich wieder hinauszuziehen aus dem Ort, der Feldweg gen Norden, hinüber ins Moos, wird mir zur Flucht.

Auch andere atmen hier auf. Und jedesmal wieder die Überlegung, sage ich „Hallo“ oder „Servus“ oder „Grüß Gott“. Ich prüfe rasch Gesicht, Aussehen, Erscheinung und entscheide mich dann. Manchmal treffe ich den richtigen Ton, manchmal nicht. Ein Mädchen hangelt sich unter einem Stacheldraht hindurch, ein blonder Junge steuert einen Traktor, er nickt mir zu. Ein Schafstall, die vom Wind gehärtete Oberfläche des Schnees in Schollen zerbrochen.

Eine Kehre und schon habe ich den Ostwind wieder im Gesicht. Der Feldweg ist eine Bahn aus Eis, Kinn und Wangen schmerzen, da schützt der kurze Bart kaum, dazu müsste er schon sehr viel länger sein. Die Strecke wird ein fröhlicher Kampf. Bis ich die ersten Häuser erreiche, bin ich wieder versöhnlicher gestimmt.

Zum Bahnhof fünf Minuten, zeigt ein Schild, alle Wege sind mit Wanderschildern versehen, der Fremdenverkehr will kein Irregehen. Fremd bin in gewisser Weise auch ich. Ich kenne niemanden in diesem Ort, wird mir bewusst – ein Trampelpfad hinter Leitplanken -, zumindest niemanden so gut, dass man sich wechselseitig einladen würde. Als ich am Bahnhof anlange, weiß ich, dass ich das ändern will. Ganz sicher gibt es unter den paar Tausend Menschen hier auch welche, auf die ich mich freue, sie kennenzulernen. Ja doch, so stehe ich am Ausgangspunkt meiner Reise, der Kreis ist gezogen. Nun gilt es, Kundschafter auszusenden …

Aber zuerst die Sauna. Binnen Minuten erhöht sich meine Umgebungstemperatur um 100 Grad, der Atem müht sich nun auf andere Weise, Wasser tritt aus den Poren. Am längsten nistet die Kälte zwischen Lippen und Kiefer.

Winter_Schnee_Feldweg_Allgäu

Winterfarben

Im Tal ist der Schnee schwer und nass, die Bäume sind schwer und nass, alles ist schwer und nass und kalt und unter Wolken begraben. Ich mag den Monat meiner Geburt nicht.

Über einen bewaldeten Kamm stapfen wir den Hang empor, immer wieder an starken Bäumen vorbei, die geknickt sind wie Streichhölzer von Männerhand, und wir reden über einen, der einen Achttausender ohne Sauerstoff in 16 Stunden bestiegen hat. Er ist so schnell hinauf und wieder herab, dass er sich wegen Höhenkrankheit keine Gedanken machen musste. Und wir keuchen bereits auf dieser Steigung im Wald.

An der Dolde einer Engelwurz haben sich Eiskristalle festgesetzt. Spuren von Has und Fuchs im Schnee, wir sind die ersten Stiefelträger seit Tagen. Oben am Rand der kleinen Hochebene strecken sich starke Tannen zwischen den Fichten, Misteln sammeln sich im Geäst, drüben die Silhouetten nackter Laubbäume vor dem Wolkenhimmel. Dort wird der Weiler Gerstland sein. „Wo die Laubbäume stehen, sind die Menschen nicht weit.“ Auf der weißen Wiese ist ein Haufen aufgestapelt für das Funkenfeuer am Abend. Eine Mopedspur im Schnee, immer wieder rechts davon ein Fußabdruck, wo der Fahrer seinen schlingernden Kurs abzusichern hatte.

Am ersten Hof ein Fuhrpark aus drei Fendt-Traktoren, in der Wiese vor dem Haus ist ein Schneepflug abgestellt mit vielen bunten Handabdrücken, der Hof eine Fassade aus Holzschindeln und Klinkerbau, man sieht an ihm schon das Westallgäu. Am nächsten Hof der Geruch von Funkenküchle – in Fett ausgebratenen Krapfen für den Abend. Die Frauen also sind fleißig, und die jungen Männer werden sich abends betrinken, und wo der Funken wetterbedingt abgesagt wird, betrinken sich die jungen Männer halt auch ohne das wintervertreibende Feuer aus alter Zeit.

Der Schritt ist schwer im Schnee, manchmal knackt Eis, da ist ein Mensch, ein Hund. Abgesetzt vom Tann wacht eine Tanne mit Zweigen so dicht, ein Mensch könnte sich darin verstecken und nicht gesehen werden. Unter den tiefen Ästen kein Schnee, der Baum ehrwürdiger Schirmherr über einen Flecken Wiese.

Ein Hohlweg, dann am Waldrand entlang, winterleere Hütten, die Fußspuren fallen ab, der Weg windet sich zwischen Holz und Hang dahin. Es ist ganz still und einsam. Dann zwischen mächtigen Nadelbäumen ein Pfad, zugeweht im schweigenden Wald, es ist ganz Winter, ganz Menschenferne, als läge er jenseits der Mauer, die Westeros durchtrennt. Jenseits eine halb verschneite Spur, ein schlankes Kreuz auf einer baumfreien Höhe, dann durch tiefen Schnee hinab. Er löst sich bei jedem Tritt und rollt in hastiger Flucht den Schritten voraus, kreuz und quer springen und hüpfen die Kügelchen vor uns her. So klein ist eine Lawine etwas Heiteres.

*

„Doa bin i numm gradelt, doa waret scheene Kiah dinn.“ In der Stube der Königsalpe tickt eine Uhr, ein Kachelofen wärmt, schwarzweiß blickt von der Wand der einstige Besitzer Bonaventura König herab, eine historische Karte klärt über die Zeiten auf, als das Land noch nicht zu Bayern gehörte. Nur an einem Tisch sitzen noch Leut‘, als wir eintreten. Es ist 16 Uhr, vielleicht sind wir die letzten Gäste auf Wochen hin, ab Ostern ist dann wieder sicher offen. Am Holztisch neben dem Ofen lassen wir uns nieder und es ist gar nicht zu vermeiden in solch einer Stube, dass man das Gespräch der anderen hört. Die Wirtin, der Wirt, ein Besucher, in der Färbung eines gelebten Dialekts geht es um die ewigen Themen des Bauernstandes: um die Rinder und das Bauen, Beziehungen und Suizid, Glück und Unglück. „Da willst du für 20 Kühe bauen und dann wird dir der Platz für 40 vorgeschrieben. Immer bauen und bauen, das kannst du doch auch nicht.“ „Sie ist bei ihm eingezogen, sie hat halt einen Unterschlupf gesucht. Aber das ist ja auch recht.“

Die Ohren glühen ganz warm. Ich ziehe den Wollpullover aus, über das Shirt darunter ziehen sich Salzstreifen. Den Rücken an die warmen Kacheln gelehnt, lausche ich, lausche den Worten am Nebentisch, ihrer Farbe, dem Tosen des Feuers im Ofeninnern, ein beruhigendes Geräusch, ein Klang der Kindheit.

*

Und auf dem Abstieg dann die Farben: unendlich viele Töne Grau, das dunkle Grün der Nadelbäume, ins Schwarz versinkend, das zu Blau wird, je ferner die Wälder stehen, das Weiß des Schnees und über allem ein metallischer Glanz. Was auf dem Aufstieg Eintönigkeit war, ist nun Reichtum. Und da liebe ich den Monat meiner Geburt.

Allgäu_Winter_Westallgäu_Königsalpe_Gschwend

Allgäu-Blues

Gegenüber liegt mein Großvater und ich hatte nicht gewusst, dass es in dem Dorf sonst noch etwas anderes gibt außer dem Metzger mit den schweinefreien Würsten und dem Dorfladen, in den meine Großmutter eingezahlt hat, damit es überhaupt noch einen Laden gibt, und dem sacht traurigen Wirtshaus mit seinem Biergarten unter Kastanien und den Brüchen im Asphalt der Doppelkurve, die ich jeden Tag nehme.

Da also gibt es plötzlich eine Bar mit Jam Sessions, für die Leute – ist das wahr, was ich auf dem Nummernschild lese? – bis aus der Schweiz angefahren kommen. Und ich schiebe die Tür auf, unsicher geworden in dem mir fremden Territorium, übersehe am Eingang einen Kollegen in Lederjacke und suche drinnen nach den Freunden, die mich eingeladen haben, und sehe stattdessen die Masseurin des Einödhofs, die Blockadearbeit geleistet hatte kürzlich, was meinen Kopfschmerz vervielfacht und biographische Fragen an mich selbst aufgeworfen hatte ausgerechnet an meinem Geburtstag.

Am Nachmittag habe ich das Büro hinter mir gelassen und bin durch Regenschleier in die alte römische Kapitale gefahren. „Nichts bereuen“, lese ich auf dem Eingangsplakat über dem Eingang des Baumarkts, der so gerne mit markigen Sprüchen wirbt. Ich bekomme die Kleinigkeiten, die seit Wochen auf einem Zettel stehen, die Lampe aber, für die ich Nutzen hätte und doch bisher ohne sie ausgekommen bin, stelle ich wieder zurück, ich ignoriere die Verlockungen der Metallwarenabteilung, weiche Feierabendholzträgern aus.

Und nochmals weiter nach Süden, Wolkenbänke verbergen die Berge, nicht aber den Höhenzug, auf den ich zusteuere, und es ist, als sähe ich ihn, schneeweiß und fichtenblau, nun zum ersten Mal – als Horizont der Stadt, der sonst verschwindet vor den Voralpen und Alpen über ihm. Hinauf auf die Autobahn und nach wenigen Hundert Metern schon wieder herunter, vorbei an dem Burggemäuer, an dem ich das letzte Mal zu einer Sommerhochzeit während meiner Stuttgarter Jahre war, den Hügel empor, er ist steiler als ich dachte, und zum Speicher hinüber, Straßen, auf denen ich seit vielen Jahren nicht mehr war. Eine Wiederentdeckung mehr in jener Region, von der ich weniger denn je weiß, ob sie Heimat ist.

Mein Ziel ein stattliches Gebäude in einem Weiler: Steingarten, Edelsteine, Holzkuppel, mit Schwammtechnik begelbte Wände. Ob ich nach meinem Besuch nur noch rosarot denken könne, hatte ich zuvor noch gescherzt. Ich betrete den Ladenraum mit den Yoga-Klamotten – „energetisierte Wellness- Bekleidung“ – und da dreht sich meine ironische Abwehr in ihr Gegenteil: Es plätschert und plärrt aus einem Radio ein ganz gewöhnlicher Popsender. Damit, denke ich mir, zu meiner Überraschung fast entrüstet, hat sich das Geschäft selbst entlarvt.

Über nie von mir je zuvor betretene Wege quere ich anschließend nach Westen, zwischen unerwartet steilen Hängen hindurch, an nie zuvor von mir betrachteten Kirchtürmen vorbei, der Regen spannt die Dämmerung bereits übers Land, als ich die Iller überquere und auf meiner steten Suche nach Oasen die IG OMa ansteuere: eine Art dörfliches Kulturzentrum im einstigen Bahnhofsgebäude. Züge halten hier immer noch, aber kein Bahnbediensteter hat hier Aufsicht oder verkauft gar Karten, und der aushängende Fahrplan markiert ganz andere Zeiten: Wochenmarkt, Dorfcafé und Feierabendtreff, Vorträge, Konzerte und alternative Filmvorführungen, Backzeiten für den Brotofen – nur nach Anmeldung -, afghanische Küche von Geflüchteten, Handarbeitstreff, Gemeindepolitik …

Ein befeuerter Bullerjan, ein Regal mit Weinsortiment, Cafétheke und Kuchenstücke, einer gibt Würstchen in heißes Wasser, die Menschen duzen mich. Der Macher, ein waschechtes Nordlicht, das in seinen Salzwassersang immer dann ein sehr südliches „griaß di“ einflicht, wenn ein weiterer Mensch hereintritt. Und ein Glaziologenpaar der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, das einen Vortrag halten wird über seine Arbeit und die weltweite Entwicklung der Gletscher und ihre Folgen. „Früher wusste ich nicht, wie man Gletscher schreibt, und jetzt bin ich selbst einer“, scherzt der Macher rätselhaft.

Welches Nichts, denke ich mir während des Vortrags, wir als Individuen in diesem Universum doch sind. Wir könnten getrost sofort aufhören, uns über alles mögliche aufzuregen, was uns widerfährt; es ist – vom Mond aus gesehen, ach was, vom drittnächsten Dorf aus betrachtet – vollkommen bedeutungslos. Und wie wir als Spezies in unserer Raubgier gleichzeitig einen ganzen Planeten – zumindest Abertausende seiner Lebensformen, uns selbst früher oder später eingeschlossen – in den Untergang treiben. Ungeheuerlich, unvorstellbar, dass die Politik und, ja, wir alle – du, Sie, ich – nicht viel mehr Konsequenz üben angesichts dessen, was so offensichtlich ist. Und ich steige in das Fahrzeug mit dem Verbrennungsmotor, das mich zum nächsten Ort tragen wird und gebe Gas und überhole eine lahme Ente auf der Autobahn und fühle mich schizophren.

Als ich in der Blues Jam Session ankomme, bringe ich Müdigkeit mit. Von unserem Tisch aus haben wir eine schlechte Sicht auf die Bühne. Die anderen stehen immer wieder auf, um hinüberzuschauen zu den Musikern. Ich aber merke, wie mich eine unsichtbare Schere aus der Szene herausschneidet, eine Hand mich diesem Ort entrückt. Fremd das Lachen an den Tischen, merkwürdig der Biss jenes Mannes in die belegte Seele, irritierend die Bewegungen des Paares, das sich zu einem Turner-Hit zum Tanz vor die Musiker schiebt, befremdlich die Gesten des Sängers, die Tätowierungen der Sängerin, die sich mir immer gleichförmiger zu wiederholen scheinenden Blues-Phrasen. Mag sein, dass mich Jazz länger gehalten hätte oder auch Black Sabbath oder Johann Sebastian Bach, vielleicht auch nicht.

Ich stehe auf und gehe hinaus in die Nacht, vorbei am Grab meines Großvaters, von einer Plane abgedeckt, so wie die Kirche eingerüstet ist, hinüber zu dem stillen, leeren, dunklen Platz unter den winterlichen Kastanien und setze mich wieder einmal in mein Fahrzeug und ziehe die Zugbrücke hinter mir hoch.

Allgäu_Winter

Foto: Oliver Storz

P.S. Er ist wieder da, das freut mich sehr: https://waldundhoehle.wordpress.com/