… und glühen, so sehr es nur geht!

Es gibt ein Kleidungsstück, das wie kaum etwas anderes für Glück, für das gute Leben steht. Man nehme eine alte, rissige Jeans und schneide sie – möglichst nachlässig, vielleicht schief mit einem Küchenmesser – unter den Knien ab. Je öfter die Hose bereits geflickt wurde, desto besser. Jeder neue Riss im Stoff ist zu begrüßen. Fransen hängen herab, manchmal fallen sie aus wie die Federn eines Vogels. Die gute Zeit, das gute Leben ist dann, wenn ich diese Hose – und möglichst: nur diese Hose – tragen darf. Wenn es nach mir ginge, dürfte das einen ganzen Sommer lang sein oder auch eine Ewigkeit – den Ewigen Sommer, einem zeitenthobenen Glück voller Wärme, das wir lachend, frei, mit kupferfarbenen Schultern durchstreifen. Ein Traum vom verlorenen Paradies und zugleich Erinnerung an eine Kindheit, wie ich sie so vielleicht gar nicht hatte.

Heiß die Sonne am Morgen schon im Frankenlande. Verschwenderisch die Landschaft und sonnenvoll: Getreidefelder, warme Hügel, üppige, süße Kirschen in unendlicher Fülle – ich denke an die kleinen, sauren Früchte meiner Großmutter im Allgäu, überhaupt das Allgäu in seiner ganzen Unterkühltheit ein einziger Kontrast dazu. Vor zehn Uhr morgens nehmen wir bereits den ersten Schluck Bier im Garten einer jener fränkischen Kleinbrauereien, aber das lassen wir dann schnell wieder, denn Alkohol und Ausschreiten, das geht nicht gut zusammen. Der Gesang der Grillen begleitet uns zwischen den schmucken Dörfern – Sandstein, Fachwerk, am Ortseingang ein Schild mit allen wichtigen Terminen: Johannisfeuer, Kirchweih, Erntedank -, eine Steige im Wald, dann wieder das Gold der Äcker. Mittags schließlich ein stählerner Glanz in der Luft. Ich frage mich, ob der Hochsommer 1914 auch diesen Glanz hatte und die Menschen zu der wahnsinnigen Vorstellung verleitete, der ausbrechende Krieg sei nichts als ein reinigendes Gewitter.

„Der Sommer geht“ heißt ein Roman, der mich damals mit 16 sehr beeindruckt hatte. Und es liegt ja im Glück jedes heißen Sommertages bereits der Stachel seines Endes. Lachen oder weinen? Die wärmsten Wochen stehen uns noch bevor, die Küche duftet nach Olivenöl, Weißwein, Knoblauch und Thymian, es ist gen Mitternacht und noch immer warm. Also lachen – lachen und genießen! Das Morgen und die Vergänglichkeit des Sommers vergessen und glühen, so sehr es nur geht!

Mit Dank an Benjamin R.

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Reich

Einer in Feuerwehruniform rennt die schmale Straße herab, er kommt zu spät von seinem Hof. Unten im Dorf sammeln sich bereits Trachten und Ehrenuniformen und Paradesäbel für die katholische Prozession. Später rollt der Donner der Fronleichnamsböller über den Bregenzer Wald. Da sind wir bereits 1000 Meter höher in einer anderen Welt.

Die Kühe tragen Hörner, das ist das Erste, was aufällt. Sie dürfen noch ihre in ihnen angelegte Form verkörpern. Wie verkrüppelt und unvollkommen eine enthornte Kuh aussieht, wird einem erst wieder bewusst, wenn man diese Tiere auf einer Alpe oder einem Demeter-Hof in ihrer eigentlichen Erscheinung sieht. Das Zweite ist die Zäunung. Nicht auf ein Feld gebannt hat der Bauer die Tiere, sondern seinen Weiler zum Mittelpunkt des Weidelandes gemacht. Zwischen den Höfen stehen, schlendern die Rinder, grast ein Kalb. Dieser Schönheit können auch die Kuhfladen vor der Haustüre nichts anhaben.

Schwül lastet die Luft an diesem letzten Maientag auf uns. Im Wald ist es noch kühl, der Steig rutschig, und trotzdem drückend feucht. Schweiß kostet jeder Höhenmeter. Als wir aus dem Wald treten, zwischen letzten Schneeresten, werden Luft, Auge, Herz leichter, lichter. Der Blick weitet sich in alle Richtungen: Bodensee, Alpenvorland, Allgäuer Alpen, Vorarlberg, Säntis. Tief in den Bergen nur Wolken, Fels und Schnee. Wir haben gut daran getan, uns am Rand zu halten. Über den Kamm ziehen wir in Schwüngen nach Westen, zur Rechten des Grates fallen die Höhen steil ab, nach Süden schwingt sich die grasbewachsene Flanke ins Tal. Die Wiesen ein Blütenmeer: Rote Lichtnelke und Bergbaldrian, blauer und gelber Enzian, Ehrenpreis in Blasslila und das Hellblau des Vergissmeinnicht, Weißer Hahnenfuß und gelbe Alpen-Kuhschelle. Wie entsetzlich trist die Wiesen zuhause, von vielfacher Mahd verödet – grüne Wüste.

Fast ist es Neid, was die Flasche Bio-Radler weckt, die einer aus dem Rucksack zieht. „Ich hatte mir auch überlegt, ein Bier mitzunehmen“, kommentiert unser Wahlschweizer. „Und du wolltest dich nicht outen?“ „Ich dachte, ich nehme lieber Gras mit.“

Besser als jedes Radler schmeckt unten auf der Alpe das Glas Rohmilch: urwüchsig, satt und fett. Das Risiko von Krankheitskeimen kümmert mich in diesem Augenblick nicht, denn so gut schmeckt Milch nirgends mehr. Arm, wer diesen Geschmack nicht kennt, sinne ich über dem leeren Glas. Und wie viele Jahre lang hatte ich als Kind, als Jugendlicher bei den Nachbarn die Milch geholt und die Kanne auf dem Heimweg bereits angesetzt und war nie krank geworden?

Über der Nagelfluhkette zwei Täler weiter Gewitterwolken und dann Blitz und Donner. „Mama, los! Mama, auf, es regnet!“, schreit ein nicht mehr kleiner Junge fast panisch vom Spielplatz her und wir können nicht anders als zu lachen. Das Gewitter ist weit und Regen ist wahrlich nicht das, was er zu fürchten hätte.

Später dann hinunter in die bewaldete Schlucht, über eine überdachte Balkenbrücke und an ihrer Flanke hinab an den Bergfluss. Ein Gumpen zwischen den rundgeschliffenen Steinen, er ist groß genug, dass wir alle zusammen ins Wasser steigen, sogar einige Züge schwimmen können. Das Wasser ist erstaunlich warm. Ein paar Tage zuvor tauchte ich in den Bergbach drüben an der Nagelfluhkette und zählte die Sekunden – eins, zwei, drei -, die ich die fürchterliche Kälte ertrug, bis ich mich wieder aus dem Bachbett erhob, brennend vor Kälte und mein Leib ein einziger Lebensschrei, so dicht, so echt, so wahrhaftig.

Bei jeder Bergwanderung in ein Gewässer zu steigen, das habe ich mir vorgenommen für dieses Jahr. Denn ich will reicher sein.

Winterstaude_Bregenzer Wald_Alpen_Wanderung_Berge

Drehrichtung

Die Füße fest, fest im Boden verankert. Das ist die Grundlage allen Tuns: kein Weichen, kein Kippen, kein Aufbegehren der Zehen. Ich spüre jeden Fluchtversuch im Knöchel, den ich am Ostermontag verletzt. Die Beine also parallel, die Füße verwurzelt, gehe ich, das kühle Gewicht auf den Schultern, langsam in die Beuge der Knie, verharre zwei Augenblicke und strecke mich in einer geraden Linie wieder nach oben. Bald rinnt mir der Schweiß die Schienbeine hinab, das Herz hämmert, Muskeln brennen. Mit der Langhantel wuchte ich mich aus der Latrine, in der ich mich morgens fand, einem kleinen neurologischen Ungleichgewicht vielleicht, das ich nun flute mit den süßen, heißen Stoffen aus meinen Zellen, Botenläufern des Glücks im eigenen Kreislauf.

Ich habe noch nie eine Herleitung begriffen, warum wir in der besten aller möglichen Welten lebten. Recht besehen aber haben wir es fantastisch. In der Mittagspause sitzen wir an einem Tisch im Garten, der Himmel über uns halb Sonnenschein, halb Haselzweige. Die Nachbarskatze kommt vorbei, in der gelben Suppe ein Geschmack von Ananas. Wir versuchen uns ein bisschen in Spanisch und lachen mehr, als dass wir lernen.

Es ist eine interessante Taktik: Die Verkäuferin geht vom Sie über zum Ihr (fast drehe ich mich um: Ist da noch jemand?) und wechselt schließlich zum Du. Mir kommt es einstudiert vor, aber ich mag mich täuschen. Besser kann ich mit dem schwäbischen Seniorchef, der mich auf dem Rad über die Teppichbahn schickt – „links herum, wenn Sie rechts herum fahren, kommt es auf Bayern 3“ – und dann, als ich es tatsächlich schaffe, entgegen seiner Anweisung in die falsche Richtung zu starten, sehr trocken meint: „Jetzt fährst du doch rechts herum.“ Und ich hatte mich für einen intelligenten Menschen gehalten.

Allgäu_Hochgrat_Voralpen_Frühling

Die Hohe Schulter

Oben auf der Kuppe steht, am Ende des Asphalts, ein Auto, die Scheiben halb heruntergelassen, Licht und Wind ausgesetzt. Der dicke Mann im Wagen mustert mich aus den Augenwinkeln, aber den Blick erwidert er nicht, also grüße ich nicht. Der dicke Mann schließt seine Augen und döst, in seinem Auto auf der Höhe, auf der Scheide zwischen dem östlichen und dem mittleren Allgäu.

Die Hohe Schulter ist eine markante Erhebung, markant deshalb, weil nicht von Fichten überzogen wie ihre Fortläufer nach Norden und Süden. Die Hohe Schulter ist von Gras bewachsen und auf ihr die Kronen zweier üppiger Laubbäume, aus der Ferne schon zu sehen. Sie ist eine jener Landschaftsmarken, die auf den ersten Blick schon zu Sehnsuchtsorten werden, locken, verzaubern, Geheimnis und Versprechen zugleich.

Ich weiß nicht, ob ich mich traurig, lächerlich oder aber erhaben fühlen soll, als ich die Höhe besteige und irritiert meine überflüssigen Pfunde spüre. Hatte ich das nicht ändern wollen? Bringe ich überhaupt irgendetwas zu Ende, das ich angehe?

Wind rauscht, Grillen zirpen, die Alpenberge im Süden sind halb verborgen von um die Schultern geschlungenen Regenmänteln. Unter mir der matte Spiegel des Notzenweihers, birkenumsäumt. Aus der Nähe ist sein Moorwasser braun, auf der Wiese davor hatte ich mir einst einen meiner schlimmsten Sonnenbrände geholt in jener Woche, in der ich alle sechs Bände „Durch die Wüste“ zum zweiten Mal gelesen, wie von Sinnen in mich aufgesogen hatte, um danach nie wieder ein Buch von Karl May in die Hand zu nehmen. Drüben dann, im Osten, der Auerberg, eine weitere markante Höhe, noch ein Sehnsuchtsort, am Rande des Allgäus, die Schatten dahinter liegen bereits im Lechrain, im Pfaffenwinkel.

Ich drehe mich um, passiere das Auto auf der Höhe und vor mir öffnet sich das Illertal. Cumuluswolken türmen sich himmelwärts. Andere, grauere Wolken zerteilen das Licht der Sonne in Strahlenfächer. Dächer leuchten auf drüben im Westen. Ganz nah das Auf und Ab des Sträßchens, über das ich heraufgekommen bin. Als ich ein Kind war, brachte meine Mutter über diese Straße Wolle zum Kardieren, zum Kämmen, um sie fürs Spinnen bereit zu machen. Wo damals die Weberei zwischen den Hügeln lag, steht nun ein Schild „Kunstakademie Allgäu“. Die Felder blütenloses Grün, die Kühe enthornt, Windräder da, da, da.

Ich folge einem Pfad über den Hügel, an Bäumen und Bänken und Blumen vorbei. Ich suche etwas, suche einen Ort, um ihn anderen zu schenken. Ich finde ihn nicht, mache kehrt, gehe über den Wiesenpfad zurück, an dem Auto vorbei, den Feldweg hinab, dem Wind vornweg. Die Eschen, wird mir da erst bewusst, vor vier Wochen noch kahl, stehen da in Fülle.

Der Semmelkrieg

„Eine Butterbreze, bitte“, bestellte ich kürzlich. Aber was als solche ausgeschrieben war, beinhaltete genau das nicht. Da war keine Butter drauf. Sondern ein Butterersatz, irgendeine fade Margarine.

Bis dahin hatte ich Butterbrezen für das letzte Refugium gehalten, wo eine Bäckerei noch Butter aufs Gebäck streicht. Belegte Semmeln gibt‘s ja meist nur noch mit einer Fertigremoulade, und zwar nicht nur in sogenannten Backshops und anderen Abfüllstationen. Sondern auch in Cafés, die damit werben, sie ihr Brot und ihre Kuchen noch selber machen. Kommt also statt der Butter eine Remouladenpampe drauf, die ich mir nie im Leben kaufen würde. Und das auch – ein Blick durchs Fenster genügt – in einer Region mit Grünlandwirtschaft, sprich Milchkühen.

Der Grund für die Remoulade kann nur ein ökonomischer sein (lässt sich leichter streichen, wird nicht so schnell ranzig) und kein gesundheitlicher (da möchte ich bittesehr erst einmal die Zutatenliste der Remoulade sehen) und auch kein kulinarischer (nein, wirklich nicht). Übrigens, mit vegan hat es auch nichts zu tun. (Was war da nochmals alles in der Zutatenliste?) Liegt ja auch noch eine Scheibe Käse drauf, und der ist natürlich auch vorgeschnitten aus dem Plastik geholt und nicht vom Bergkäse einer regionalen Käserei gehobelt. Und der Weizen? Ein hochgezüchtetes Produkt, das viel abwirft, aber nach nichts mehr schmeckt.

Bitte, ich möchte einen Semmel, der auch ohne irgendetwas drauf gut und unverwechselbar schmeckt (ja, das gibt es – ich erinnere mich an eine kleine Stuttgarter Bio-Bäckerei, in der die rund zehn Sorten von Weckle alle ihren jeweils ganz eigenen, unvergleichlichen und guten Geschmack hatten) und an gscheiten Käs und drunter echte Butter von Hörnerkühen. Teuer? Nein: Teuer finde ich, für Nahrungsmittel zu bezahlen, die keinen Geschmack mehr haben.

*

Über den Felsen gischtet das Wasser weiß auf. Unterhalb schimmert der Fluss in einem blassen Blaugrün, stromaufwärts aber in einem milchigen Grün, das an bestimmte Schieferarten erinnert. Im Schatten spannt sich noch Eis über die Pfützen, die Wange wärmt die Sonne schon. Am Wegesrand Standbilder von Johann Nepomuk, dem Schutzheiligen der Flößer. Die Suche nach Beistand war erklärlich: „ertrunken in den reißenden Wellen des Lechs“ war ein geläufiger Vermerk. Die letzten Flößer fuhren 1914, zwei Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den Fluss hinab, Holz nach Augsburg zu bringen, manchmal noch weiter: Regensburg, Wien, Budapest. Heute ist der Fluss gebändigt. Der Marsch auf dem Lechdamm macht wenig Freude.

Zumindest ein wenig wilder darf sein Zufluss am Fuß der Berge sein. Kommt man über den wundersam warm wirkenden Buchberg herab, durch den Weiler mit dem an diesem Tage so passenden Namen Ostern hindurch und dann in einem Bogen erst in den Wald und dann zum Fluss hinunter, dann könnte man dort vermuten, das Gewässer sei ungezähmt dem Gebirge entsprungen. Hand und Seele tauchen in die Klarheit des rauschenden Wassers. Und es hätte nicht viel gefehlt, und die Füße wären ihnen gefolgt an diesem 2. April.

*

In Wirklichkeit geht es natürlich nicht um einen Krieg gegen die Brötchen. Sondern, viel umfassender, gegen unseren guten Geschmack.

Halblech_Fluss_Allgäu_Ostallgäu_Frühling

Ganz als wäre es Ostern

„… und zu wandern, weil er das als das Richtigste und seinem unzufriedenen, zweifelvollen, ja gequälten Zustande Angemessenste empfunden hatte.“ (Thomas Mann, Joseph und seine Brüder)

Unterhalb der Steilwand bricht der Fluss durch die Hügel, Gänse rufen aus der Tiefe, jenseits verstreut ein paar Höfe namens Sack, Loch und Graben. An ihnen waren gewiss auch die schwedischen Landsknechte vorübergezogen.

Die kleine Hand an meiner, Trompetenduette, morgens Warten auf das Licht. Schnee, Regen, ein Streifen Blau und schon wieder zerhaut es alles, ein Wetter, ganz als wäre es Ostern.

Ostern_Osterei_Naturfarben

Das Leben will

An einem solchen Tage entfällt jeder Grund zum Schreiben. Das erste frühlingshafte Sonnenwochenende dieses Jahres, die erste Biene, die durchs Fenster fliegt. Stundenlanges Dahinziehen über Hügel, den wintermüden Füßen Auslauf geben, stundenlanges Sitzen in Gärten, in Gesellschaft oder mit einem Buch, Vogelsang und Bergblick, gemeinsame Gipfelpläne, Handwerkermarkt, Kuchen, aber die Liebe. Da, Schneeglöckchen! Endlich ist der Vorfrühling Fakt. Ein Dompfaff wäscht sich, seine Gefährtin wirbelt das Wasser silbrig auf. Der Onkel schleift das Bogenholz, „ein krummer Hund“. Marc Moulin, Placebo Sessions im Sonnenuntergang. Das Gesicht glüht von der Ernte des Tages.

Leben als Glück – auch das ist möglich.