Tauwetter

Es apert. Morgens, da trägt die Schneedecke. Später am Tage aber verwandelt sich die Oberfläche in einen sulzigen Brei und der Fuß bricht durch die noch feste, aber nicht mehr tragende Schicht darunter. Noch ist das Allgäu schneeweiß, aber von den Rändern her – an Waldsaum und Südhängen – breitet sich der Vorfrühling aus und gibt in diesem Jahr zum ersten Mal Gras und Erdreich dem gierigen Auge preis. Sonnseitig tropft Schmelzwasser von den Dächern und Vögel hört man wieder pfeifen, die ersten Stare sind zurück von jenseits der Alpen.

Der Weg zum Haus meiner Ahnen ist noch immer eine vereiste Fläche. Mit einer Stoßscharre hacke ich schattseitig einen Pfad frei, um der Großmutter das Gehen zu erleichtern, ein Stück weit zumindest bis knapp vor den Briefkasten, bis die Hand schmerzt. Dann gehe ich auf die Sonnenseite hinüber und finde dort, am anderen Seite des Grundstücks, einen trockenen Streifen zwischen Schneeflächen und der Haselnuss, die schon anschwillt, um bald ihre Pollen freizugeben. Dort breite ich ein Handtuch aus, ziehe mich aus, strecke mich. Wie mein Körper nach den Küssen der Sonne giert! Es ist Mitte Februar und ich liege nackt im Licht, die Berge im Blick.

Später, nach Kässpätzle und Mohnkuchen, verstaut der Onkel zwei große Stücke Bergkäse in seinem Trompetenkoffer, gleich Schmuggelgut auf seiner Rückfahrt ins ferne Berlin. Der Abendhimmel dann eine Palette von Pastellfarben und ein Versprechen für den nächsten Tag.

10 Gedanken zu „Tauwetter

      1. franhunne4u

        Man kann auch mitten in Hannover, sobald die Motorflut abebbt, Vogelstimmen und Kinderlachen hören. Und wenn man sich entfernt von einer Straße aufhält, wie bei uns im größten Stadtwald Deutschlands, auch zu den anderen Zeiten.

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      2. zeilentiger Autor

        Der größte Stadtwald Deutschlands? Das ist ja toll! Alles, was ich von Hannover weiß, ist ein Klischee. (Gut, und ein paar Einblicke aus deinem Blog, versteht sich.)

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  1. Herr Ärmel

    Versprechen an vielerlei Orten zu dieser Zeit.

    Nicht bloss die Stare; grosse Kranichschwärme überflogen das Bembelland bereits. Beim sonntäglichen Spaziergang überraschten uns die Stare und im Ärmelgarten zeigen sich erste Anzeichen neuen, kommenden Blühens.

    Herzliche Grüsse, Herr Ärmel

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    1. zeilentiger Autor

      „Versprechen an vielerlei Orten“ – o Herrlichkeit.

      Kraniche über dem Bembelland … Ihre Heimat, lieber Herr Ärmel, ist doch reicher als die Grünen Hügel hier.

      Genießen Sie, genießen wir weiter diese Zeit!

      Herzliche Grüße
      vom Zeilentigerschreiber

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    1. zeilentiger Autor

      Lieben Dank! („Apern“ habe ich, obgleich es im hiesigen Dialekt durchaus verwendet wird, erst über den Schweizer Schriftsteller Franz Hohler für mich entdeckt. So kommt man manchmal über die Ferne erst zum Eigenen.)

      Herzlich grüßt Holger

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