Archiv für den Monat Januar 2019

Getragen

In die gleißende Helle hinaus. Bei Minusgraden barfuß und im T-Shirt in den funkelnden Schnee für ein paar Fotos. Mir frieren allein schon die Finger an der Kamera. Zum Glück ist nicht Instagram der Anlass für die Bilder, das würde ich ja im Leben nicht aushalten.

Dann, wieder beschuht, einige Schritte den Horizont hinauf. Niemand war vor uns auf dem Schnee, unberührt bis auf die Fährte eines Fuchses, die wir kreuzen. Manchmal trägt der Harsch – ein Knirschen unter den Stiefeln wie das geduldige Krümeln von Keksen , ein erhebendes, eben tragendes Gefühl, als könne man über Wasser gehen. Ein Wunder jeden Winter wieder.

Und manchmal trägt der Harsch nicht und die Füße krachen durch die Platten. Das ist dann kein Kekskrümeln mehr, sondern der Biss eines Tyrannosaurus Rex durch ein Iglu hindurch. Wehe seinen Bewohnern.

Schnee_Winter_Allgäu_Harsch_Licht_Spuren

 

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Unten am Fluss

„Ich gehe lieber in Schweigen“, lehne ich das Angebot freundlich ab und drehe mich in die entgegengesetzte Richtung für meinen Spaziergang.

Manchmal glaube ich, in Worten zu ertrinken – in Worten, Stimmen, Reizen. Vor einem blinkenden Deckenlicht schließe ich die Augen, ein schneller Filmschnitt verursacht mir Übelkeit und nachdem ich in einem fremden Bad nach einem gewöhnlichen Duschgel gegriffen hatte, musste ich mich anschließend augenblicklich nochmals duschen, weil es mir vor dem Geruch auf meiner Haut so sehr ekelte.

Vielleicht bin ich deshalb aus der Stadt aufs Land zurück, was mir nur wenige Jahre zuvor noch als unmöglich erschienen wäre. Zurück also aus jenem Kosmos aller Möglichkeiten, dem Leben unter Strom, den nie ruhenden Verschiebungen von Menschen, Dingen, Informationen, Energie, den harten Flächen aus Asphalt und Beton, jede Kante ein Angriff auf mich.

Manchmal möchte ich nichts als Flöte spielen unten am Fluss.

Das Leuchten des Wassers

„Ich nahm das Wasser, trank es; es war köstlich und leuchtete, wie auch das Glas in meiner Hand.“ Wie Ernst Jünger seinen Opiumrausch beschreibt, so müsste das Leben doch solche Momente auch ohne Rauschmittel schenken, nicht immer, das wäre zu viel verlangt, aber immer wieder. Das nennte ich Lebenskunst. Stattdessen das verhasste Gefühl, nicht zu genügen.

Für den Schnee ist kein Platz mehr, es bleibt nur, ihn mit der Schaufel die Böschung hinaufzuwerfen. Das Handgelenk schmerzt von Stunden windumtost auf deinem Dach, das ich von kniehohem Schnee befreite, der Horizont gleich drüben auf dem Feld ein wirbelndes Weiß, Vorboten eines Sturms. Der Rotz lief mir aus der Nase, langsam sickerte die Nässe durch das Leder der Bergstiefel und das Herz erzitterte vor archaischer Lust. Das Gestern.

Nun schmerzt das Handgelenk, das Frühstück misslingt, der Fluss des Vorabends ist versiegt und ein Mensch ist nicht im Reinen mit sich selbst. „… ständig das Gefühl zu haben, nicht zu genügen, als ob ich scheitere, aber nicht so ganz weiß, warum“, lese ich auf dem Display und ich weiß, wie er sich fühlt.

Es pfeift ums Haus, dem Westwind ausgeliefert, der Schnee wird schwer, die Straße trügerisch, dann kommt der Regen. „Falling Down“, der Widerstand der Ohio-Indianer – Shawnee, Delaware, Mingo im Frontierkrieg -, ein Zitat von Handke, ein Geburtstagsbesuch, einen zweiten schon im Vorfeld abgesagt, ein letztes Mal für heute die Schneeschaufel in die Hand, das Buch von Onetti lege ich weg, zu sehr beunruhigt es mich, also Ernst Jünger, wie bieder der Grabenkämpfer doch sein konnte, also doch lieber wieder Peter Handke?

Dann dreht sich der Schlüssel im Schloss, sie tritt ein und alles ist Vertrauen.

 

Die grüne Hölle

Hinein in die Provinzstadt, an der Höhe vorbei, wo vor 2000 Jahren römische Verwaltungskräfte ihre Villen gebaut haben, als der Ort tatsächlich für einige Jahre Provinzhauptstadt war, heute aber Möchtegernmetropole der „Grünen Hölle“, wie ein Schriftsteller einmal das Allgäu genannt hat, ein hiesiger, und das darf und muss er ja auch sagen, sonst wäre er nicht Schriftsteller, sondern Panegyriker.

Ein paar Flocken fallen, an der Einfallsstraße meterlange Eiszapfen, trotzdem Tauwetter, zumindest sackt der Schnee zusammen. Bücher sind gegangen, andere kommen schon nach, es ist, rede ich mir ein, das Ideal, nicht eine stetig größer werdende Sammlung aufzubauen, sondern eine immer bessere, treffendere, mir angemessenere Auswahl an Büchern zur Hand zu haben. Das ist selbstredend ein Prozess, der nie aufhört, solange man lebt, sich bewegt.

Die weltbeste Butterbreze – sie gehört zur Habenseite der Möchtegernmetropole der Grünen Hölle – lasse ich links liegen. Bis zum Ende des Monats werde ich kein Getreide essen. Dampfig ist es in dem Café, obwohl, vielleicht auch nur warm, die Scheiben sind nicht beschlagen. Es läuft zu einem Brei unkenntlich gemachte Hintergrundmusik, sie bedrängt mich, lieber wäre mir, nur das Stimmengewirr und die klirrenden Gläser und den Schlag des Kaffeelöffels an Keramik und das Stapeln der Espressotassen zu hören.

Wie schön war doch die Stille, als ich morgens die Augen nach der Meditation öffnete. Die Verschmutzung unserer Welt findet auf unzähligen Ebenen statt, denke ich mir auf meinem Barhocker und schaue hinaus.

Ich nehme den letzten Schluck und mache mich auf, ein Dach von Schnee zu befreien. Das aber ist eine andere Geschichte.

Weiß

Am Abend wieder ein paar Bücher aussortiert. Ein Bedürfnis, alles leichter zu machen, weg, weg, weg. Raum schaffen für Neues, das muss es wohl sein, denn für eine Planung hin auf den Tod ist es zu früh.

Gehe ich nochmals in den Hof hinunter, um Schnee zu schaufeln? Ein Blick aus dem Küchenfenster zeigt, es würde sich lohnen. Was ich jetzt noch in der Nacht wegschaffe, wird morgen Früh nicht zur Last. Über dem First krängt, vom Westwind getrieben, der Schnee, löst er sich, wird er hinabstürzen auf das Auto – vorhin noch rot, schon wieder weiß –, woran ich nie denke, wenn ich aus dem Fahrzeug aussteige, froh, den Berg wieder einmal hochgekommen zu sein. Es ist, so betrachtet, doch tapfer, dieses kleine Ding, dessen Entwickler von Sommer in Burgund geträumt haben mögen.

Der Schnee verändert alles: Tagesrhythmen, Raum und Zeit, Innen und Außen, wird Gefahr, wird reinste Schönheit. Morgens schaute ich hinaus, auf die erstarrten Wälder, auf das schwarze Blank des noch frei fließenden Baches, die Weichheit eines jeden Lautes unter dem Fall der Flocken, das Schimmern im Licht, die Klarheit des Atems.

Die Eschen singen nackt im Eis.