Archiv für den Monat Oktober 2018

Ein Satz Berlin

Von Alt-Treptow hinein nach Mitte spaziert, benommen noch und mit plötzlich doch wieder schmerzhaft reibenden Waldviertlerschuhen, verunsichert vorbei an den schwarzen Dealern im Görlitzer Park, Boten einer anderen Welt, jenseits wieder auf die Straße, gleich nach dem zersprungenen Waschbecken auf dem Trottoir das Werbeschild vom Allgäuer Büblebier, das ist doch pervers, schreibe ich einem Cousin zuhause im Voralpenland, Dr. Oetkers Liebling, antwortet er, bald wird es das in Australien geben, über den Lausitzer Platz hinüber mit der roten Emmauskirche, gleich Bethanien, ob wohl Kloster, Schule oder gar Gefängnis, irgendwie, wollte eigentlich in einem kleinen Café in einer der Altbaustraßen frühstücken und habe die Gelegenheit dann doch verpasst, vorbei am Heinrich-Heine-Forum mit Aldi Nord, wo ist deine feinsinnige Kultur hin, o Deutschland, und dann die Wohnsiedlungen an der St. Michael-Kirche mit ihrem orientalisierenden Dach, oder auch umgekehrt, das weiß ich nicht mehr, jedenfalls ein ganz anderes Berlin mit der Annenstraße, Denn’s und Alnatura immerhin, sonst aber auch nichts, und dann plötzlich, früher als erwartet, auf der Museumsinsel, den Kopf gereckt zu den Baugerüsten um das Berliner Schloss, als könnte ich nicht glauben, wie hoch und weitläufig dieses Gitterwerk aus Fluchten und Treppen ist, das Neue Museum noch zu, hat sich eigentlich eine Kultur mit einer ganzen Museumsinsel nicht bereits überlebt, frage ich mich, vorbei an der Theologischen Fakultät, wo ein Seminar stattfindet hinter Glasscheiben, als wäre es ein Versuchsfeld, ein Studienobjekt vor den Augen der Passanten, ein Blick auf über Gott spekulierende Säugetiere in schwarzen Rollkragenpullovern, und daneben die Buchhandlung Walther König, deren Auslagen voller Geist und Ästhetik und Buchkunst mich schwindeln lässt – „War Rugs. The Nightmare of Modernism“ über afghanische Teppichmuster, in denen die Kampfflugzeuge und Helikopter Eingang gefunden haben zweier imperialer Mächte, die das Leben auf den Kopf gestellt haben; Erling Kagge, „Gehen. Weitergehen. Eine Anleitung“; „The Psychology of an Art Writer“; Charles Taylor, „Das sprachbegabte Tier“; „A Thirst for Empire. How Tea Shaped the Modern World“ -, da ist ein Rauschen im Kopf und Speichelfluss im Mund angesichts der Bücher, ich rette mich hinfort, und dann trinke ich meinen Cappuccino doch am Hackescher Markt wie irgend so ein Tourist.

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