Archiv für den Monat Juni 2018

Kwa heri

Wir verabschieden uns von ihm dort, wo von der Straße aus der Weg aus roter Erde in den Bananenwald hineinführt, unter den mächtigen Bäumen, die in den Himmel zu streben begonnen hatten, als sein Urgroßvater hier lebte, ein großer Krieger in jener Zeit, als die Deutschen das Land unterwarfen. Damals wurde unter diesen Bäumen den Göttern gehuldigt, jetzt versammelt uns die Ordensschwester zu einem Abschiedssegen.

Wir stellen uns in einen Kreis, zehn Hände auf den Schultern des Nachbarn. Wind raschelt in den Bananenblättern. Die Ordensschwester dankt für unsere Begegnung, bittet um die Kraft, dass wir unsere Wege in eine vielleicht bessere Welt weitergehen, dass die Liebe und die Achtung zwischen uns bewahrt bleibe.

Dann verabschieden wir uns von ihm, ich spüre, wie sich das Brillenetui in seiner Hemdtasche gegen meine Brust drückt und ich ihn, den ich erst seit wenigen Tagen persönlich kenne, vermissen werde. Seinen unerschöpflichen Humor. Seine Gelassenheit. Seine zutiefst afrikanischen Ausrufe „ah-haaa!“, „ihhhhh!“, „ehhhhh!“. Seine Gabe, zwischen Sprachen, Kulturen, Interessen klug übersetzen zu können. Seine Entschlossenheit, in einer Zeit, als er sich bereits auf den Hof seiner Vorväter – ihre Gebeine liegen zwischen den Bananenbäumen und Kaffeesträuchern – zurückgezogen hat, nochmals einzusetzen für das langjährige, nun schwankende Projekt, von dem doch die Menschen, die Böden, die Umwelt profitieren.

Ich erwarte nicht, dass wir uns noch einmal wiedersehen werden. Als wir ihn zwischen den Bäumen zurücklassen, steige ich ganz hinten im Auto ein. Ich möchte nicht, dass, während zuerst er zwischen den im Wind schwankenden Blättern verschwindet, dann die heiligen Bäume, schließlich die rote Erde Afrikas zurückbleiben, jemand meine Tränen sieht.

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Fieberträume

Um halb 11 Uhr eines wolkigen Frühsommerabend gehe ich zu Bett. Später in der Nacht erwache ich, weil der Mond so unerwartet krass ins Zimmer scheint. Als ich das nächste Mal erwache, zeigen die Leuchtziffern genau Mitternacht, der Himmel ist wolkendunkel und ich traue meinen Augen nicht. Unmöglich können erst anderthalb Stunden vergangen sein, seit ich mich schlafen gelegt habe. Es fühlt sich nach sehr viel mehr Zeit an. Und umöglich konnte der Nachthimmel in so kurzer Zeit mehrmals so stark gewechselt haben. Die Realität wirkt sehr dünn und brüchig in diesem Moment. Ich schaue auf die Uhr und die letzte Ziffer springt von der 0 auf die 1 und ich weiß nicht, ob mich das beruhigt oder mich vielmehr gerade beunruhigen sollte, weil die Uhr – die falsche Wirklichkeit – begriffen hat, dass ich beunruhigt bin und mich nun mit dem Wechsel der Minutenanzeige, diesem Ablauf scheinbarer Normalität, beruhigen, in Sicherheit wiegen will. Dass da das Fieber bereits zum Angriff angesetzt hat, wird mir erst am nächsten Tag klar.

Früher hielt ich Afrika für den Kontinent der Verheißung. Als in der dritten Klasse eine Schulstunde ausfiel, wurden wir zur Handwerksstunde der Parallelklasse gesetzt und sollten ein Bild malen, irgendetwas Langweiliges, durch und durch Banales aus dem Lebenskreis eines Drittklässlers, vielleicht das Lieblingsspielzeug oder die Geschwister oder ein Haustier. „Darf ich auch Afrika?“, fragte ich, erhielt ein Ja und legte strahlend los. Das Papier füllte sich mit Bergen, Dschungel, Wüsten, Giraffen, Nashörnern, Löwen, Affen, Schlangen, Palmen, Flüssen, Eingeborenendörfern, Speerträgern, Trommeln und einem Tropenhelmforscher, ein Sammelsurium an Klischees. Später malte ich mir aus, eines Tages aus einem Boot hinauszuspringen auf einen Strand und einen heiligen Schauder zu spüren, wenn mein Fuß afrikanischen Boden berührte. Kein Flugzeug tief in den Kontinent, keine Fähre in eine dreckige Küstenstadt sollte mich nach Afrika führen, sondern Pioniertat. Die Vorstellung war furchtbar lächerlich. Heute, in den Zeiten der Migrationsbewegungen über ebenjene Strände hinaus aufs tödliche Mittelmeer und hinüber nach Europa, ist sie lächerlich und traurig. Dort war ich übrigens noch nie, in Afrika. Auch das ist bezeichnend.

Der Glaubenssatz des Inneren Kindes kann die größte Herausforderung im Leben darstellen, was – gelänge es, einen Schritt zurückzutreten – sehr komisch wäre, denn alles womit man dabei ringt, ist nichts als eine Überzeugung, geformt in einer längst vergangenen Zeit. Manche Menschen kämpfen mit sehr handfesten Herausforderungen; andere mit einem vor Jahrzehnten gespeicherten Gefühl.

Als ich, die Beine parallel, die Füße verwurzelt, das kühle Gewicht auf den Schultern, langsam in die Beuge der Knie gehe, spüre ich die letzte Schwäche des Fiebers, fühle ich das Gedankenkarussell aus Selbstverurteilungen, weiß ich, dass ich Teile dieses Satzes zitiere aus einem kürzlich erst geschriebenen Blogtext – ich verharre zwei Augenblicke und strecke mich, den Atem ausstoßend, in einer geraden Linie wieder nach oben und beginne von vorn, bis mir der Schweiß die Schienbeine hinabrinnt, das Herz hämmert, die Muskeln brennen. Als ich die Stange ablege, lege ich sehr viel mehr ab als nur das Eisen. Dann lache ich.

Morgen geht es nach Afrika.

… und glühen, so sehr es nur geht!

Es gibt ein Kleidungsstück, das wie kaum etwas anderes für Glück, für das gute Leben steht. Man nehme eine alte, rissige Jeans und schneide sie – möglichst nachlässig, vielleicht schief mit einem Küchenmesser – unter den Knien ab. Je öfter die Hose bereits geflickt wurde, desto besser. Jeder neue Riss im Stoff ist zu begrüßen. Fransen hängen herab, manchmal fallen sie aus wie die Federn eines Vogels. Die gute Zeit, das gute Leben ist dann, wenn ich diese Hose – und möglichst: nur diese Hose – tragen darf. Wenn es nach mir ginge, dürfte das einen ganzen Sommer lang sein oder auch eine Ewigkeit – den Ewigen Sommer, einem zeitenthobenen Glück voller Wärme, das wir lachend, frei, mit kupferfarbenen Schultern durchstreifen. Ein Traum vom verlorenen Paradies und zugleich Erinnerung an eine Kindheit, wie ich sie so vielleicht gar nicht hatte.

Heiß die Sonne am Morgen schon im Frankenlande. Verschwenderisch die Landschaft und sonnenvoll: Getreidefelder, warme Hügel, üppige, süße Kirschen in unendlicher Fülle – ich denke an die kleinen, sauren Früchte meiner Großmutter im Allgäu, überhaupt das Allgäu in seiner ganzen Unterkühltheit ein einziger Kontrast dazu. Vor zehn Uhr morgens nehmen wir bereits den ersten Schluck Bier im Garten einer jener fränkischen Kleinbrauereien, aber das lassen wir dann schnell wieder, denn Alkohol und Ausschreiten, das geht nicht gut zusammen. Der Gesang der Grillen begleitet uns zwischen den schmucken Dörfern – Sandstein, Fachwerk, am Ortseingang ein Schild mit allen wichtigen Terminen: Johannisfeuer, Kirchweih, Erntedank -, eine Steige im Wald, dann wieder das Gold der Äcker. Mittags schließlich ein stählerner Glanz in der Luft. Ich frage mich, ob der Hochsommer 1914 auch diesen Glanz hatte und die Menschen zu der wahnsinnigen Vorstellung verleitete, der ausbrechende Krieg sei nichts als ein reinigendes Gewitter.

„Der Sommer geht“ heißt ein Roman, der mich damals mit 16 sehr beeindruckt hatte. Und es liegt ja im Glück jedes heißen Sommertages bereits der Stachel seines Endes. Lachen oder weinen? Die wärmsten Wochen stehen uns noch bevor, die Küche duftet nach Olivenöl, Weißwein, Knoblauch und Thymian, es ist gen Mitternacht und noch immer warm. Also lachen – lachen und genießen! Das Morgen und die Vergänglichkeit des Sommers vergessen und glühen, so sehr es nur geht!

Mit Dank an Benjamin R.

Reich

Einer in Feuerwehruniform rennt die schmale Straße herab, er kommt zu spät von seinem Hof. Unten im Dorf sammeln sich bereits Trachten und Ehrenuniformen und Paradesäbel für die katholische Prozession. Später rollt der Donner der Fronleichnamsböller über den Bregenzer Wald. Da sind wir bereits 1000 Meter höher in einer anderen Welt.

Die Kühe tragen Hörner, das ist das Erste, was aufällt. Sie dürfen noch ihre in ihnen angelegte Form verkörpern. Wie verkrüppelt und unvollkommen eine enthornte Kuh aussieht, wird einem erst wieder bewusst, wenn man diese Tiere auf einer Alpe oder einem Demeter-Hof in ihrer eigentlichen Erscheinung sieht. Das Zweite ist die Zäunung. Nicht auf ein Feld gebannt hat der Bauer die Tiere, sondern seinen Weiler zum Mittelpunkt des Weidelandes gemacht. Zwischen den Höfen stehen, schlendern die Rinder, grast ein Kalb. Dieser Schönheit können auch die Kuhfladen vor der Haustüre nichts anhaben.

Schwül lastet die Luft an diesem letzten Maientag auf uns. Im Wald ist es noch kühl, der Steig rutschig, und trotzdem drückend feucht. Schweiß kostet jeder Höhenmeter. Als wir aus dem Wald treten, zwischen letzten Schneeresten, werden Luft, Auge, Herz leichter, lichter. Der Blick weitet sich in alle Richtungen: Bodensee, Alpenvorland, Allgäuer Alpen, Vorarlberg, Säntis. Tief in den Bergen nur Wolken, Fels und Schnee. Wir haben gut daran getan, uns am Rand zu halten. Über den Kamm ziehen wir in Schwüngen nach Westen, zur Rechten des Grates fallen die Höhen steil ab, nach Süden schwingt sich die grasbewachsene Flanke ins Tal. Die Wiesen ein Blütenmeer: Rote Lichtnelke und Bergbaldrian, blauer und gelber Enzian, Ehrenpreis in Blasslila und das Hellblau des Vergissmeinnicht, Weißer Hahnenfuß und gelbe Alpen-Kuhschelle. Wie entsetzlich trist die Wiesen zuhause, von vielfacher Mahd verödet – grüne Wüste.

Fast ist es Neid, was die Flasche Bio-Radler weckt, die einer aus dem Rucksack zieht. „Ich hatte mir auch überlegt, ein Bier mitzunehmen“, kommentiert unser Wahlschweizer. „Und du wolltest dich nicht outen?“ „Ich dachte, ich nehme lieber Gras mit.“

Besser als jedes Radler schmeckt unten auf der Alpe das Glas Rohmilch: urwüchsig, satt und fett. Das Risiko von Krankheitskeimen kümmert mich in diesem Augenblick nicht, denn so gut schmeckt Milch nirgends mehr. Arm, wer diesen Geschmack nicht kennt, sinne ich über dem leeren Glas. Und wie viele Jahre lang hatte ich als Kind, als Jugendlicher bei den Nachbarn die Milch geholt und die Kanne auf dem Heimweg bereits angesetzt und war nie krank geworden?

Über der Nagelfluhkette zwei Täler weiter Gewitterwolken und dann Blitz und Donner. „Mama, los! Mama, auf, es regnet!“, schreit ein nicht mehr kleiner Junge fast panisch vom Spielplatz her und wir können nicht anders als zu lachen. Das Gewitter ist weit und Regen ist wahrlich nicht das, was er zu fürchten hätte.

Später dann hinunter in die bewaldete Schlucht, über eine überdachte Balkenbrücke und an ihrer Flanke hinab an den Bergfluss. Ein Gumpen zwischen den rundgeschliffenen Steinen, er ist groß genug, dass wir alle zusammen ins Wasser steigen, sogar einige Züge schwimmen können. Das Wasser ist erstaunlich warm. Ein paar Tage zuvor tauchte ich in den Bergbach drüben an der Nagelfluhkette und zählte die Sekunden – eins, zwei, drei -, die ich die fürchterliche Kälte ertrug, bis ich mich wieder aus dem Bachbett erhob, brennend vor Kälte und mein Leib ein einziger Lebensschrei, so dicht, so echt, so wahrhaftig.

Bei jeder Bergwanderung in ein Gewässer zu steigen, das habe ich mir vorgenommen für dieses Jahr. Denn ich will reicher sein.

Winterstaude_Bregenzer Wald_Alpen_Wanderung_Berge