Ins Licht

Grau, alles grau, wahrscheinlich über Hunderte von Kilometer hinweg. Über den Alpen aber ein dünner, lichter Streifen, ein Hoffnungsschimmer. Die Richtung ergibt sich also von selbst. Licht lockt nicht nur die Motten, und so machen sich die einen in die Berge auf, um Ski zu fahren oder Schlitten und sich dabei den Knöchel zu brechen auf vereisten Hängen, andere, um ein Stück Blau zu ergattern, an einem Südhang der Voralpen zum Beispiel, der ausreichend schneefrei sein sollte für eine Wanderung, bevor – morgen, übermorgen – wieder Schnee fallen würde.

Einmal auf dem Wege bricht die Wolkendecke auf für einen Augenblick. Ein Strahlenfächer senkt sich vom gleißenden Himmel herab, als offenbarte sich ein Gott aus der Höhe. Später dann Jubel, als der Schleier ein zweites Mal reißt und alle Hoffnung bestätigt: dort oben die grasige Höhe, leuchtend in der Sonne. Als der Fußweg beginnt, ist alles längst wieder begraben. Raureif wuchert auf den Gräsern und Zweigen, streckt seine mineralischen Fühler aus, als würden die Kristalle hineinwachsen in diese Stille des Winters.

Winter_Jungholz_Voralpen

Dichter Schnee erst auf dem Waldweg. Die meisten gehen geradeaus, bleiben auf dem halbwegs freien Asphalt, wo sich gleich hinter der Kuppe eine Alpe zeigen würde. Der Waldweg hingegen macht einen weiten Bogen durch den Tann. Tief waren Wanderer im Schnee eingesunken vor Tagen, die Ränder der Löcher sind hart vereist. In der Zärte des Neuschnees darüber kaum Spuren, da ging nach dem Fall nur ein Mensch mit Hund, groß der Mensch, klein der Hund, Seite an Seite. Das Gehen wird anstrengender, der Harsch aber trägt die meiste Zeit. Ein Glücksgefühl jeder Schritt, der nicht versinkt, gehalten von einer nur halb begreiflichen Macht. Über Wasser gehen für Anfänger.

Fichten liegen dahingeschlachtet von den Winterstürmen, zersplitterte Stümpfe ragen aus dem Forstboden. Die schnell wachsenden Flachwurzler in Monokultur sind leichte Beute für Gefahren: Windwurf, Borkenkäfer, Luftverschmutzung. Mittelfristig – und wo Bäume im Spiel sind, bemisst sich „mittelfristig“ schnell in Jahrzehnten – werfen sie eine höhere Rendite ab. Langfristig würden der Bergwald und alle von ihm abgeleiteten Größen von einem gesunden Mischwald profitieren.

Eisblumen zerbrechen unter den Fingern, ich weiß nicht, ob sich im schmelzenden Eis noch die Essenz einer pflanzlichen Struktur verbirgt oder andere Kräfte die Winterkristalle so formten. Schneewehen, zu tragendem Harsch verbacken, Lichtstrahlen zwischen vermoosten Stämmen, Wipfel in Helligkeit getaucht, dann das Blau wieder verschleiert, verhangen, verschwunden. Auf der spurenreichen Schneepiste ist der Himmel dann vollends frei. Mützen wandern in Jackentaschen, eine Eisfläche noch, dann der Aufstieg zwischen dürrem Gras, der Pfad eine Schlammspur, rutschiger als aller Schnee.

Oben schließlich ganz Licht und Wind und Weite. Gleitschirmsegler stoßen sich ab von der Bindung an die Erdenkruste und schweben hinaus in diese Weite, leuchten auf und verschwinden schon wieder in den Schwaden aus Weiß und Grau, ein Blindflug in die Niederungen der Welt.

Der Abstieg dorthin droht uns allen. Erst aber heißt es sich niederlassen auf Büscheln von Gras zwischen ausgetrocknetem Dung und Kalkgestein. Die Tiefe, sie darf noch ein bisschen warten.

Winter_Reuterwanne_Grünten_Allgäu

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16 Gedanken zu „Ins Licht

      1. zeilentiger Autor

        Schönheit überall, wenn wir richtig schauen. Das hat mir auch auf den Seiten von Espedals „Gehen“ gefallen, die ich am Wochenende gelesen hatte. Eine schöne Übung in Schönheitsehen sind diese Abschnitte von Espedal.

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  1. wildgans

    Anschauliche Bilder, manche ein wenig endzeitlich, so mit Wintersportklamotten nahe getrocknetem Kuhdung sitzen und so…dieses Grau überall. Blau weniger. Was kommt auf uns zu? Ach, bleiben Sie noch ein wenig schillernd, bitte!

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