Lob der Stadt

Ein Paar Scheinwerfer, zwei Rücklichter, das trübe Licht eines Bauernhofes, der Rest ist Dunkelheit.

Novemberabende musst du in der Stadt verbringen. Lichterketten schälen sich aus dem Nebel, ganze Hänge sind illuminiert, allerortens Farben in einer Zahl und Raffinesse, die du vergessen hattest, das Leuchten ein Staunen. Licht reflektiert auf dem regennassen Boden, an Glas, Stahl und Chrom, an Sandsteinfassaden, die dem Auge mit jedem Schritt Neues bieten, ein Kaleidoskop menschengeschaffener Schönheit aus einer Ära der Fußgänger. Durch das vornehme Holz der Raucherbar nach oben, ein Glas Wein, dessen Preis keine Rolle spielt, auf weißem Leinen und der Blick hinab auf die Gasse. Später beim Gang durch vertraute Straßen das Wunder grün belaubter Bäume und Kerzenschein hinter Glasfassaden, um das sich Menschen versammeln, Schatten im Glück, und ich erinnere mich an Küsse, die hier ihren Anfang oder ihr Ende nahmen. Und dann irgendwann stehe ich in der Küche, die mir so winzig vorkommt und wo ich doch so wunderbare Menschen zu so wunderbaren Abenden um mich hatte und nie ist mir Stuttgart so schön erschienen wie an diesem Abend.

Zuhause zwei Rücklichter auf der Landstraße und der Schrei eines sterbenden Tieres in der Finsternis.

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10 Gedanken zu „Lob der Stadt

  1. wildgans

    Heftig, der Kontrast!
    Stuttgart, das Gute und dieses tosende Erdloch mit den Verschling- und Draufhaumaschinen, der Wahnsinn, letzten Sommer erlebt, oben am Wald neben dem Trainingsplatz der Kickers, und beim Vincent des Nachts – einmal im Leben musste das sein. Wird unvergessen bleiben.

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    1. zeilentiger Autor

      Schön, welche Kontrasterfahrung du mit der Stadt verbindest. Na ja, schön vielleicht nicht im engeren Sinne, aber vielleicht wurde das Schöne ja nochmals schöner durch das Hässliche unten im Kesselgrund.
      Beim Vincent war ich noch nie. Aber das lässt sich vielleicht ja noch einmal nachholen.

      Gefällt 1 Person

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  2. Herr Ärmel

    Das erste und das letzte Bild, klar erscheint die Ansicht vor dem inneren Auge des Lesers.
    Das mittlere, so farbenprächtig und bunt es beim ersten Anblick auch erscheinen mag – es ist Vergangenheit.
    In Ihrem Bericht ist der Kontrast in der Tat heftig. Werden da nicht möglicherweise den Äpfeln Birnen gegenübergestellt? So drängte sich mir beim Lesen die Frage auf.
    Bis ich im Nachdenken begriff, dass da garkein Gegensatz geschildert wird. Zeit ist ohnehin nur eine Einbildung. Dargestellt wird doch die pralle Vielseitigkeit des Lebens.
    Hier die Stille, die Ruhe und die Dunkelheit und dort das andere Ende des lebendigen Regenbogens; das Licht, der Lärm und das hektische Treiben. Bis hin zum Ruf eines verendenten Tieres.

    Ich mag Ihre anregenden Panoramen sehr, danke Ihnen auch für dieses und grüsse Sie herzlich,
    Herr Ärmel

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    1. zeilentiger Autor

      Sie sind, lieber Herr Ärmel, ein Fuchs. (Vielleicht gar der aus dem nächtlichen Wald?) Mir gefällt Ihre Deutung sehr gut. Da kann ich nur heiter lächeln, ganz zufrieden in Stille, Ruhe und Dunkelheit.

      Danke Ihnen und wie immer herzliche Grüße,
      Ihr Zeilentiger

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      Antwort

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