Archiv für den Monat November 2017

Lob der Stadt

Ein Paar Scheinwerfer, zwei Rücklichter, das trübe Licht eines Bauernhofes, der Rest ist Dunkelheit.

Novemberabende musst du in der Stadt verbringen. Lichterketten schälen sich aus dem Nebel, ganze Hänge sind illuminiert, allerortens Farben in einer Zahl und Raffinesse, die du vergessen hattest, das Leuchten ein Staunen. Licht reflektiert auf dem regennassen Boden, an Glas, Stahl und Chrom, an Sandsteinfassaden, die dem Auge mit jedem Schritt Neues bieten, ein Kaleidoskop menschengeschaffener Schönheit aus einer Ära der Fußgänger. Durch das vornehme Holz der Raucherbar nach oben, ein Glas Wein, dessen Preis keine Rolle spielt, auf weißem Leinen und der Blick hinab auf die Gasse. Später beim Gang durch vertraute Straßen das Wunder grün belaubter Bäume und Kerzenschein hinter Glasfassaden, um das sich Menschen versammeln, Schatten im Glück, und ich erinnere mich an Küsse, die hier ihren Anfang oder ihr Ende nahmen. Und dann irgendwann stehe ich in der Küche, die mir so winzig vorkommt und wo ich doch so wunderbare Menschen zu so wunderbaren Abenden um mich hatte und nie ist mir Stuttgart so schön erschienen wie an diesem Abend.

Zuhause zwei Rücklichter auf der Landstraße und der Schrei eines sterbenden Tieres in der Finsternis.

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Abschalten

Die Berge ein blasser Scherenschnitt in Blau, dunkler und metallischer als die Wolkendecke in der Höhe. Zwischen ihnen, über den Bergen, unter den Wolken, ein Raum, in den sich die Morgensonne, selbst noch unsichtbar, vorwärts tastet. Das Licht wird mutiger, die Wolkendecke entflammt von unten her in einem feurigen Rosa. Wie ein Buschfeuer breitet es sich aus, um dunkle Wolkentäler herum erobert es den Tag.

Zwei junge Männer beobachten dieses Schauspiel, während sie wie ich auf Mitfahrer warten. Einer hält das Smartphone gen Horizont, ich suche nach Worten, die unser Staunen beschreiben. Die Welt wird heller, die metallische Fläche der Berge gewinnt Kontur, das Feuer am Grund der Wolken erlischt. Morgenmenschen grüßen sich, wechseln die Fahrzeuge, setzen gemeinsam ihren Weg zur Arbeitsstätte fort.

Abends im Kopf ein Gewitter, ein Neuronensturm, Whiteout, wie auch immer. Ich schalte das letzte Soziale Medium ab, das ich mir noch aktiv bewahrt habe, vom Blog vielleicht noch abgesehen. Das System will mich nicht ziehen lassen: Es hält mir eine Galerie von Freundesporträts vor, ein jedes mit der Botschaft versehen, dieser Mensch werde mich vermissen. Ich muss ein Scheusal sein, diesen Schritt zu tun. Ich schließe die Augen und lausche dem Vortrag eines Hirnforschers, der mir empfohlen wurde. Die Stimme ist angenehm bedächtig. Das Wort Aufmerksamkeitserheischer lässt mich lächeln. Ruhe kehrt ein.

Den Blog werde ich erst einmal bewahren.

Alpen_Allgäuer Alpen_Hochvogel_Sommer_Geröll

Die Kurve

Eglofs war für mich immer eine scharfe Doppelkurve, die sich unter dem Auge eines Kirchturms hinabschwang ins Tal. Den Ort selbst hatte ich meines Wissens nie betreten, bis in meine Lebensmitte hinein blieb der Name nur diese Kurve, ein Bild aus Kindheits- und Jugendtagen, als man vor der Öffnung der A 96 noch diese Strecke nahm zum Bodensee oder vielleicht hinüber nach Dornbirn, wo wir eine Kindheitsfreundin meiner Mutter besuchten. Sie schätzte ich besonders, weil sie auf ihren Besuchen – damals noch von ihrem Studienort im Tirol aus – gern und bereitwillig mit uns Kindern spielte, ganz besonders das von mir geliebte Brettspiel mit den Figuren und den weißen Steinen, was meine Eltern selten taten, und auch, weil sie mit der Welt der Bücher in Verbindung stand, die mir Verheißung war und später lange Jahre ja auch eigener Broterwerb, und weiters deshalb, weil sie Geschichte studiert hatte, damals also in Innsbruck, welches ich lange Zeit ebensosehr und ausschließlich mit ihr verbunden hatte, bis einer meiner Onkel dann einige Jahre dort am Theater arbeitete, die Geschichtswissenschaft also, die ich später selbst studieren sollte. Das also war mir die Kurve von Eglofs.

Der Fußweg führte mich halb um die kleine Große Kreisstadt Wangen herum, zuerst zum Friedhof nach Süden, gut besucht an diesen Allerheiligen, an dem Menschen ihren Verstorbenen einen Besuch abstatteten, obwohl Allerseelen ja erst am nächsten Tag sein würde, aber der war eben kein freier Tag, weshalb Allerheiligen für den Friedhofsbesuch genutzt wurde. An den Eingängen schüttelten Männer in Uniform, hinter großen Brillen die Spendenbüchse. Man kannte sich, nur der Wanderer vor der Mauer war fremd.

Jenseits der Stadt, so dachte ich, würde ich innehalten und lauschen, sobald ich kein Motorengeräusch mehr hörte, aber immer blieb das Rauschen von der Bundesstraße wahrnehmbar, und wenn doch einmal nicht, inmitten eines Wäldchens vielleicht, dann zog ausnahmslos ein Linienflugzeug niedrig über den Himmel. Also ging ich eben, ging weiter, gehe weiter ohne innezuhalten, die Jochbeine glühen kalt, die Handschuhe vermisse ich nicht. Anders als die Straßen schweigen die Wälder, wenn nicht gerade eine Amsel Alarm schlägt. Wie eingefroren die Landschaft bereits, im Windstillen schwebt nicht einmal Laub herab. Greifvögel, Katzen beim Mausen, Jungvieh auf den Wiesen vor dem ersten Schnee, sonst kein Tier.

So quere ich also den Bach, der in seinem Namen den meinen mit sich trägt, passiere den ausgewiesenen Kräutergarten, der so stille ist wie die Wälder, komme den Himmelberg herunter und steige zum Schnaidthöfle wieder hoch und bin immerhin ein paar Mal überrascht, wenn ich Wirklichkeit und Karte wieder in Einklang bringen muss, das immerhin bietet der Weg, den ich sonst nicht innigst ans Herz legen würde. Passiere auf dem Kamm zuletzt den Hof, wo wir im Sommer auf der verwandtschaftlichen Radtour Halt gemacht haben, und bin dann, nach drei Stunden Wegs, in Eglofs.

Das Dorfcafé suche ich auf, um einen Studienfreund auf Besuch zu treffen. In der Uni-Mensa haben wir nicht selten zusammen geschwiegen, im Einvernehmen geschwiegen, und das muss man ja auch erst einmal können, gemeinsam im Guten zu schweigen. Später teilten wir in unserem Berufsleben noch einmal für ein paar Jahre eine andere Stadt, aber das letzte Wiedersehen lag auch bereits den zweiten Sommer zurück, ein herrlich strahlender, reifer Tag war es gewesen im Lautertal der Schwäbischen Alb, zwischen Blatt und Licht und der Herrlichkeit des Lauterwassers.

„Mein Kind“, spottet der Freund und deutet auf den Kinderstuhl neben sich, „mein Auto“, winkt er zum Fenster hinaus, „mein Baugrund“, zeigt er mir auf dem Smartphone eine eingeebnete Fläche. „Eine Fliegerbombe war zum Glück nicht drin“, atmet er auf.

„Vielleicht noch ein paar Alemannenknochen?“, ermuntere ich.

„Unwahrscheinlich. Wir sind auf Sandstein gestoßen. Das erhöht die Kosten zwar noch einmal, aber ein alter Alemanne dürfte sich da darunter jedenfalls nicht verstecken.“

Das Dorfcafé füllt sich. „Ausschließlich mit Butter gebacken“, wirbt das Café, vegan ist hier fehl am Platz bei den vielen selbstgebackenen Torten und Kuchen. „Wie zu Großmutters Zeiten“, da würde clean eating durchaus passen, gute Zutaten frisch verarbeitet, aber wer will sich hier schon ein solches Modelabel umbinden? Die Wirtin eine robuste, herzliche Frau, täglich frisch gebackenes Brot, kein Tisch in der Stube mehr frei, das Café läuft. Ein Schatz für ein solches Dorf, denn welches kann denn ein richtiges Café sein eigen nennen, und das noch mit so viel Leidenschaft, Herzblut und soliden Rezepten geführt?

Geschwiegen haben wir am Tische nicht. Für diesen Luxus sehen wir uns inzwischen dann doch zu selten. Ich stecke den Rest meiner Butterseele ein, klopfe dem Freund auf den Rücken und wende mich wieder gen Osten. Die Kurve bin ich nicht hinabgefahren.