Nach Norden

Wo die Mittelstreifen verblassen und manchmal auch ein gelber Wegweiser, irgendwo auf den Ausläufern einer Endmoräne, da rollen die Reifen über rissigen Asphalt. Eine Südstaatenflagge weht neben einem Misthaufen. Es ist noch etwas in die Fahne eingezeichnet, etwas, was sie von der Flagge der amerikanischen Sezessionisten unterscheidet, aber ich kann nicht erkennen, was es ist. Ich könnte anhalten, denke ich, aber im Hof daneben arbeitet ein Bauer und Scham hält mich ab, meiner Neugier so offensichtlich nachzugehen.

Dann verliert sich das eiszeitliche Geröll in der Landschaft und wir sind endgültig im Maisland angekommen. Menschenhoch gewinnen die Stauden Überhand vor jauchegetränkten Feldern und die „Milch macht Bayern stark“-Schilder werden seltener. Der Horizont hier ist Mittelmaß, nicht zu fern und nicht zu nah, er tut nirgends weh und erhebt das Herz selten, nur ein bisschen Schwung in der Landschaft. Der Bergblick, mein Anker, wird einem fast nirgends mehr geschenkt, und der Fußweg über die flachen Bachtäler, eingeebnet einst von eiszeitlichen Flüssen, sind öde, es ist eine Pein, sie zu durchwandern, selbst wenn sie nur ein, zwei, drei Kilometer breit sind.

Die Kirchtürme tragen Farben, beinahe wecken sie das Misstrauen desjenigen, der die wehrturmartigen Kirchtürme aus dem Hügelland gewohnt ist. Und wenn du, dich bei deinem Gefühl ertappend, lachst, ist eigentlich schon alles gesagt. Denn das Misstrauen der Höhenbewohner kennen sie hier nicht. Wer hier wandert, wird von den Einheimischen immer wieder angesprochen, ein freundliches Woher und Wohin in einem hübschen Bayern-Schwäbisch, und sie erzählen dir ungefragt dies und jenes, eine Wegempfehlung, ein schiefer Kirchturm, eine Quelle mit geheiligtem Wasser und gute Wünsche für den weiteren Weg, als würden sie sich wirklich freuen, dass ein Fremder hier herumspaziert durchs Unterland.

Und lächelnd setzt du deinen Weg fort.

An der Mindel im Mai

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19 Gedanken zu „Nach Norden

  1. karu02

    Ich dachte zuerst, Du bist am Niederrhein unterwegs. Das Foto zeigt aber sehr wenig Mais, also konnte das nicht sein. Sonst aber fast alles, außer die Häuschen zwischen den Feldern, die gibt es hier nicht. Die Menschen, die einen ansprechen übrigens auch nicht. Das es so etwas überhaupt noch gibt.!

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      1. wolkenbeobachterin

        Wie kommts? Hast Du keine Lust mehr oder wenig Zeit? Pause zu machen tut mir auch grad gut. Manchmal ist das einfach dran. 🙂 Ich freue mich über Dein Lächeln. Komm gut durch die Woche. Liebe Grüße!

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      2. wolkenbeobachterin

        Ja, manchmal fehlt sie, die Muse/Muße. Manchmal braucht es auch einfach mal Stille oder etwas anderes als das Schreiben. (Siehe mein letztes Posting bei mir im Blog). Ich lese Dich jedenfalls gern, und fühle Dich frei, auch mal nichts zu schreiben, einfach Deine Zeit zu genießen oder Dich anderen Dingen zu widmen. Herzliche Grüße zurück!

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  2. Herr Ärmel

    Beim Gehen kommt man sich näher. Und umso näher, je weiter man sich von den Siedlungen entfernt. Es wäre auszuloten, wo der Saum zwischen urbanem und ruralem Habitus verläuft.
    Und dennoch gibt es auch da noch, wie Sie es angedeutet haben, regionale Unterschiede.
    Ich danke Ihnen für die Gedankenanregung.
    Sommervergängliche Grüsse aus dem verregneten Bembelland,
    Ihr Herr Ärmel

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    1. zeilentiger Autor

      Ah, der Saum zwischen urbanem und ruralem Habitus! Das ist eine jener (fast) unsichtbaren Grenzen, die einen in den Bann zu schlagen wissen. Herr Ärmel, für dieses feinsinnige Grenzgängertum danke ich wiederum Ihnen.
      Das Wort „sommervergänglich“ zwickt noch ein bisschen, auch wenn ich es nicht aufhalten kann. Trotzdem auch Ihnen schöne Regengrüße,
      Ihr Zeilentigerschreiber

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