Archiv für den Monat August 2017

Sinus

Den Tag über gehen, keine Straße, keine Siedlung, nur die eigenen Schritte. Gehen im Licht, auf Stein, über Wurzeln, die Aufmerksamkeit auf jeden Tritt gerichtet. Den Tag über gehen, bis die Muskeln schmerzen, und aus Quellbächen trinken, einfach den Durst löschen mit dem, was da aus dem Felsen fließt als ein Geschenk.

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Ob Tanken bei Gewitter gefährlich ist, frage ich mich. Der Wind reißt an den kurzen Hemdsärmeln, ich finde keine Antwort. Spurensuche nach einem bestimmten musikalischen Genre aus einer gewissen Lebensphase. Im Subway hatte ich damals dazu getanzt und zuhause Radiosessions auf Kassette aufgenommen. Auf dem Videoportal höre ich mich durch R’n’B, R’n’B in allen möglichen Kombinationen, House, Deep House, lande irgendwie beim Trip Hop. Aber eine Antwort finde ich nicht. Der Tribut an die Herrin des Turms lässt die Hand sinken, irgendwann spüre ich die Folie eines Riegels zwischen den Fingern nicht mehr. Danke, den Weg ins Bett immerhin finde ich selbst. Am Horizont die rote Sichel des Mondes.

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In einem Zwischenreich, einem zeitbefreiten Irgendwo zwischen Sport und Arbeit, einen Kaffee neben mir. Möchte hier bleiben, aber irgendwann muss ich hier raus und dann schnellt die Zeit zurück und rächt sich für den billigen Traum eines Feenreiches an der Autobahn. Es ruft also: die nächste Tat.

Arabisch_Essen_Vorspeisen

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Träume von der Tiefe

Es ist wohlfeil, einen oft genannten Aphorismus erneut zu zitieren. Trotzdem denke ich später, als ich die Gipfel längst hinter mir habe, an Friedrich Nietzsches Ausspruch. Die Höhe bietet genügend Fläche, vom Kreuz hierhin und dorthin trennen Schritte vom Sturz hinab. Ich bin wachsam, aber nicht unruhig. Die Angst kommt erst später, nachdem ich Minuten auf dem Gipfel sitze, stehe. Stille, ganz stille sammelt sich der Abgrund um mich an und öffnet etwas in mir. Dem Druck der Tiefe halte ich nicht stand. Fast barsch frage ich: „Gehen wir weiter?“ Den Abgrund trage ich mit mir.

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Da liegen die anderen also auf der Bergwiese und halten ein Nickerchen. Wir haben den Ponten hinter uns, diesen Berg mit seine ganz und gar unallgäuerisch anmutenden Namen. Pons, pontis spuckt die Erinnerung altes Schulwissen aus, aber warum sollte der Berg nach dem lateinischen Wort für „Brücke“ benannt sein? Später lese ich, dass eine Ableitung von „Bann“ als wahrscheinlich gilt, also ein „gebannter Berg oder Wald“, Holzschlag verwehrt. Vor dem Ponten haben wir den Bschießer überquert, und dessen Name passt ja umso besser ins Allgäu, treffender geht es kaum als ein gedehntes, um nicht zu sagen kuhmäuliges „Bschiaßa“. Die Österreicher übrigens – die Grenze nämlich verläuft über die Höhe – schreiben Bscheisser, was zugegebenermaßen auch nicht übel ist.

Da liegen die anderen also auf der Bergwiese und halten ein Nickerchen. W. auf der Seite, vermutlich schläft sie tatsächlich, ihre Beine jedenfalls zucken, M. auf dem Rücken, die Füße aufgestellt, die Kappe übers Gesicht gezogen, eher Ruhen als Schlafen. Einen kleinen Gipfel haben wir noch vor uns, dann geht es wieder hinab in die Welt des Alltags, und das wollen wir noch hinausschieben, wobei ich sagen muss, ich könnte doch jetzt gleich schon weitergehen, statt ins Büchlein zu schreiben, denn Schlummern, das ist nichts, dann wache ich in der Sonne noch völlig benommen auf, hirnweich und knieweich gleichermaßen.

Schwebfliegen und Schmetterlinge über blühenden Kräutern, ein Kreis von Latschenkiefern, Wind weht, weniger frisch als noch zur Mittagszeit, mild war es wirklich nicht. M. hat sich leise aufgerichtet, wir schauen uns an, überlegen, wer es zuerst ausspricht: Gehen wir weiter?

„Ich habe geträumt“, schreckt W. da auf.

Allgäuer Alpen

In der Nachbarschaft des Ponten

Nach Norden

Wo die Mittelstreifen verblassen und manchmal auch ein gelber Wegweiser, irgendwo auf den Ausläufern einer Endmoräne, da rollen die Reifen über rissigen Asphalt. Eine Südstaatenflagge weht neben einem Misthaufen. Es ist noch etwas in die Fahne eingezeichnet, etwas, was sie von der Flagge der amerikanischen Sezessionisten unterscheidet, aber ich kann nicht erkennen, was es ist. Ich könnte anhalten, denke ich, aber im Hof daneben arbeitet ein Bauer und Scham hält mich ab, meiner Neugier so offensichtlich nachzugehen.

Dann verliert sich das eiszeitliche Geröll in der Landschaft und wir sind endgültig im Maisland angekommen. Menschenhoch gewinnen die Stauden Überhand vor jauchegetränkten Feldern und die „Milch macht Bayern stark“-Schilder werden seltener. Der Horizont hier ist Mittelmaß, nicht zu fern und nicht zu nah, er tut nirgends weh und erhebt das Herz selten, nur ein bisschen Schwung in der Landschaft. Der Bergblick, mein Anker, wird einem fast nirgends mehr geschenkt, und der Fußweg über die flachen Bachtäler, eingeebnet einst von eiszeitlichen Flüssen, sind öde, es ist eine Pein, sie zu durchwandern, selbst wenn sie nur ein, zwei, drei Kilometer breit sind.

Die Kirchtürme tragen Farben, beinahe wecken sie das Misstrauen desjenigen, der die wehrturmartigen Kirchtürme aus dem Hügelland gewohnt ist. Und wenn du, dich bei deinem Gefühl ertappend, lachst, ist eigentlich schon alles gesagt. Denn das Misstrauen der Höhenbewohner kennen sie hier nicht. Wer hier wandert, wird von den Einheimischen immer wieder angesprochen, ein freundliches Woher und Wohin in einem hübschen Bayern-Schwäbisch, und sie erzählen dir ungefragt dies und jenes, eine Wegempfehlung, ein schiefer Kirchturm, eine Quelle mit geheiligtem Wasser und gute Wünsche für den weiteren Weg, als würden sie sich wirklich freuen, dass ein Fremder hier herumspaziert durchs Unterland.

Und lächelnd setzt du deinen Weg fort.

An der Mindel im Mai