Archiv für den Monat März 2017

Meldungen aus der Horizontalen

Heute Nacht bin ich auf einem Flachdach Trump begegnet. Nach kurzem Zögern habe ich mich dann doch entschieden, höflich zu bleiben. „Hello Mr. President“, drückte ich ihm die Hand. Schwieriger war dann, sich von der Entourage wieder abzuseilen. Die wollte mich nicht mehr gehen lassen.

„Bouvier ist ein Gott, ein trunkener Gott“, ist da notiert zwischen Zetteln mit Zitaten von Thoreau, Peter Kurzeck und Hans Hoischen, zwischen Traumnotizen und eigenen Sätzen, zwischen einer hingekritzelten Skizze des Sohns eines Cousins, als sie zu Besuch hier waren, und dem frischesten Eindruck, dem Ausklang des ersten Kapitels von „Ehen in Philippsburg“, Martin Walsers Romandebüt – einer Szene des städtischen Nachtlebens, die so dicht ist, dass ich sie gerne über ein soziales Medium geteilt hätte, wäre damit nicht einhergegangen, eine ganze Seite abzutippen in das Smartphone, mit dem Zeige- und gelegentlich Mittelfinger, so wie es die ältere Generation gerne macht, und nicht mehr mit dem Daumen, seit die Sehnen an ihm nämlich, vom Touchpad geschädigt, gewissermaßen digital degeneriert, dauerhaft zu schmerzen begonnen haben. Und so wandert nur wieder ein handschriftlicher Verweis auf die Zettelschar des Nachtkästchens

Eine Fliege wirft sich gegen die Zimmerdecke, draußen ist die Nachtluft verständnislos kühl.

Bach_Hausbach_Allgäu_Westallgäu

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Mittags treiben Möwen auf dem schwellenden Fluss

Mittags treiben Möwen auf dem schwellenden Fluss, fern jeder See. Der Regen formt Teiche auf der Oberfläche des Wassers.

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„Ich drehe einfach die Zahlen meines Alters um und frage euch: Was habt ihr alle gemacht, als ihr so alt wart?“, gibt der Gastgeber vor. Irgendwann ist das Thema bei zwei Sünden der Landbevölkerung: Alkohol und Raserei. „Früher war der Ort hier berüchtigt – ein richtiges Niemandsland zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Wenn du bei einer Verkehrskontrolle hier nur ein Fahrzeug angehalten hast, hattest du schon gleich den Ersten mit Alkohol am Steuer“, erzählt einer. Dann werden Unfälle aufgezählt, Verkehrstote, Schicksale. Es klingt wie Geschichten aus dem Krieg: auf jedem Hof ein Toter. „Und das Ostallgäu hatte damals auch einen ganz schlechten Ruf“, ergänzt der Polizist. „Weites Land, wenig Polizei. Da sind die schlimmsten Unfälle passiert.“

Später dann ein Spiel: schnelle Wahrnehmung, blitzartige Fokusveränderungen. Nach der Viertelstunde sind alle aufgedreht: Adrenalin in den Adern, Heiterkeit in den Stimmen. „Das Spiel wirkt wie ein Kaffee.“

Schließlich hinaus in die Nacht. Windböen, peitschender Regen. Schwarze Flächen und blendendes Licht und dann, plötzlich, ein Fell greifbar nahe am Straßenrand. Ich bin bereits vorbeigerauscht, als mein Gehirn erst verarbeitet, was es da gesehen haben muss: Ein Reh am Seitenstreifen, in Armreichweite des Fahrzeugs und leicht abgewandt, dabei völlig reglos. Zum Glück reglos: Nur ein Schritt nach links und es hätte ein Massaker gegeben. Und dann denke ich mir, hätte ich seine Augen gesehen vor einem Aufprall, wäre ich diesen Blick nicht mehr losgeworden.

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Das weite Land im Osten ist abgesoffen. Da braucht es nur mal eine Nacht und einen Tag zu regnen, und schon zeigt sich entlang der Bahngleise anstelle von Wiesen eine Seenlandschaft. Den Kröten in der folgenden Nacht auszuweichen habe ich nicht mehr geschafft.

Wanderer, kommst du nach Aigis

Die Autobahn fällt vor mir ab, ausgebreitet wie ein Geschenk über das Illertal hinweg, und in der Nachmittagssonne flimmert die Luft über den Autos, als wären sie zitternde Käfer in Sommerglut, und John Paul Jones setzt zu seinem Synthesizer-Intro an, diesen unverwechselbaren psychedelischen, schwirrenden Klängen, die vage an Indien erinnern, an ein schrilles Blasinstrument in der meditativen Selbstvergessenheit eines Ragas, und das Auto gewinnt an Fahrt und Jimmy Page streicht mit einem Violinenbogen über die Saiten seiner akustischen Gitarre und die Berge im Süden schimmern weiß und plötzlich reißt dieser Schleier wieder auf und für einen Augenblick ist die Welt so überwältigend schön, dass mir Tränen in den Augen stehen. „In the light you will find the road, you will find the road“, singt Led Zeppelin. Eine Kette an Wagen fährt ab von der Autobahn, Belgier und Holländer, Pottbewohner und Schwabenleute, alle wollen sie nach Oberstdorf oder Bad Hindelang oder ins Kleinwalsertal. Die Autobahn ist jetzt fast leer vor mir, sie schwingt sich die Hügel empor und ich jubel auf meiner Flucht vor dem bohrenden Schmerz in meinem Schädel, diesem Wochenverarbeitungsschmerz, dem Ruhe nicht hilft und der doch kaum etwas zulässt.

Außer Gehen.

Aigis, dieses Donnerfell der griechischen Mythologie, diese Drohung der olympischen Götter gegenüber den Sterblichen, ist zugleich ein kleines Dorf in den Allgäuer Voralpen, gute 900 m über dem Meeresspiegel, eine Kapelle, eine Reihe von Ferienwohnungen, eine Koppel voller glänzender Pferde. Ich schreite aus dem Dorf hinaus, hinein ins Galtviehschachen, Matsch, Schnee, Gras, Nadelteppich, über fast menschenleere Wege, an gelb blühenden Blumen – den ersten gelben Blüten dieses Jahres, die ich sehe – vorbei sehr steil hinab ins Tal der Jugetach und längst ist der Kopf frei. Ausschreiten ist Medizin, ist Lebenselixier und ohne diese Gänge hinaus wäre dieses sitz- und wände- und denk- und bildschirmlastige Leben überhaupt nicht auszuhalten, sage ich mir. Zugrundegehen würde ich, sage ich mir, als ich über die an den Rändern ausfransende Holzbrücke hinübergehe. Zugrundegehen, wiederhole ich, und daher steige ich flott über den vereisten Weg nach oben, aus dem Wald hinaus, über den grasigen Pfad hinauf, muss längst schnaufen, durch den Mund atmen, aber genau das tut mir gut.

An der Königsalpe schneide ich eine andere Spur. Ich setze mich nieder für einen Kaffee, denn es ist ein herrlicher Platz. Eine Tasse lang genieße ich den Frieden dieses Ortes, dann geht es weiter. Denn ich könnte in die Dämmerung geraten mit meinem Gang und außerdem will ich ja wieder zurück sein, wenn das Feuer entzündet wird. Meine Schritte sind Freiheit, sind Freude.

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Die Funkenhex brennt auch im Regen gut. Die Flammen schießen in die Höhe, Funkenglut treibt der Wind in den Nachthimmel, Rauch rankt sich einem tobenden Panther gleich um die brennenden Äste und Balken herum, es ist ein Glosen, Knistern, Glühen, Lodern, Sengen. Der Regen treibt die Menschen näher ans Funkenfeuer, die Hitze zurück. Jemand verteilt köstliche Krapfen. Der Regen verdichtet sich zu schweren Flocken. Das Funkenfeuer kümmert es nicht. Die Glut wird, versichert ein Bauer, nächstes Wochenende noch warm sein. Über Hunderte von Kilometern und über Ländergrenzen hinweg brennen an diesem Abend die Feuer. Zumindest einige zu sehen von einem Berggipfel herab, das müsste doch schön sein, überlege ich, leuchtend dort unten in der Welt der Menschen.

Aigis_Jugetach_Allgäu_Voralpen