Eine Lücke schließen

Draußen Sonnenschein, drinnen Schredderkopf, wie so oft nach einer besonders fordernden Arbeitswoche. Ein paar Kilometer weiter nördlich beginnt, wieder einmal, der Nebel. Ganz Oberschwaben liegt unter einem bleichen Tuch und der äußerste Punkt meiner Reise, der Waldsaum der Schwäbischen Alb, ist unter Eis und Frost erstarrt, völlig reglos, beinahe lautlos, ein Geisterreich.

Immerhin habe ich eine Lücke geschlossen, eine Lücke von anderthalb Kilometern zwischen jeweils einigen Tagesmärschen im Norden und im Süden. „Und nicht nur das, sondern zugleich ein neues Ziel gefunden“, sagt M. und deutet auf den geisterhaften Wald. Sie liebt Winterwanderungen, ich ziehe den Sommer vor.

Im Dorf unten steht noch immer das hübsche blaugelbe Haus mit seiner rätselhaften Inschrift. Ob es etwas mit den Freimaurern zu tun haben könne, frage ich. Das nicht, aber, das zeigt später eine Internetrecherche, es wohnt dort – oder wohnte zumindest bis vor wenigen Jahren – ein Verschwörungstheoretiker. Es wirkt wie schlafend, dieses Dorf, und birgt doch dunkle, regsame Räume wie die Brauerei in der Tropfsteinhöhle oder einen schillernden Mahner der Neuen Weltordnung. Wie passend, dass ich morgens im Auto H.G. Wells immer noch wunderbare „Zeitmaschine“ um die Auseinandersetzung mit den Morlocks aus der Tiefe gehört habe.

Der Nebel jedenfalls bleibt, über den Mittag, in den Nachmittag hinein. Welche Erleichterung, als ich endlich wieder die Grenze des Allgäus erreiche, die Schemen der Gipfel wie ein Versprechen der Freiheit vor mir auftauchen und Wiesen, Wälder, Dörfer im Licht der Sonne satt erstrahlen. Aufatmen, die Seele hebt sich.

Zwiefaltendorf_Riedlingen_Zwiefalten_Winter_Wald

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11 Gedanken zu „Eine Lücke schließen

  1. wolkenbeobachterin

    jetzt ist er also bei euch, der nebel. hier, bei uns war er auch schon, einen ganzen tag lang. und ich bedaure, meinen fotoapparat nicht dabei gehabt zu haben. neblige landschaft mag ich sehr.
    ich wünsche einen schönen sonntag und freie sicht. 🙂 liebe grüße von nebenan, nebelfrei. 🙂

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    1. zeilentiger Autor

      Liebe Wolkenbeobachterin, auch den Nebel fasst du also gerne ins Auge? Aber natürlich noch viel mehr, das ganze Leben, nicht wahr. Danke dir und eine schöne Woche! Herzliche Grüße aus dem Montagmorgen

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  2. Herr Ärmel

    Bei der Fotografie beginnt das sinnende Schwanken. Drückt sie Ihre Stimmung aus oder bildet sie die einen Ausschnitt der erwähnten Landschaft ab. Nebelgeheimnisvoll eben.
    Vormitternachtsgruss aus dem Bembelland,
    Herr Ärmel

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    1. zeilentiger Autor

      Schön, dass Sie das sinnende Schwanken zuließen. Und wer weiß, ob ich Ihnen noch die Antwort auf diese Frage geben könnte. Ich schwanke, sinnend, und wünsche Ihnen eine gute Woche, lieber Herr Ärmel.

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