Archiv für den Monat Dezember 2016

Die Schlacht unter dem Eis

Die Geräusche hören wir erst, als wir den See fast umrundet haben.

Der Himmel ist rein und lauter wie der Schnee auf den steinernen Gipfeln. Die tiefer liegenden Fichtenhänge hingegen sind vollkommen schneefrei. Es ist der trockenste Dezember, der je im Allgäu gemessen wurde. Was den Geist beunruhigt, geht er dieser Nachricht nach, freut die Beine bei einem Winterspaziergang in den Alpen.

Der Seitenarm des Tannheimer Tals liegt noch in Schatten, es ist schneidend kalt, eine dicke Eisschicht spannt sich über den Vilsalpsee. An den Rändern wirft sich das Eis auf und bricht wie weiße Gischt am Meeresufer. Linien ziehen sich durch das gefrorene Nass – geformt von Licht und Schatten und Wassertiefen, von Strömungen vielleicht, von Lebewesen, die ihre Spuren auf der Oberfläche hinterlassen haben. Von der Blässe herab war ein seit Jahren erwarteter Steinschlag endlich heruntergegangen und der Weg nun wieder freigegeben worden; dem Berg fehlt ein Stück, der steile Hang gleicht einer furchtbaren Wunde, tiefrot der Fels, wo das Gliedmaß abgeschlagen.

Endlich erreicht die Sonne doch noch den Grund des Tals, ihr Stand eben hoch genug, um ihr Feuer über die Schulter zwischen zwei steinernen Häuptern zu schicken. Ein fernes Geräusch irritiert mich, auf- und abschwellend. Schneekanonen jenseits des Berges? Etwas Besseres fällt mir nicht ein. „Spannungsrisse im Eis“, verbessert mich mein Bruder. Ich horche und denke an kurze Frequenzen von Walgesang. Wir treten näher an das sonnenbeschienene Ufer, auf das Eis. Und hinein in eine Schlacht.

Die Synthieklänge von Laserschüssen aus Science Fiction-Filmen dringen aus der Tiefe des Sees. Ein Kampf zwischen Neckern und Nixen, in bunten Sternenuniformen und wallenden 70er-Jahre-Mähnen, muss dort unten toben, wachgerufen vom Licht der Sonne. Immer wieder rollen die merkwürdigen Geräusche durch den See, manche Schüsse kommen näher, schrecken auf. Dann ein Knacken, Knistern, Bersten. Scharf ziehen sich unsichtbare neue Risse durchs Eis. Auch die Feuersequenzen entstehen so – nur der längere Weg des Schalls durch das Eis verformt das Reißen zu den synthetischen Klängen.

Ein paar Eishockeyspieler in Jeans kurven gelassen über das Eis. Es ist nicht ihr Krieg, der unter ihnen tobt. Ich hoffe, es wird auch dabei bleiben, solange sie mit ihren Kufen über den See gleiten.

Einen kleinen akustischen Eindruck gibt es unter diesem Link – Ton an und bitte laut aufdrehen.
Vilsalpsee_Eis_Tannheimer Tal_Allgäuer Alpen_Winter

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Ein Dozent der Altstadtgassen

Die türkische Dönerfrau steht unter Belagerung eines bierfreudigen Graubarts. Der doziert und rechnet – stockend, dann hochkonzentriert – vor, wie viele Generationen unser Atommüll strahlen wird. Auf 40 000 Generationen kommt er. So lange sind wir für den strahlenden Müll verantwortlich. Aber vielleicht gibt es bis dahin schon gar keine Menschen mehr. „Also was soll der Scheiß?“

Da kann ich nur zustimmen. Der Dozent der Altstadtgassen freut sich über die Resonanz und findet in diversen zeitgenössischen Führungspersönlichkeiten sein nächstes Thema. „Abschießen werd i den Sauhund“, bedenkt er einen gewissen Politiker einer anderen Nation. Da gehe ich nicht mehr mit. Ein paar Minuten fruchtlose ethische Diskussion folgen, dann mache ich mich auf, den Döner längst in der Hand.

„Verschießen will i jedenfalls koin“, sage ich zum Abschied. Die Dönerfrau lacht froh vor Zustimmung. Der Dozent der Altstadtgasse aber ruft mir hinterher: „Wenn du die it abschießen willsch, wirsch du halt irgendwann ihre Schuah putza.“

Das könnte natürlich blühen.

Das Lächeln der Chinesin

An der Sonnenseite des Kirchturms hängt das weiße Kreuz auf rotem Grund. Kirchweih ist an diesem Oktobertag. Der Ahorn am Bahnhof leuchtet in einem satten Gelb, ein bisschen Honig, fast schon Ocker. Die Farbe findet sich in den Hinweisschildern des Bahnhofs wieder. Der buckelige Leib der Endmoräne ist ratzekahl abgemäht, praktisch kein Feld, das nicht eben noch geschnitten wurde. Die Zeiten haben sich geändert. Die Bauern, die wenigen, die noch da sind, arbeiten auch nachts. Immer schon sind sie sehr früh auf, aber wenn Nacht wurde, ließen sie die Arbeit ruhen, das war schon Ehrensache. Nun aber leuchten spätabends noch auf den Feldern die Scheinwerfer der immer größer werdenden Traktoren und die mächtigen Strahler an Scheunen und Außenstallungen.

„M. muss zum Handballern nach Gauting fahren und weiß gar nicht, wo das ist“, sagt jemand. „Oh je, das hört sich weit an, wahrscheinlich noch hinter München. Das ist mein Sonntag, hat sie gesagt.“

Am nächsten Bahnhof springt ein chinesisches Pärchen auf. „Halt, halt“, ruft eine ergraute Dame. „Das ist noch nicht Kaufbeuren!“
„Biessenhofen?“, fragt atemlos der Chinese.
„Doch, ja, das ja.“
Das Pärchen wendet sich weiter zur Flucht aus dem Zug und noch einmal ruft die Dame: „Halt, halt!“ Die Jacke auf dem Sitz.
Die Chinesin stößt einen spitzen Schrei aus, stürzt lächelnd zurück zur Jacke und wieder hinfort zur Tür und hinaus und weiter wahrscheinlich nach Füssen, nach Schloss Neuschwanstein. Gelächter erhebt sich im Waggon, milde und wohlwollend und warm. Es macht die Menschen schön und in diesem Lachen hätte jeder jeden gemocht.

Der Zug fährt wieder an. Draußen ist der perfekte Herbst, leuchtend, strahlend, klar. Milde auch hier in seinem Licht.

Lech_Landsberg am Lech_Herbst_Fluss_Licht

Ein Akt der Piraterie

Die begehrtesten Plätze sind die hinter dem Busfahrer, genauer die erste Reihe in Fahrtrichtung rechts vom Gang. Die Arme des Fahrgastes liegen auf der Trennwand zum Aufstieg, nichts verstellt das Gespräch mit dem Fahrer, der Blick senkt sich prüfend hinab auf Zusteigende. Wer den Bus besteigt, muss nicht nur an dem Fahrer vorbei, sondern auch Passagier Nummer 1 bestehen.

*

Der morgendliche Bus hinaus aus der Stadt ist fast leer. Ein hagerer, bedächtiger Mann lässt sich auf dem vordersten Platz rechts nieder. Seine mittellangen Haare stehen wild ab, die Wangen sind bartschattig, auf eine rustikale, nachlässige Art ist er gutaussehend. Eine Traurigkeit trägt der Bedächtige mit sich, zögernd eröffnet er das Gespräch mit der Busfahrerin, dann schüttet er ihr sein Herz aus. Seine Tochter hat Schwierigkeiten, einen Job zu finden, er macht ihr Mut, sich durchzubeißen, und hat trotzdem Sorge, dass sie wieder einmal das Handtuch werfen würde, und nun macht die Busfahrerin ihm Mut.

An der nächsten Haltestelle steigt ein ganz anderer Typ ein, ein Lauter, hinkend, das Gesicht aufgedunsen. Offensichtlich irritiert es ihn, dass sein Stammplatz schon besetzt ist, also lässt er sich in der ersten Reihe links vom Gang nieder. Die Busfahrerin redet noch, der Bedächtige ist bereits auf dem Rückzug. Bei erster Gelegenheit wirft der Laute einen Satz ein. Es ist nicht gerade eine schlaue Bemerkung, die er macht, aber darum geht es nicht. Ihr einziger Zweck ist es, einen Wurfhaken auszuwerfen und das Gespräch zu entern. Der Laute schiebt seinem Satz eine hässliche Lache hinterher. Die Abwehr des Bedächtigen ist greifbar, er schweigt, lehnt sich zurück, die Busfahrerin gibt nur einen unbestimmten Kommentar von sich.

Der Laute, einmal das Ruder übernommen, muss rasch nachsetzen, um die Planken unter den Füßen nicht wieder zu verlieren. Er bringt irgendeine, letztlich beliebige Anekdote aus der Nachrichtenwelt des Vortages, wieder schließt er mit einer dreckigen Lache und lacht gleich noch einmal, völlig unpassend, weil konträr zum Inhalt seiner Worte. Aber er hat es geschafft, er steht nun auf dem Mitteldeck der Kommunikation.

Ein paar Minuten später ist das Trio beim Flüchtlingsthema angekommen. Die Busfahrerin und der Bedächtige äußern sich kritisch, doch menschlich nachvollziehbar, der Laute aber hetzt. Er beherrscht die Szene. Voller Selbstgefallen überbrückt er den Gang und rutscht auf den Sitz neben dem Bedächtigen. Blackbeard hat das Schiff endgültig gekapert, die Fahne der Freiheit ist eingeholt.

Hässlichkeit regiert.