Archiv für den Monat November 2016

Burning Chrome

„So fühlt man sich gehalten, durch was, was man selber nicht ist, auch nicht alleine machen könnte, nicht irgendwie herstellen könnte nur so für sich, was einen als einen weit überschreitet: die schöne Aktion sozialer Systeme.“ (Rainald Goetz, Rave)

Was ist denn eigentlich dieses Oberammergau? Was ist es unter dieser Maske, dieser Oberfläche aus touristischer Infrastruktur, die den ganzen Ort überzieht? Das frage ich mich, als ich in einem Eiscafé einen Cappuccino trinke nach der zähen Fahrt. Ich hebe den Blick, tiefe Wolken wehren ihn ab. Immerhin regnet es nicht, denke ich mir, nur auf der Höhe von Schongau hatte es kurz geregnet, dort wo mir der Weg unbekannt wurde. Könnte ich sicher sein, dass es abends nicht gefriert, denke ich mir und rühre den Milchschaum unter den Espresso, dann könnte ich später über Tirol und den Plansee zurückfahren. Aber bei diesem Wetter kurz vor Winter will ich kein Wagnis. Am Vortag überquerten wir den Schwarzwald bei Schneefall.

Toni lässt sich ächzend nieder, das Alter und sein Gewicht setzen ihm zu. Er faltet eine Zeitung auseinander, gibt seine Bestellung auf und kommentiert: „Dia Grünen wer’n immer blöder.“ Jetzt wollen sie schon Dieselmotoren verbieten. Salomonisch verweist der Wirt auf die Blödheit aller Politiker. Draußen sinken die Temperaturen, schwindet das Licht, die Berghänge verblassen. Ich bestelle ebenfalls ein Eis.

Die Windschutzscheibe war voller Marderspuren und ich machte mir Sorgen, aber das Fahrzeug läuft, als ich erst nach Osten und dann nach Süden fahre, um in Oberammergau einen Menschen zu treffen, den ich bisher nur übers Bloggen kannte. A. ist gerade aus Berlin auf Heimatbesuch, die Gelegenheit wollen wir nutzen. Beinahe hätten wir schon einmal in Charlottenburg ein Buch getauscht, aber jemand war schneller gewesen. Auf der Fahrt höre ich eine Hörspielfassung von „Träumen Roboter von elektrischen Schafen“ und dann höre ich Cyberpunkgeschichten von William Gibson. In Luftlinie sieht es nicht sehr weit aus, von einem Hügel zuhause hinüber Richtung Zugspitze und da ein bisschen davor. Die Fahrt aber zieht sich.

Ich bezahle und gehe die Straße hinauf zwischen Hotels und Restaurants und Sportgeschäften mit ihren hölzernen Voralpenfassaden. Im Kinocafé trefen wir uns, es hat neu aufgemacht. Schlechtes Karma, meint A., der Besitzer wechselt oft. Sehr bald sprechen wir über W.G. Sebald, unser beider Held, wenn man so will und ein guter Ausgangspunkt. Thomas Bernhard ist immer dabei, das geht ja auch gar nicht anders. Herrndorfs Nachlassroman „Bilder deiner Liebe“ hat mich sehr enttäuscht, sage ich, weil er zu nichts führt, nirgendwohin. „Wenn er so schreibt, dann schreibt er eben so“, sagt A. mit seinem bairischen Schlag über Knausgard, den er nicht gelesen hat. Wir essen einen georgischen Happen, an der Wand hängt die Fahne des Kaukasusstaates. Die Menschen, die ins Café oder das Kino gehen, sagen alle „Griasd eich“ und die Frau des Wirtes ist Konzertpianistin und hat einen jungen Schüler aus Leipzig zu Besuch, die Familie ist eigens hierhergefahren. Ich notiere mir: Rainald Goetz, Robert Walser, Alexander Kluge („nervt manchmal“). Wir treten vor die Tür für eine Zigarette. A. raucht, ich nicht. Der Mann aus Leipzig ist auch da.

Im Dunkeln dann zurück, mir graust es, denn ich fahre nicht gern im Dunkeln. Ich höre Gibsons „Burning Chrome“ weiter und als die CD durch ist, lasse ich sie einfach von vorne laufen. Mir ist es, als flöge ich blind durch die Nacht und trotzdem drängen andere Autos immer noch hinter mir. Zum zweiten Mal höre ich den Tanz von razor girl Molly auf dem „Killing Floor“ gegen den Yakuzamörder mit seiner Monofilamentpeitsche, höre die Erinnerungen des Gejagten aus seinem Schlafsarg im New Rose Hotel, über dem der Hubschrauber knattert.

Dann bin ich zuhause. Alles fühlt sich unwirklich an. In den Ohren rauscht es und ich suche die Koordinaten meiner Selbst.

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An der Höll

Ein Blick durchs Dachfenster, ein Ziel erfassen. Die Tür fällt unten ins Schloss, Beine schreiten aus.

Manches an dem Weg ist mir bis aufs Äußerste vertraut, anderes neu oder ganz vergessen: der geteerte Radweg parallel zur Straße, die ich überquere; der Schwung des Weges am Waldrand, der das Ziel nochmals vor dem Blick verbirgt.

Entlang der Brombeerranken, an denen wir Kinder uns die Beine aufgekratzt haben, schreite ich in die Höll, einer rechteckigen Wiese, auf drei Seiten von Wald umgeben, wo einst die Pferde grasten oder ein Volleyballnetz aufgespannt wurde und Freunde meiner Eltern aus den Weilern und Dörfern so oft zum Spielen kamen oder wir Bumerangs warfen, die unser Vater gebaut hatte, und zwischen zwei flachen Händen wieder aus der Luft griffen. Zwei der Wurfhölzer waren schwerer als alle anderen, das eine gelb, das andere rot lackiert, vor ihnen hatte ich Angst.

Ein Fuchs harrt in Lauer auf dem Feld. Er bemerkt mich nicht. Damals wäre ich nervös geworden, ich hätte gezögert, vielleicht wären meine Schritte erstorben. Wildtollwut war eine reale Gefahr und noch lange nicht ausgerottet. In meinen Träumen wurde der tollwütige Fuchs zum Sinnbild der erwachenden, verwirrenden Kräfte des Heranwachsenden. Heute müsste sich mein Unterbewusstsein ganz andere Bilder suchen. Ein paar Schritte kann ich noch machen, bis das Tier mich registriert und sich zur Flucht wendet, den rötlichen Leib und den dunklen Schwanz gestreckt, als ginge es um sein Leben.

Ich hatte es immer gewusst und trotzdem stehe ich erschrocken vor der Höll. Die Wiese meiner Kindheit ist nicht mehr, sie ist ausgelöscht. An ihrer Stelle ragen Bäume in die Höhe, haushoch bereits und eng gepflanzt, der Untergrund ist düster und von moderndem Laub bedeckt. Etwas drückt auf meine Brust. Tautropfen lösen sich von den Buchen und Fichten. Sie stürzen hinab, in die Tiefe, wie die Augenblicke, Tage und Jahre meiner vergänglichen Existenz.

Auftragsvergabe

Die Busfahrerin hält am Waldrand. Ein kantiger Kerl lässt von seiner Arbeit im Holz und tritt an die Tür, in den Linienbus.

„Ja grias di!“, begrüßt er die Busfahrerin, es folgt ein Servus an die Fahrgäste.

„So du mein Lieblingslandschaftsgärtner“, entgegnet die Fahrerin. „Wie geht‘s?“

„Sei froh, dass du kein Borkenkäfer bisch. Sonst müsste ich dich fällen.“

Gelächter, der Schlagabtausch geht ein paar Runden weiter, die Fahrgäste warten geduldig. Dann flicht die Busfahrerin wie nebenbei ein: „Die Platten wackeln. Mein Mann sagt, du müschtsch vorbeikommen.“

Damit ist alles geschwätzt. Der Kerle geht wieder ans Holz, der Bus rollt weiter übers Land, alle lächeln.

Stille Höhen

Im Tal ist es kalt. Handschuhe wären nicht verkehrt, denke ich mir. Wir verpassen den Pfad in die Höhe, aber letztlich ist es egal, denn in eine Richtung müssen wir den Talweg so oder so nehmen. Eine Kuh auf einer Wiese gefällt uns, ein kräftiges, dunkles Rind mit markanten Linien, wir denken beide an ein Urrind. Dann schweigen wir wieder. Ich hänge düsteren Gedanken nach, nach einem Gespräch ist mir nicht.

Oben reden wir. Die Sonne löst die Zunge, lachend schieben wir die Ärmel zum Ellbogen zurück. Es ist warm auf Halbhöhenlage. Weite Hänge aus braunem Gras fallen unter einem blauen Himmel ab, Geröll strahlt im Licht. Unter uns rosten Buchen, die paar Bäume heroben – Bergahorn, Birke – sind bereits kahl, Sattgrün tragen einzig die Latschen. Oben dann weiß der Schnee im grauen Gestein.

Es ist still. Tief unten rauscht der Fluss, eine Dohle krächzt auf, ein Verkehrsflugzeug brummt, leider, aber ansonsten ist es still. Eine Durchgangsstraße kann den Erholungswert eines ganzen Bergtals zunichte machen. Das Stillachtal hin zu Deutschlands südlichstem Flecken aber ist eine Sackgasse. Die Stille ist ein Segen.

Dann ein sehr trockenes, hartes Klacken, gedämpft und doch mit einer Macht, die zum Schweigen verurteilt. Wir halten inne. Stein schlägt auf Stein, Fels fällt, fällt, fällt. Ein Steinschlag, drüben, jenseits des Tals, an den 2500ern. Ein Geräusch bar jeder Gnade. „Hoffentlich ist nichts passiert“, flüstert jemand.

Dann herrscht wieder Stille.

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