Warum nur kreist der Bussard über mir …

Warum nur kreist der Bussard über mir auf meinem Weg in meine Vergangenheit?

Vom Bahnhof bin ich hinaufgewandert auf den Hügel, eine Stunde Fußmarsch vom Ort meiner Geburt dorthin, wo meine Ahnen seit ein paar Generationen wohnen. Habe bei der Großmutter ein Käsebrot gegessen und eine Flasche geleert und bin dann weitergegangen. Habe drüben auf der nächsten Endmoräne schon mein Ziel gesehen, jenen Weiler, in dem ich wichtige Jahre meiner Kindheit verbracht habe und vielleicht bald dorthin zurückkehren werde.

Ich verlasse den Schotter der Feldwege und nähere mich über Sommergras dem schmalen Wäldchen auf halber Strecke zwischen beiden Hügeln. Wie oft war ich als Kind diesen Weg gegangen, auch in einem Alter schon, in dem man heute keine Kinder mehr hinauslassen würde ohne Aufsicht, und wie viele Jahre, ja Jahrzehnte waren seit dem letzten Mal vergangen, denke ich mir ehrfürchtig. Und dann kreist der Vogel über mir. Schrei um Schrei stößt er aus, während er über mir zirkelt. Was will er von mir? Es ist Juli und eigentlich schon zu spät für die Brutpflege, zu spät im Jahr für einen Angriff auf menschliche Störenfriede.

Ich trete in den Wald, suche mir einen Weg durch das Gestrüpp, den nadelbedeckten Boden hinab, staune darüber, hier zu sein. Als ich den Wald verlasse, ist der Vogel wieder über mir. Er begleitet mich auf meinem Weg zurück in meine Biographie wie ein Geisterwesen aus Carlos Castanedas Büchern. Ich lasse die Hände frei schwingen, die Finger leicht nach innen gekrümmt. Vor mir fallen Vergangenheit und Zukunft ineins.

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14 Gedanken zu „Warum nur kreist der Bussard über mir …

  1. Claus Kullak

    In der Stadt hört man den Ruf des Bussards, der frei seine Flügel schwingt. Man kann ihm folgen – weit über die Felder und durch die Auen. Aber in den Dörfern hört man ihn nicht. Dort ist der Ruf der Stadt lauter.

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      1. Claus Kullak

        Sicherlich, ab und an. Aber lies noch mal nach. Ich wollte mehr zeigen, dass man sich in Städten und Wäldern wohlfühlen kann, nicht aber in Dörfern. Mit denen teile ich keine guten Erinnerungen.

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      2. zeilentiger Autor

        Ah, ich verstehe! Ja, ich stimme dir zu … Soweit ich das kann, denn in einem Dorf habe ich nie gelebt. Stadt – oder Weiler. Das Dorfleben, das verhasste, enge, bigotte, das kenne ich selbst nicht oder nur vom äußersten Rande, als nicht teilhabender Satellit aus einer der umliegenden einsamen Streusiedlungen.

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    1. zeilentiger Autor

      Als ich über die Kreuzung trat und damit auf den Schulweg, den ich ein paar Jahre gegangen bin, erkannte ich sofort die Birken wieder am Wegesrand. Das war ein Staunen, denn sie waren anders als die Eschen weiter oben am Weg aus meinem Gedächtnis gerückt für all die Zeit.

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  2. Herr Ärmel

    Ist zwar schon wieder einige Tage her – dennoch will ich nicht versäumt haben, Ihnen die Zufriedenheit zu wünschen, die sich zuweilen einstellt, wenn Abschied und Ankunft in eins zusammenfallen.
    Abendgruss,
    Herr Ärmel

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  3. kaetheknobloch

    Zigfach nahm ich den Anlauf, Ihren rückkehrenden Neuanfang hier zu begleiten, nun nehme ich mir die Zeit.
    Alles Gute dafür ist so oft angedacht, nun steht es fest geschrieben, lieber Zeilentiger. Unsere Wege sind oftmals überraschend für uns selbst, nutzen wir jede Abzweigung als Möglichkeit der Horizonterweiterung.

    Ich freue mich auf alle weiteren Texte, Sie schreiben einem ins Herz hinein.
    Herzliche Grüße aus Lipperlandien, stets die Ihre Frau Knobloch, immens zugetan.

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    1. zeilentiger Autor

      Unsere Wege sind manchmal überraschend, ja. Danke für Ihre schönen Worte und guten Wünsche!
      Herzlichst, Ihr Zeilentiger

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