Gezeitenwechsel

Nach Wochen, ungezählt, in kurzer Bekleidung, den beringten Zeh nackt ins Licht gestreckt, wenn nicht in Stiefel gebettet in felsiger Höhe, gestern noch in den südlichen Alpen geschwitzt, sehe ich heute eine Wolke, wenn ich ausatme in die herbstliche Kühle. Die Jacke ist bis zum Kinn hochgezogen, Regentropfen akupunktieren das Gesicht, Wind schmerzt am Ohr.

Ich schaue hinein in den dunklen Forst, aus dem eben der Greif gellend entwichen, und ich spüre den rauen, moosigen Atem des Wilden Mannes. Dann trete ich in den Tann, ins Reich der Frösche, des Geheimnisses verwesender Vögel und bebender Rehe, und lächle.

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Der Tanz im Formarinsee

Ist er nun blau oder grün, dieser Schmelzwassersee im Lechquellengebirge? Der Himmel spiegelt sich in ihm. Der Fels. Die Bergwiesen und Latschenkieferngesträuche. Wir steigen nackt ins Wasser, es ist so kalt, dass nur rasche Züge hinein in seine Tiefe vor der Aufgabe retten. Die Steine am Grund sind selbst dort noch zu sehen, wo die Zehen den Boden nicht mehr erreichen. Von der Sonne gekrönt, heiligen Lichtbahnen unsere Schatten.

Wir kreisen umeinander, immer und immer wieder, mal erstrahlen Augen grün, dann blau. Küsse über der Wasserlinie, ein Sichfinden an der Grenze des Ertrinkens. Dann Flucht: Blau bricht das Wasser auf um ihren Leib. Dann Pirsch: Grün bleibt ungekräuselt, wohin ich, augenverankert, ihr folge.

Als auch die Küsse die Kälte nicht mehr abhalten, schwimmen wir in den Uferbereich zurück, die Füße suchen einen Stand im schlammigen Grund, wir umarmen uns, halten uns, schwankend wie Bambus im Wind, bis die Fischlein an unseren Beinen knabbern. Dann entsteigen wir, auf die warmen Felsen hinauf, dem Wasser, und ich weiß schon nicht mehr, war es blau oder grün.

Formarinsee_Alpen_Lechquellengebirge_Bergsee_Vorarlberg

Gedanken beim Queren einer Brücke

Gen Bregenz quert die Bahn einen Fluss, er kommt aus den zum Greifen nahen Bergen herab. Gemächlich schwimmen Menschen im grünen Wasser, nicht eiserstarrt wie in den Alpenbächen, sondern als sei es eine absolute Selbstverständlichkeit, im Sommer im Fluss zu schwimmen. Stein, Wasser, Wind, Wärme, Licht an der bloßen Haut und schon ist der Zug weitergerollt, der Fluss verschwunden. Eine ungeheure Sehnsucht bemächtigt sich meiner. So, schreit etwas in mir auf, so will ich leben, nicht tage-, nein wochen-, monatelang.

Im Allgäu loben die Menschen ist das wieder ein guter Sommer und ich, ich verstehe nicht, was sie sagen und warte noch immer auf ihn.

Berge_Alpen_Tirol_Sommer_Bach_Bergbach_Baden_Frische

Die Kraft und die Herrlichkeit

Ein Schuss, ein Hall, dann wieder die Glocken des Jungviehs. Das Himmelsrot jenseits der Wälder verblasst, kühl zieht es von den Wiesen herauf. Immerhin war es am frühen Abend noch versöhnlich warm, versöhnlich sonnig nach widrigen Tagen.

Die Kraft war mir ausgegangen, so gründlich, dass ich eine Bergtour vortags nach einer Viertelstunde abgebrochen hatte. Es ging nicht, warum auch immer. Es ging gar nichts – körperlich, seelisch, geistig nicht. Aber das ist natürlich auch wieder Unsinn, das bezeugen die ordentliche Wohnung, der umgeschichtete Lesestapel, die guten Gespräche, der Duft in der Küche, in der ich an einem Wochenende drei, vier Rezepte aus einem spanischen Kochbuch ausprobierte. Der Knoblauch ging als Erstes aus.

Versöhnlich warm und versöhnlich sonnig also der Ausklang des Wochenendes und ich öffnete die Balkontür, durch die die Sonne bis unter den Schreibtisch fiel, und ich zog mich aus und legte mich in diese Schneise aus Licht. Und während ich die Ellbogen links und rechts an den Kästen des Schreibtisches abstützte und die Maserungen der Schublade über mir musterte, ließ ich, vielleicht zum ersten Mal seit Tagen, wirklich los. Und die Kraft kehrte zurück und mit ihr die Herrlichkeit.

Es ist ja dieser eine Satz, den ich, in der mir vollkommen fremd gewordenen kirchlichen Sphäre, ganz und gar bejahe, der, während ich alles davor und alles danach nur aus kühlster Ferne wahrnehme, hinausschmettern möchte, jedesmal wenn ich ihn höre: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Wie vor ein paar Tagen wieder einmal, als mich eine Beerdigung nach langer Zeit in eine Kirche hineingeführt hatte, in die Dorfkirche aus Kinderzeiten, der Sebastian rechts vorne immer noch von Pfeilen durchbohrt, alles immer noch begraben unter den Ausschweifungen des Barock. Fremd war mir alles: das Dorf, die Kirche, das Ritual, die Menschen. Alles schien mit Bedeutung aufgeladen, keine Geste war willkürlich, nur dass ich diesen Zeichencode unter der permanenten Beobachtung aller durch alle nicht verstand, nur selbst beobachten konnte, alles und jeden beobachten, und dabei wusste, wie mich jeder als Fremden erkennen würde, nein, nicht einmal am Gesicht, sondern an dem, was ich tat oder nicht tat zwischen ihnen, vor dem Grab, auf dem Weg zwischen Tür und Bank.

„What am I Doing Here“ ist eine Textsammlung von Bruce Chatwin überschrieben, die ich im Flugzeug nach Tansania gelesen hatte, und das fragte ich mich: Was mache ich hier? Ich gehöre nicht hierher, wie ich nirgendwo sonst hingehöre, nicht in die Stadt, nicht aufs Land, nicht in die Ferne noch in die Heimat, nicht hierhin, nicht dorthin. Als ich merkte, wie ich mich in ein ehernes Hemd aus Selbstmitleid zu rüsten drohte, hielt ich inne. Wie wichtig doch auch die Menschen sind, die am Rande stehen! Reisende, Beobachter, Fragensteller, Brückenbauer, Zweifler, wie Bruce Chatwin etwa.

In Afrika erklang jeden Morgen neben der Hotelterrasse der Gottesdienst. In Suaheli und trotzdem waren am Rhythmus, an der Sprachmelodie die Elemente des Zeremoniells wiedererkennbar, während wir mit Blick auf den Victoria-See frühstückten oder unsere Unterlagen für den Tag durchgingen. Doch eines war entschieden anders: die Musik. Sie klang nicht nach zur Schau getragenen Leidensmienen, sondern stieg als mehrstimmiger Lobgesang in die Höhe, von Trommeln und Freudentrillern begleitet, eine Feier der Herrlichkeit, ein wahrhaftiges Halleluja von beinahe zu Tränen rührender Schönheit.

Die Finger fahren nun über die Tomatenstaude und an ihnen bleibt ein Duft des Paradieses zurück. Er mischt sich mit den Aromen frischgebackenen Brotes und gerösteter Auberginen aus der Küche. Kenny Wheeler bläst auf seiner Trompete, zum Gesang von Norma Winstone, zu Gedichten von Fernando Pessoa. Der Himmel dunkelt und das Licht glüht nach. Nicht in Ewigkeit, aber in Kraft und Herrlichkeit.

Kwa heri

Wir verabschieden uns von ihm dort, wo von der Straße aus der Weg aus roter Erde in den Bananenwald hineinführt, unter den mächtigen Bäumen, die in den Himmel zu streben begonnen hatten, als sein Urgroßvater hier lebte, ein großer Krieger in jener Zeit, als die Deutschen das Land unterwarfen. Damals wurde unter diesen Bäumen den Göttern gehuldigt, jetzt versammelt uns die Ordensschwester zu einem Abschiedssegen.

Wir stellen uns in einen Kreis, zehn Hände auf den Schultern des Nachbarn. Wind raschelt in den Bananenblättern. Die Ordensschwester dankt für unsere Begegnung, bittet um die Kraft, dass wir unsere Wege in eine vielleicht bessere Welt weitergehen, dass die Liebe und die Achtung zwischen uns bewahrt bleibe.

Dann verabschieden wir uns von ihm, ich spüre, wie sich das Brillenetui in seiner Hemdtasche gegen meine Brust drückt und ich ihn, den ich erst seit wenigen Tagen persönlich kenne, vermissen werde. Seinen unerschöpflichen Humor. Seine Gelassenheit. Seine zutiefst afrikanischen Ausrufe „ah-haaa!“, „ihhhhh!“, „ehhhhh!“. Seine Gabe, zwischen Sprachen, Kulturen, Interessen klug übersetzen zu können. Seine Entschlossenheit, in einer Zeit, als er sich bereits auf den Hof seiner Vorväter – ihre Gebeine liegen zwischen den Bananenbäumen und Kaffeesträuchern – zurückgezogen hat, nochmals einzusetzen für das langjährige, nun schwankende Projekt, von dem doch die Menschen, die Böden, die Umwelt profitieren.

Ich erwarte nicht, dass wir uns noch einmal wiedersehen werden. Als wir ihn zwischen den Bäumen zurücklassen, steige ich ganz hinten im Auto ein. Ich möchte nicht, dass, während zuerst er zwischen den im Wind schwankenden Blättern verschwindet, dann die heiligen Bäume, schließlich die rote Erde Afrikas zurückbleiben, jemand meine Tränen sieht.

Fieberträume

Um halb 11 Uhr eines wolkigen Frühsommerabend gehe ich zu Bett. Später in der Nacht erwache ich, weil der Mond so unerwartet krass ins Zimmer scheint. Als ich das nächste Mal erwache, zeigen die Leuchtziffern genau Mitternacht, der Himmel ist wolkendunkel und ich traue meinen Augen nicht. Unmöglich können erst anderthalb Stunden vergangen sein, seit ich mich schlafen gelegt habe. Es fühlt sich nach sehr viel mehr Zeit an. Und umöglich konnte der Nachthimmel in so kurzer Zeit mehrmals so stark gewechselt haben. Die Realität wirkt sehr dünn und brüchig in diesem Moment. Ich schaue auf die Uhr und die letzte Ziffer springt von der 0 auf die 1 und ich weiß nicht, ob mich das beruhigt oder mich vielmehr gerade beunruhigen sollte, weil die Uhr – die falsche Wirklichkeit – begriffen hat, dass ich beunruhigt bin und mich nun mit dem Wechsel der Minutenanzeige, diesem Ablauf scheinbarer Normalität, beruhigen, in Sicherheit wiegen will. Dass da das Fieber bereits zum Angriff angesetzt hat, wird mir erst am nächsten Tag klar.

Früher hielt ich Afrika für den Kontinent der Verheißung. Als in der dritten Klasse eine Schulstunde ausfiel, wurden wir zur Handwerksstunde der Parallelklasse gesetzt und sollten ein Bild malen, irgendetwas Langweiliges, durch und durch Banales aus dem Lebenskreis eines Drittklässlers, vielleicht das Lieblingsspielzeug oder die Geschwister oder ein Haustier. „Darf ich auch Afrika?“, fragte ich, erhielt ein Ja und legte strahlend los. Das Papier füllte sich mit Bergen, Dschungel, Wüsten, Giraffen, Nashörnern, Löwen, Affen, Schlangen, Palmen, Flüssen, Eingeborenendörfern, Speerträgern, Trommeln und einem Tropenhelmforscher, ein Sammelsurium an Klischees. Später malte ich mir aus, eines Tages aus einem Boot hinauszuspringen auf einen Strand und einen heiligen Schauder zu spüren, wenn mein Fuß afrikanischen Boden berührte. Kein Flugzeug tief in den Kontinent, keine Fähre in eine dreckige Küstenstadt sollte mich nach Afrika führen, sondern Pioniertat. Die Vorstellung war furchtbar lächerlich. Heute, in den Zeiten der Migrationsbewegungen über ebenjene Strände hinaus aufs tödliche Mittelmeer und hinüber nach Europa, ist sie lächerlich und traurig. Dort war ich übrigens noch nie, in Afrika. Auch das ist bezeichnend.

Der Glaubenssatz des Inneren Kindes kann die größte Herausforderung im Leben darstellen, was – gelänge es, einen Schritt zurückzutreten – sehr komisch wäre, denn alles womit man dabei ringt, ist nichts als eine Überzeugung, geformt in einer längst vergangenen Zeit. Manche Menschen kämpfen mit sehr handfesten Herausforderungen; andere mit einem vor Jahrzehnten gespeicherten Gefühl.

Als ich, die Beine parallel, die Füße verwurzelt, das kühle Gewicht auf den Schultern, langsam in die Beuge der Knie gehe, spüre ich die letzte Schwäche des Fiebers, fühle ich das Gedankenkarussell aus Selbstverurteilungen, weiß ich, dass ich Teile dieses Satzes zitiere aus einem kürzlich erst geschriebenen Blogtext – ich verharre zwei Augenblicke und strecke mich, den Atem ausstoßend, in einer geraden Linie wieder nach oben und beginne von vorn, bis mir der Schweiß die Schienbeine hinabrinnt, das Herz hämmert, die Muskeln brennen. Als ich die Stange ablege, lege ich sehr viel mehr ab als nur das Eisen. Dann lache ich.

Morgen geht es nach Afrika.

… und glühen, so sehr es nur geht!

Es gibt ein Kleidungsstück, das wie kaum etwas anderes für Glück, für das gute Leben steht. Man nehme eine alte, rissige Jeans und schneide sie – möglichst nachlässig, vielleicht schief mit einem Küchenmesser – unter den Knien ab. Je öfter die Hose bereits geflickt wurde, desto besser. Jeder neue Riss im Stoff ist zu begrüßen. Fransen hängen herab, manchmal fallen sie aus wie die Federn eines Vogels. Die gute Zeit, das gute Leben ist dann, wenn ich diese Hose – und möglichst: nur diese Hose – tragen darf. Wenn es nach mir ginge, dürfte das einen ganzen Sommer lang sein oder auch eine Ewigkeit – den Ewigen Sommer, einem zeitenthobenen Glück voller Wärme, das wir lachend, frei, mit kupferfarbenen Schultern durchstreifen. Ein Traum vom verlorenen Paradies und zugleich Erinnerung an eine Kindheit, wie ich sie so vielleicht gar nicht hatte.

Heiß die Sonne am Morgen schon im Frankenlande. Verschwenderisch die Landschaft und sonnenvoll: Getreidefelder, warme Hügel, üppige, süße Kirschen in unendlicher Fülle – ich denke an die kleinen, sauren Früchte meiner Großmutter im Allgäu, überhaupt das Allgäu in seiner ganzen Unterkühltheit ein einziger Kontrast dazu. Vor zehn Uhr morgens nehmen wir bereits den ersten Schluck Bier im Garten einer jener fränkischen Kleinbrauereien, aber das lassen wir dann schnell wieder, denn Alkohol und Ausschreiten, das geht nicht gut zusammen. Der Gesang der Grillen begleitet uns zwischen den schmucken Dörfern – Sandstein, Fachwerk, am Ortseingang ein Schild mit allen wichtigen Terminen: Johannisfeuer, Kirchweih, Erntedank -, eine Steige im Wald, dann wieder das Gold der Äcker. Mittags schließlich ein stählerner Glanz in der Luft. Ich frage mich, ob der Hochsommer 1914 auch diesen Glanz hatte und die Menschen zu der wahnsinnigen Vorstellung verleitete, der ausbrechende Krieg sei nichts als ein reinigendes Gewitter.

„Der Sommer geht“ heißt ein Roman, der mich damals mit 16 sehr beeindruckt hatte. Und es liegt ja im Glück jedes heißen Sommertages bereits der Stachel seines Endes. Lachen oder weinen? Die wärmsten Wochen stehen uns noch bevor, die Küche duftet nach Olivenöl, Weißwein, Knoblauch und Thymian, es ist gen Mitternacht und noch immer warm. Also lachen – lachen und genießen! Das Morgen und die Vergänglichkeit des Sommers vergessen und glühen, so sehr es nur geht!

Mit Dank an Benjamin R.