Allgäuer Ethos

„An den Kässpatzen erkennt man, dass die Wirtin ein ehrlicher Mensch ist. Sie spart nicht an der Butter und nimmt immer einen guten Käse.“

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Einem Fluss entstiegen

Und dann die Reinheit der Apfelblüten, zart das Birkenlaub, im Windschatten warm genug für kurze Ärmel, während zuhause ein Junge barfüßig das Eis am Rande eines Weihers bricht. Die Berge verschleiert von Dunst, hingehaucht, blass auch dann noch, als sich der Zug zwischen die ersten Höhen schiebt.

Das Gleis schmiegt sich an die Biegung des Flusses, trennt sich, vereinigt sich wieder. Möwen fliegen über den Bergwassern aus geschmolzenem Eis – Licht über Kieseln.

Wie gerne würde ich jetzt in diesen Fluss steigen! Und erneuert, neugeboren, aus seiner Kälte steigen. Ich erhebe mich, Wasserperlen funkeln auf der zitternden Haut, und ich setze meine Reise fort in neue Länder, furchtlos und klaren Auges. Eine Hand schiebt sich in die meine und ich erinnere mich, diesem Fluss bin ich gestern erst entstiegen.

Am Abend werden wir am anderen Ende dieses Gebirges unser Heim erreichen.

Trastevere

Gestern quoll Wasser aus dem Untergrund, klares, kaltes Wasser, das sich über das Kopfsteinpflaster ergoss. Das Leben drumherum ging ungestört weiter, die noch geöffneten Läden in den Altstadthäusern, die Bars, Bistros, Restaurants im warmen Lampenlicht, das eine beinahe weihnachtliche Milde verbindet mit der Glückseligkeit des mediterranen Lebens auf der Straße. Nur ein städtischer Mitarbeiter steht vor seinem Dienstwagen und blickt versonnen auf das strömende Wasser und wartet auf den Bautrupp.

Heute Morgen ist der Schaden behoben, ein Warnschild steht im Weg, zwei Quadratmeter Teer glänzen zwischen dem Kopfsteinpflaster, Notwendigkeit und ästhetischer Fehlgriff zugleich wie Schorf auf der Haut.

Ein Trupp von Kanalarbeitern, graugewandet und mit Gelassenheit gesegnet, zieht durch das Viertel und prüft alle Wasserverschlüsse unter den Metallabdeckungen der Gassen. Ein Koch quert die Straße, lehnt sich auf der Sonnenseite an ein von Graffiti gezeichnetes Holztor einer vergangenen Zeit und zündet sich eine Zigarette an. Steifbeinig gesellt sich ein Gitarrenträger hinzu, es folgt ein höflicher Austausch, dann rückt der Koch zur Seite, raucht an der terrakottafarbenen Wand weiter und der Spielmann holt für die Touristen sein Instrument heraus.

Da aber stellt der Kellner das Tässchen auf den Tisch, der Gast hebt sie an die Lippen, schließt die Augen und genießt die Bitterkeit des süßen Lebens.

Leipzig Süd

Der Guss der Milch aus dem Gelenk der beringten Hand in das Rund der Kaffeetasse.

Buchweizentarte auf weißem Marmor, der Espresso Perfektion in der angemessenen Schlichtheit seiner Tasse. Tulsi-Kräutertee und Eisenkraut, beides duftend, im einen Kännchen senkt sich das Teesieb nicht ganz, im anderen das Kraut nicht, das an der Oberfläche schwimmt, bis der Löffel es hineintunkt ins heiße Wasser.

Cafés als Ruhepole, in denen es mir gelingt, was sonst schwierig: zweckfrei nichts zu tun und mich selbst dabei zu ertragen.

Blauer Glanz der Dämmerung.

Tauwetter

Es apert. Morgens, da trägt die Schneedecke. Später am Tage aber verwandelt sich die Oberfläche in einen sulzigen Brei und der Fuß bricht durch die noch feste, aber nicht mehr tragende Schicht darunter. Noch ist das Allgäu schneeweiß, aber von den Rändern her – an Waldsaum und Südhängen – breitet sich der Vorfrühling aus und gibt in diesem Jahr zum ersten Mal Gras und Erdreich dem gierigen Auge preis. Sonnseitig tropft Schmelzwasser von den Dächern und Vögel hört man wieder pfeifen, die ersten Stare sind zurück von jenseits der Alpen.

Der Weg zum Haus meiner Ahnen ist noch immer eine vereiste Fläche. Mit einer Stoßscharre hacke ich schattseitig einen Pfad frei, um der Großmutter das Gehen zu erleichtern, ein Stück weit zumindest bis knapp vor den Briefkasten, bis die Hand schmerzt. Dann gehe ich auf die Sonnenseite hinüber und finde dort, am anderen Seite des Grundstücks, einen trockenen Streifen zwischen Schneeflächen und der Haselnuss, die schon anschwillt, um bald ihre Pollen freizugeben. Dort breite ich ein Handtuch aus, ziehe mich aus, strecke mich. Wie mein Körper nach den Küssen der Sonne giert! Es ist Mitte Februar und ich liege nackt im Licht, die Berge im Blick.

Später, nach Kässpätzle und Mohnkuchen, verstaut der Onkel zwei große Stücke Bergkäse in seinem Trompetenkoffer, gleich Schmuggelgut auf seiner Rückfahrt ins ferne Berlin. Der Abendhimmel dann eine Palette von Pastellfarben und ein Versprechen für den nächsten Tag.

Getragen

In die gleißende Helle hinaus. Bei Minusgraden barfuß und im T-Shirt in den funkelnden Schnee für ein paar Fotos. Mir frieren allein schon die Finger an der Kamera. Zum Glück ist nicht Instagram der Anlass für die Bilder, das würde ich ja im Leben nicht aushalten.

Dann, wieder beschuht, einige Schritte den Horizont hinauf. Niemand war vor uns auf dem Schnee, unberührt bis auf die Fährte eines Fuchses, die wir kreuzen. Manchmal trägt der Harsch – ein Knirschen unter den Stiefeln wie das geduldige Krümeln von Keksen , ein erhebendes, eben tragendes Gefühl, als könne man über Wasser gehen. Ein Wunder jeden Winter wieder.

Und manchmal trägt der Harsch nicht und die Füße krachen durch die Platten. Das ist dann kein Kekskrümeln mehr, sondern der Biss eines Tyrannosaurus Rex durch ein Iglu hindurch. Wehe seinen Bewohnern.

Schnee_Winter_Allgäu_Harsch_Licht_Spuren

 

Unten am Fluss

„Ich gehe lieber in Schweigen“, lehne ich das Angebot freundlich ab und drehe mich in die entgegengesetzte Richtung für meinen Spaziergang.

Manchmal glaube ich, in Worten zu ertrinken – in Worten, Stimmen, Reizen. Vor einem blinkenden Deckenlicht schließe ich die Augen, ein schneller Filmschnitt verursacht mir Übelkeit und nachdem ich in einem fremden Bad nach einem gewöhnlichen Duschgel gegriffen hatte, musste ich mich anschließend augenblicklich nochmals duschen, weil es mir vor dem Geruch auf meiner Haut so sehr ekelte.

Vielleicht bin ich deshalb aus der Stadt aufs Land zurück, was mir nur wenige Jahre zuvor noch als unmöglich erschienen wäre. Zurück also aus jenem Kosmos aller Möglichkeiten, dem Leben unter Strom, den nie ruhenden Verschiebungen von Menschen, Dingen, Informationen, Energie, den harten Flächen aus Asphalt und Beton, jede Kante ein Angriff auf mich.

Manchmal möchte ich nichts als Flöte spielen unten am Fluss.